Auf dem Weg nach Pfingsten (4): Thomas Söding aus Münster

Was bedeutet Ihnen der Heilige Geist, Herr Söding?

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Obwohl er anders ist als jede Vorstellung – ein Bild braucht es wohl, wenn an Pfingsten die Herabkunft des Heiligen Geistes gefeiert wird. In der Bibel ist von Feuerzungen und dem Brausen eines Sturms die Rede. Was bedeutet er heute? Fünf engagierte Menschen aus dem Bistum Münster sagen in dieser Themenwoche, was sie mit dem Heiligen Geist verbinden. Diesmal: Thomas Söding aus Münster.

Pfingsten ist das Fest, an dem eine uralte Verheißung wahrgeworden und ein Trauma geheilt worden ist. Die Verheißung: dass es eine echte Verständigung geben kann, inspiriert von Gott. Das Trauma: dass die Vielfalt der Menschen die Quelle von Hass und Streit ist.

In Jerusalem kamen Menschen aus aller Herren Länder zusammen. In allen Muttersprachen dieser Welt konnten sie hören und sagen, dass Gott groß ist und dass seine Größe die Menschen nicht kleinhält, sondern groß macht. Alle sind jüdisch: Pfingsten ist nicht die Stunde Null der Heilsgeschichte, sondern eine Wende in der Geschichte, ausgelöst durch Jesus, seinen Tod und seine Auferstehung. 

Gottes Liebe stärker als der Tod

Der Autor
Thomas Söding
Der Theologe Thomas Söding ist Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum und lebt in Münster.

Eine reine Erfolgsgeschichte ist es nicht, die damals begonnen hat. Im Gegenteil: Auch diejenigen, die sich im Namen Jesu Christi auf den Heiligen Geist berufen, haben mit Gott ihre eigenen Machtgelüste zu verbrämen versucht und Gewalt ausgeübt: gegen Juden zuerst, aber auch sehr stark untereinander – wer den rechten Glauben und wer den falschen Glauben hat. 

Desto wichtiger ist die Rückbesinnung auf den Anfang: Es ist befreiend, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod. Es ist eine unendliche Hoffnung, dass ein Mensch, Jesus von Nazareth, Gott ist und Gott in diesem Jesus, der Mensch bleibt auch nach seiner Auferstehung. Es ist atemberaubend, dass Gott, der Eine, der Heilige, der Lebendige, sich nicht abwendet, sondern zuwendet, wenn Streit und Missverständnisse das Leben von Menschen vergiften.

Gott Geist kommt. Er kommt herab, um zu erheben. Er kommt wie Feuer, um alles zu verbrennen, was andere Menschen zerstört, auch die eigene Person. Er will das Herz füllen: die Sehnsucht, mit anderen Menschen zusammen zu leben, zu beten, zu handeln. Gottes Geist schärft aber auch den Verstand: Sprechen können, etwas zu sagen haben, andere Sprachen zu verstehen. Pfingsten sagt: Es muss kein Traum bleiben, es kann Realität werden. Pfingsten ist der Anfang – immer neu.

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