Interview mit Anna Neumaier vom Zentrum für angewandte Pastoralforschung ("zap") in Bochum

Verlieren wir wegen Corona die "Weihnachts-Christen" vollends?

Wenn wegen Corona weniger Plätze in den Weihnachtsgottesdiensten zur Verfügung stehen, droht der letzte Kontakt zu jenen Christen verloren zu gehen, die nur einmal im Jahr zur Kirche kommen. Das sagt Anna Neumaier vom "zap", dem Zentrum für angewandte Pastoralforschung in Bochum. Was in diesem Jahr zu Weihnachten zu tun ist, damit das nicht geschieht, sagt sie im Interview mit "Kirche-und-Leben.de".

Frau Neumaier, was glauben Sie: Wie groß wird die Lust der „Fernstehenden“ sein, in diesem Jahr zum Krippenspiel unter Coronabedingungen zu kommen?

Prognosen sind natürlich schwierig, weil ein entscheidender Faktor auch die Infektionszahlen sein werden. Gerade steigen die Zahlen rasant, daher bin ich heute skeptisch, dass wir 2020 eine annähernd vergleichbare Nachfrage nach Gottesdienstbesuchen haben werden. Studien zeigen auch, dass entgegen den lauten Stimmen Einzelner die deutliche Mehrheit der Bevölkerung umsichtige Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie befürwortet. Und: Der Weihnachtsgottesdienst ist doch häufig ein Familienereignis – und wie viele Familien werden tatsächlich Opa, Oma oder eine andere besonders gefährdete Person an Heiligabend alleine zuhause lassen? Ich kann mir vorstellen, dass sich einige dann lieber ein gemeinsames Alternativprogramm suchen.

Der erste Reflex vieler Kirchengemeinden: Wir erhöhen unser Gottesdienstangebot. Wie bewerten Sie das?

Ich habe mich zugegebenermaßen zuerst gefragt, ob das all den beteiligten Mitarbeitenden zuzumuten ist. Das betrifft ja nicht nur die Hauptamtlichen, sondern auch viele Ehrenamtliche. Zudem: Bietet sich hier nicht auch die Chance, einem so herausfordernden Jahr mit einem gleichermaßen außerordentlichen Format zu begegnen, das die Botschaft, die den Kirchen zu Weihnachten wichtig ist, besonders nachdrücklich vermitteln kann? Zumal der klassische Weihnachtsgottesdienst, aber dann in einer Dreiviertel leeren Kirche, ohne Gesang und Krippenspiel, möglicherweise auch vielen nicht das bietet, weshalb sie normalerweise kommen.

Was empfehlen Sie, um die Chance zu diesem oft einmaligen Kontakt nicht völlig zu verlieren?

Anna NeumaierAnna Neumaier leitet das Kompetenzzentrum Digitale religiöse Kommunikation des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (zap) in Bochum. | Foto: pd

Dieser Punkt ist extrem wichtig, und den möchte ich auch nochmal unterstreichen: Der Kontakt im Weihnachtsgottesdienst ist für eine große Zahl von Kirchenmitgliedern, für all jene an den Rändern von Kirche und darüber hinaus einmalig. Er ist entscheidend für die Einbettung von Kirche in familiäre Strukturen, in religiöse Sozialisation, in gesellschaftliches Selbstverständnis. Die Verbindung des Weihnachtsgottesdienstes mit dem Weihnachtsfest ist häufig der letzte Anker, den Kirchen in das Leben sogar ihrer Mitglieder werfen. Aus meiner religionssoziologischen Perspektive kann ich nur sagen: Wenn dieser Anker einmal gelichtet wird, wenn Familien, Paare, Alleinstehende diesmal selbst ganz andere Rituale rund um das Weihnachtsfest entwickeln, steht dieser letzte Kontakt automatisch auch für alle folgenden Jahre zur Disposition. Gerade in Bezug auf diejenigen, für die der Weihnachtsgottesdienst der einzige Kontakt zur lokalen Gemeinde und zu Kirche als Institution ist, steht damit viel auf dem Spiel.

Und was empfehlen Sie nun tatsächlich?

Aus der Außenperspektive würde ich sagen: Der Kontakt zu diesem Anlass muss beibehalten werden, und zwar gleichzeitig persönlich, gemeinschafts- und sinnstiftend. Wie das gehen kann, hängt von Ressourcen und lokalen Gegebenheiten ab. Open-Air-Gottesdienste sind im Gespräch, von einem Stationen-Spazierweg zur Krippe habe ich gelesen – es gibt schon viele gute Ideensammlungen für Weihnachten. Wichtig ist, das, was man vorhat, glasklar und souverän zu kommunizieren. Das ist nicht trivial, denn hier geht es ja häufig um Menschen, die sonst nicht im Kontakt mit der Gemeinde stehen. Gemeindeübergreifende, möglichst bundesweite Konzepte würden eine solche Selbstverständlichkeit und breite Aufmerksamkeit deutlich besser herstellen als der Aushang am Schwarzen Brett der Gemeinde, die ich vielleicht überhaupt erst am 24. Dezember auf dem Weg in die Heimat ansteuere. 

An was für „bundesweite Konzepte“ denken Sie?

Eine Kunst wäre es, sich jetzt nicht in Unklarheit und Partikularisierung aufzulösen, sondern das Verbindliche und Gemeinschaftliche traditioneller Riten weiterleben zu lassen – etwa das Wissen, das mit mir gerade ganz viele ChristInnen in Deutschland Weihnachten feiern. Vor allem aber muss erstmal die Selbstverständlichkeit der religiösen Feier von Weihnachten für diejenigen aufrecht erhalten werden, für die das auch bisher ein Teil der Weihnachtstage war. 
Dann wird es diejenigen geben, die keinen Veranstaltungen mit vielen anderen Menschen beiwohnen können oder wollen. Ich persönlich würde davon träumen, dass jedes Kirchenmitglied in Deutschland mindestens eine kleine Handreichung bekommt, die auch einen Vorschlag zur Feier zuhause beinhaltet, möglicherweise eine Empfehlung für eine Fernseh- oder Internetübertragung. Vielleicht könnte man sogar ein Flashmob-artiges Element vordenken, etwa das gemeinsame Singen aus der eigenen Wohnung heraus, wie es in anderen Ländern ja durchaus während dieser Pandemie ja schon stattgefunden hat.

Muss Corona auch in der Weihnachtspredigt vorkommen – oder sollte die Christmette coronafreie Zone bleiben?

Hier mögen die Geschmäcker der BesucherInnen verschieden sein, und was theologisch geboten ist, müssen andere entscheiden. Mein Eindruck ist, dass es eher angemessen wäre, diesen Ausnahmezustand, in dem wir uns nun seit mehreren Monaten befinden, und der für die allermeisten Menschen ganz einschneidende Belastungen mit sich brachte, in der Predigt aufzugreifen und substantielle Botschaften im Rückbezug auf Erlebtes und in der Vorschau auf Kommendes anzubieten. Gerade in individuellen und gesellschaftlichen Krisenzeiten müssten die Kirchen eigentlich ihr volles Potenzial auffahren.

Drucken
Anzeige