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Themenwoche „Hoffnung in Krisenzeiten“ (2)

Was eine Ukrainerin nach ihrer Flucht vor dem Krieg hoffen lässt

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Was lässt uns hoffen in Zeiten des Kriegs in der Ukraine, der Energiekrise und des Klimawandels? Kirche-Leben.de fragt diese Woche Menschen im Bistum Münster: Was lässt Sie hoffen? Der Krieg in der Ukraine hat das Leben von Natalia Osadchuk auf den Kopf gestellt. Im Frühjahr 2022 ist die Ukrainerin mit ihren zwei Kindern nach Deutschland geflüchtet.

Ich bin Ukrainerin, die Tochter eines ukrainischen griechisch-katholischen Priesters, der 1975 von Kommunisten in der Nähe seines eigenen Hauses getötet wurde, weil er sich weigerte, seinem Glauben abzuschwören. In der Nähe des Hauses, das mein Vater in der Hoffnung gebaut hat, dass irgendwann seine Enkelkinder dort laufen würden.

Ich bin ohne Vater aufgewachsen und habe die Schwierigkeiten, die die Tochter eines Dissidenten haben kann, voll und ganz erlebt. Ich habe hart studiert, um die Bildung zu bekommen, die Kindern von Dissidenten in der Sowjetunion nicht zugänglich war.

Spät Zwillinge zur Welt gebracht

1947 wurde meine Mutter mit ihren Eltern nach Sibirien deportiert. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in der Taiga, in einem fremden Land, aber sie gab ihre Muttersprache nicht auf. Meine Familie ist sich also des Preises der „Russischen Welt“ bewusst.

Mein Schicksal war nicht weniger dramatisch. Gott hat mir lange keine Kinder geschenkt. Ich hatte einen schwierigen Weg hinter mir und brachte im Alter von 42 Jahren Zwillinge zur Welt: Sohn Ihor und Tochter Vira. Sie sind jetzt 14 Jahre alt.

Traum von einer freien Ukraine

Ich bin Zahnärztin und habe hart gearbeitet, um meinen Kindern in der Ukraine ein menschenwürdiges Leben und eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Wir haben nie danach gestrebt, in einem anderen Land zu leben. Wir träumten davon, dass die Ukraine ein starker, wohlhabender Staat freier Bürger werden würde.

Der Krieg, er klopfte an einem düsteren, traurigen Morgen an unsere Tür. Er hat mich vor Angst um das Leben der Kinder zittern lassen. Und schon wieder versuchte Russland, für uns zu entscheiden.

Flucht vor dem Ukraine-Krieg

An genauso einem düsteren Morgen machten wir uns auf den Weg. Es war aber keine Reise, wir mussten vor dem Krieg fliehen. Ich hinterließ ein schönes Haus, einen angesehenen Job und die Gräber meiner Eltern. Es war gruselig.

Wir gingen ins Unbekannte. Nur die Hoffnung gab mir Kraft. Es war die Hoffnung, die Kinder in Sicherheit zu bringen. Zehn Stunden lang standen wir an der Grenze neben den anderen Müttern, die ebenso ihr Zuhause verloren hatten und neben den Kindern, die vor lauter Menschenmenge nur den Himmel sehen konnten. Ich suchte bei mir die Kraft, um die Menschen um mich herum zu unterstützen und die Kinder wenigstens irgendwie zu unterhalten.

Aufnahme in Deutschland

Krieg, ein Wort, das zum Umdenken anregt. Wir dachten nicht, dass man so wenig braucht, um glücklich zu sein: einfach nur leben, in eigenem Zuhause, in eigenem Land. Glück ist ein friedlicher Himmel und ein Kinderlachen.

Wir wurden, wie viele andere hunderttausend Flüchtlinge, von Deutschland aufgenommen. Wir sind unendlich dankbar für die ausgestreckte helfende Hand. Wir sind der spanischen Gemeinschaft dankbar, die uns im Spanischen Zentrum in Münster herzlich willkommen geheißen hat.

Schwerer Neuanfang

Meine Kinder sind in Sicherheit. Sie wurden vom Lehrerteam des Immanuel-Kant-Gymnasiums in Münster-Hiltrup aufgenommen, wo sie nun eine hochwertige Ausbildung erhalten. Meine Kinder und ich wurden auch von der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirchengemeinde in der Stadt Münster herzlich aufgenommen.

Es ist schwer für mich. Es ist immer schwer, neu anzufangen. Ich habe angefangen, Deutsch zu lernen. Ich mache mir jedes Mal Sorgen. Auf meine Frage: „Wann werde ich einen fehlerfreien Brief schreiben können?“, antwortet mein Lehrer: „Vielleicht nie, aber es ist kein Problem.“

Gebete für den Frieden

Ich möchte gern so schnell wie möglich die deutsche Sprache beherrschen, um arbeiten zu können und für mich und meine Kinder selbst zu sorgen. Es ist schwer für mich.

Mein Herz ist in der Ukraine. In meinem Heimatland herrscht Krieg. Jeder meiner Tage beginnt und endet mit einem Gebet für den Frieden. Ich schaue in die Nachrichten, spreche den Familien der Opfer mein Beileid aus und verteile Fotos von den im Krieg verschwundenen Menschen.

Solidarität mit der Ukraine

Ich hoffe, dass die Hilfe des deutschen Volkes, der europäischen Länder und der Vereinigten Staaten den Sieg der Ukraine näherbringen wird. Die Welt ist mit der Ukraine. Die Menschheit ist eins.

Ich hoffe, dass meine Kinder und mein unbesiegbares Volk in einer Welt mit guten und fürsorglichen Menschen leben werden.

Für die Übersetzung der Aufzeichnung vom Ukrainischen ins Deutsche dankt „Kirche-und-Leben.de“ Mariya Sharko.

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