Pfarrer Sascha Ellinghaus kommt auch zum Stoppelmarkt nach Vechta

Was ein Zirkus- und Schaustellerseelsorger erlebt

Eine Taufe? Schon mal auf der Fläche beim Autoscooter. Erstkommunion? Schon mal im Sand der Manege. Sascha Ellinghaus kennt das. Der Pfarrer aus Hagen in Westfalen arbeitet als Zirkus- und Schaustellerseelsorger.

Seit fünf Jahren ist er zwischen dem „Öcher Bend“ in Aachen und der Kirmes in Zwickau unterwegs, zwischen einem Volksfest in Berchtesgaden und einem Zirkus in Kiel. Er tauft Kinder und Erwachsene, führt Kinder zur Erstkommunion, traut junge Paare, segnet neue Wohnwagen und neue Fahrgeschäfte, ob „Krake“ oder Achterbahn. Sakramente spenden und segnen – wie ein ganz normaler Seelsorger. Nur: Er ist immer unterwegs.

120 Hotelübernachtungen im Jahr

In drei Jahren sei er gut 160.000 Kilometer gefahren, rechnet Ellinghaus vor, dazu noch ungezählte Bahnfahrten und Flüge. Auf gut 120 Hotelübernachtungen kommt er im Jahr.

Trauergespräche kennt der Pfarrer natürlich auch. Nur der Ort ist oft ungewöhnlich: eine Raststätte an der Autobahn. Denn Ellinghaus versucht, wenn es nur irgend geht, bei den Trauernden zu sein.Sein Weg lasse sich über seine Posts bei Facebook genau verfolgen; für ein Gespräch fährt er den Trauernden entgegen und die ihm. Auf halber Strecke dann das Treffen an der Autobahn.

Starke Familienverbände

„Die Schausteller leben in starken und engen Familienverbünden, man bleibt auch im Alter möglichst lange dabei, versucht das Altenheim zu vermeiden“, sagt Ellinghaus. „Wenn jemand stirbt, ist die Trauer immer sehr groß.“

Wie der Wunsch nach dem Pastor. Ihrem eigenen Pastor, dem Schaustellerseelsorger. Der kann das gut verstehen. „Sie sind doch immer unterwegs und immer an einem anderen Ort, die Heimat ist immer da, wo gerade der Wohnwagen steht.“ Da solle wenigstens die Seelsorge Beständigkeit vermitteln, durch den nur für sie zuständigen Pfarrer. „Das versuchen wir anzubieten und zu gewährleisten.“

Menschen hinter den Unterhaltungs-Fassaden

Auch im Trauerfall. Natürlich gehe der Betrieb im Zirkus und beim Fahrgeschäft weiter. „Die Schausteller erbringen wie immer ihre Leistung, weil draußen Menschen stehen, die unterhalten werden wollen.“ Erst nachher sei Zeit zum Nachdenken und für die Trauer.

„Genau da setzt dann unsere Seelsorge an. Nicht an den bunten Fassaden von Geisterbahn oder Autoscooter, im Glitzerlicht der Manege. Sondern bei den Menschen, die dahinter stehen und für dieses Unterhaltungsevent arbeiten.“ Dass er unter Zirkusleuten und Schaustellern inzwischen gut bekannt und mit vielen gut befreundet ist, macht ihm die Arbeit leichter.

Er wohnt an einer Autobahnauffahrt

Sascha Ellinghaus lebt in Hagen („ganz nah an einer Autobahnauffahrt“), er hat sein Büro in Bonn bei der Bischofskonferenz. Aber er lebt übers Jahr meist auf Zirkusplätzen, Volksfesten und Weihnachtsmärkten, oft auf der Autobahn. Wo ist denn seine eigene Heimat?

Als Kind hat er in Hessen und im Ruhrgebiet gelebt, in Hagen sein Abitur gemacht, dann Theo­logie studiert. 1998 wurde er in Paderborn zum Priester geweiht. Zuletzt war er Leitender Pfarrer in Dortmund und betreute fünf Gemeinden.

Gespräche auf dem Festplatz

Die Schaustellerseelsorge hatte er daneben schon seit 2002 ehrenamtlich unterstützt, seit 2014 leitet er nun hauptamtlich das Referat Zirkus- und Schaustellerseelsorge der Bischofskonferenz. Immer noch eine spannende Aufgabe, wie er findet. „Wir haben ja keine Kirche und kein Gemeindezentrum, wir müssen immer hingehen zu den Menschen auf ihren Plätzen und ihr Vertrauen gewinnen.“

Hingehen heißt für den Pfarrer auch: ein Rundgang über den Festplatz, Gespräche führen, mal mit dem Riesenrad fahren, sich mal in eine Zirkusvorstellung setzen. „Achtung zeigen vor ihrer Arbeit“, nennt er das. Ellinghaus weiß schließlich, wieviel Arbeit hinter der „Glitzerwelt“ steckt.

Sakramente auf dem Kirmesplatz

Immer unterwegs und viel Arbeit, die meisten Volksfeste am Wochenende – ein normales kirchliches Leben mit dem Gottesdienstbesuch am Sonntag hätten Schausteller noch nie führen können, sagt der Pfarrer. „Aber sie leben sehr traditionsverbunden, und das gilt auch für ihr Verhältnis zu Glauben und Kirche.“

Deshalb sei es ihnen so wichtig, dass der Pastor gerade an den großen Lebenswenden bei ihnen sei. „Die feiern sie am liebsten auf dem Kirmesplatz, um die Kirche an den Ort ihres Lebens zu haben.“

Kirche aus dem Bulli

Für Ellinghaus ist das kein Problem. Er hat in seinem Transporter alles dabei. Gewänder, Altardecken, Kreuze, Leuchter, Osterkerze, E-Piano. „Dieser Ort soll wirklich eine sakrale Atmosphäre haben, ein Kirch-Ort sein.“

Das sei auch den Schaustellern wichtig, sagt Pfarrer Ellinghaus. Ihre Arbeitswelt sei ja kaum getrennt vom privaten Leben. „Da finden sie es sehr schön, dass sie genau dort auch ihren Glauben leben und die Sakramente empfangen können.“

Seinen nächsten Einsatz im Bistum Münster hat Pfarrer Ellinghaus auf dem Stoppelmarkt in Vechta. Dort wird er am Sonntag, 18. August, um 10 Uhr in Kühlings Festzelt den Stoppelmarkts-Gottesdienst feiern. In der Regel kommen dort mehrere hundert Menschen zusammen. Der Stoppelmarkt in Vechta ist für das Jahr 1298 das erste Mal bezeugt und gilt eines der ältesten Volksfeste Deutschlands. Inzwischen ist er auch zum größten Volksfest in Nordwestdeutschland geworden. Nach amtlichen Angaben kommen an den sechs Markttagen rund um das Fest Mariä Himmelfahrt 800.000 Menschen zusammen. Sie bewegen sich auf 160.000 Quadratmetern Fläche und werden von 500 Schaustellern unterhalten. In diesem Jahr beginnt der Stoppelmarkt am 15. August.