Experte: „Cybermobbing hört nicht von selbst auf“

Was Eltern gegen Cybermobbing tun können

Kürzlich war Peter Sommerhalter an einer Grundschule, da hatten drei Viertel der Kinder schon mal Morddrohungen aufs Smartphone geschickt bekommen. Als Nachricht über Whatsapp: „Wenn du das nicht an zehn Leute weiterschickst, dann bringe ich dich um und schneide dir die Kehle durch.“

Sommerhalter ist Präventionsexperte beim Bündnis gegen Cybermobbing. Er erlebt täglich, wie Kinder und Jugendliche in sozialen Netzwerken, auf Videoplattformen, in ­Chat­rooms oder in Whatsapp-Gruppen bedroht, beleidigt, bloßgestellt werden.

Oft Racheakt bei Trennung

In einer Studie von 2016 hat jeder Dritte der befragten Zwölf- bis 19-jährigen angegeben, dass in seinem Bekanntenkreis schon einmal jemand im Internet oder per Handy fertiggemacht worden ist. Da gibt es Jugendliche, die schließen einen Klassenkameraden aus der Whatsapp-Gruppe ihrer Schulklasse aus. Es gibt Jugendliche, denen ihr Partner ein freizügiges Bild von sich geschickt hat – und die es nach der Trennung aus Rache per Whatsapp in der Klassengruppe verbreiten.

Und es gibt Täter, die auf Facebook oder Instagram gefälschte Profile von anderen anlegen. Sie laden echte Fotos des Opfers hoch, schreiben seinen Namen und seine Adresse dazu und den Hinweis: „Mich kann man für Partys mieten.“

Es gibt keinen Schutzraum mehr

Opfer von Cybermobbing reagieren ähnlich wie Opfer klassischen Mobbings: Sie ziehen sich zurück, brechen Kontakte ab, sind niedergeschlagen. Manche verlieren all ihr Selbstwertgefühl, rutschen in eine Depression oder denken sogar an Suizid.
Denn das Cybermobbing wirkt fatal. Wer früher einem fiesen Mitschüler nicht begegnen wollte, der konnte einen anderen Schulweg nehmen oder den früheren Bus. Spätestens wenn er von der Schule nach Hause kam, war er sicher.

Heute, beim Cybermobbing, ist das anders. Die Beleidigungen und Bedrohungen kommen mit nach Hause. Durch die Haustür, durch den Flur, durch die Kinderzimmertür – bis unter die Bettdecke der Kinder. Bis auf ihr Smartphone, das sie immer bei sich haben. „Es gibt keinen sicheren Schutzraum mehr“, sagt Sommerhalter.

Starkes Selbstwertgefühl schützt

Was können Eltern tun, die den Verdacht haben, dass ihr Kind durch Cybermobbing gequält wird? Der Experte Sommerhalter sagt, am wichtigsten sei es, das Kind ernstzunehmen, ihm zuzuhören und sein Selbstwertgefühl zu stärken: „Hey, so wie du bist, bist du gut!“ Dann sollten Eltern den Klassenlehrer und die Freunde ihres Kindes über ihre Sorge informieren und sie fragen, was ihnen aufgefallen ist.

Es sei wichtig, einzuschreiten, betont Sommerhalter: „Wenn man nichts tut, wird Cybermobbing immer schlimmer. Es hört nie von selber auf.“ Denn für die Täter sei das Cybermobbing „eine Ego-Tankstelle“. Es gebe ihnen einen Kick, dass es anderen schlecht geht und ihnen dadurch besser: „Wenn sie merken, dieser Kick funktioniert, dann wollen die den immer häufiger.“ Wenn aber die Masse der Mitschüler dem Täter klarmache, dass sie das Mobbing nicht dulden, dann habe er sofort keine Chance mehr, sagt Sommerhalter.

Grenzüberschreitungen anzeigen

Werden Grenzen überschritten, dann empfiehlt der Präventionsexperte eine Anzeige bei der Polizei. Etwa wenn ein Täter jemanden in der Umkleidekabine fotografiert. Oder auf der Toilette, mit über den Türrand gehaltenem Handy. „Wer so respektlos mit anderen Menschen umgeht, den muss man zur Rechenschaft ziehen. Das muss eine Konsequenz haben“, sagt Sommerhalter. Und Cybermobbing kann durchaus strafrechtlich relevant sein.

Eines aber sollten Eltern nicht tun: ihrem Kind das Handy wegnehmen, weil es Furchtbares darauf geschickt bekommt. Sommerhalter sagt: „Das führt nur dazu, dass das Kind, wenn es irgendwann wieder ein Handy hat, nicht mehr zu den Eltern geht.“ Und die Eltern nicht mehr erfahren, was ihr Kind bedrückt.

Haben Sie Suizidgedanken? Hier gibt es Hilfe
Menschen mit Suizidgedanken können sich an die Telefonseelsorge wenden. Sie ist unter den Rufnummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 sowie 116 123 täglich rund um die Uhr erreichbar. Sie berät kostenfrei und anonym. Der Anruf findet sich weder auf der Telefonrechnung noch in der Übersicht der Telefonverbindungen wieder. Es gibt auch eine E-Mail-Beratung. Der Mailverkehr läuft über die Internetseite der Telefonseelsorge und ist daher nicht in Ihren digitalen Postfächern zu finden. Hier geht es zur Telefonseelsorge.