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Interview mit Caritas-Expertin zum Welttag der Armen

Was ist eigentlich Armut, Frau Fergen?

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Die katholische Kirche begeht am Sonntag, 14. November, den Welttag der Armen. Doch was ist Armut eigentlich? Das weiß Rita Fergen, Fachbereichsleiterin Soziale Hilfen, bei der Caritas in Kleve.

Frau Fergen, was ist eigentlich Armut?

Armut hat viele Gesichter und ist häufig sehr versteckt. Für uns alle sichtbar sind Menschen, die obdachlos sind oder Flaschen sammeln. Ihnen fehlt es am Nötigsten wie Nahrung, Kleidung oder ein Dach über dem Kopf. Daneben gibt es Menschen, die zwar eine Wohnung haben und auch Rente beziehen. Doch am Ende reicht das Geld nicht für den Monat. Diese Armut bezeichnet man als verdeckte Armut.

Kann man Armut messen?

Ja. In der Europäischen Union gilt eine Person als arm, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. In Deutschland liegt die Armutsgefährdungsschwelle aktuell bei 1.074 Euro pro Monat.

Kann man Armut wirklich messen?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Denn Armut wird häufig als Einkommensarmut definiert. Armutskonzepte hingegen legen einen Blick auf die zentralen Lebensbereiche. Habe ich eine Wohnung, einen Zugang zu Bildungsangeboten und der Gesundheitsfürsorge? Habe ich Arbeit, Kleidung und ein Handy? Will ich Armut messen, müsste ich all diese Punkte berücksichtigen.

Welche Formen von Armut gibt?

Rita Fergen
Rita Fergen, Fachbereichsleiterin Soziale Hilfen und Leiterin der Schuldner- und Insolvenzberatung. | Foto: Caritas Kleve

In der Theorie werden die absolute, die relative und die gefühlte Armut unterschieden. Bei der absoluten Armut ist das Überleben der betroffenen Menschen bedroht. In Wohlstandsgesellschaften wie Deutschland wird Armut als relative Armut definiert. Das heißt, das Einkommen eines Menschen liegt unter dem durchschnittlichen Einkommen eines Landes. Berechnungen gehen davon aus, dass sich die Armutsquote in Deutschland auf etwa 16 Prozent der Bevölkerung beläuft. Die gefühlte Armut wird nicht an Einkommensgrenzen, an 1.074 Euro gemessen. Grundlage bildet die eigene Einschätzung, arm zu sein. Sie stützt sich auf das Gefühl, nicht teilnehmen zu können, ausgegrenzt oder diskriminiert zu werden.

Wie entsteht Armut?

Armut hat viele unterschiedliche Gründe. Ursachen und Folgen beeinflussen sich häufig gegenseitig. Wer zum Beispiel obdachlos ist, bekommt keine Arbeit. Wer keine Arbeit hat, wird nur schwer eine Wohnung finden oder kann sich keine leisten. Geldmangel führt zu Ver- und zur Überschuldung. Im Verhältnis zum Einkommen sind viele Ausgaben für betroffene Menschen überdurchschnittlich. Zugänge zur außerschulischen Bildung wie beispielsweise die Musikschule sind wegen Geldmangel versperrt. Häufig kommen mehrere Belastungen zusammen, die Teufelskreise immer wieder neu starten.

Sind manche Menschen besonders von Armut betroffen?

Statistische Auswertungen zeigen immer wieder, dass besonders Alleinerziehende, Rentenbezieher, Alleinlebende und vor allem Menschen ohne schulische oder berufliche Abschlüsse betroffen sind. Häufig spiegelt sich dies auch bei den Ratsuchenden der Beratungsdienste wider.

Was hat Corona mit der Armut in Deutschland gemacht?

Die Corona-Pandemie scheint arme Menschen noch ärmer zu machen. Viele Menschen mit geringen Einkünften, die zum Beispiel in der Gastronomie tätig waren, haben ihre Arbeit verloren. Ohne Arbeit können oft vertraglich vereinbarte Raten nicht überwiesen werden. Weitere Einsparungen sind den Menschen nicht möglich. Forderungen von Gläubigern machen Druck.

Wie ist die Situation im Kreis Kleve bestellt? Gibt es hier valide Daten?

Die Armutsquote in Nordrhein-Westfalen liegt bei 18,5 Prozent. Mit der ländlichen Struktur des Kreises ist eher von geringeren Werten auszugehen. Dennoch werden auch im Kreis Kleve viele Menschen mit Einkünften unterhalb der Armutsquote auskommen müssen.  

Was kann ein Wohlfahrtsverband wie der Caritasverband Kleve gegen Armut tun?

Zur Person
Rita Fergen (48) aus Emmerich am Rhein ist Diplom-Sozialarbeiterin und Master of Counceling. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Schuldner- und Insolvenzberaterin bei der Caritas Kleve. Im Jahr 2020 hat sie die Fachbereichsleitung Soziale Hilfen von ihrem Vorgänger Gerd Engler übernommen.

Als Wohlfahrtsverband ist es unsere Aufgabe, Menschen in Notsituationen zu unterstützen. Das Kontaktcafé an der Hoffmannallee in Kleve hilft mit Essensangeboten und Duschmöglichkeiten. Die Beratungsangebote ermöglichen Zugänge und unterstützen bei Leistungsanträgen – zum Beispiel Wohngeld oder Kindergeld. Wir vermitteln Hilfen von Stiftungen und Netzwerken. Über die beispielsweise ehrenamtlich Tätigen der Caritas und Vinzenzkonferenzen stehen Gelder für Lebensmittelgutscheine zur Verfügung.

Auf der einen Seite werden Menschen immer ärmer, auf der anderen Seite aber auch immer reicher. Der Caritasverband Kleve profitiert von Spenden für bedürftige Menschen. Frau Fergen, wie erklären Sie sich diesen paradoxen Zustand?

Ich bin mir nicht sicher, ob es ein paradoxer Zustand ist. Während einige Menschen immer ärmer werden, haben andere immer mehr Geld zur Verfügung. Zahlen zeigen, dass nicht deutlich mehr Menschen spenden, sondern die, die spenden, geben deutlich mehr Geld. Auch unsere Arbeit ist auf Spenden angewiesen. Unsere Erfahrung zeigt, dass, wenn finanzielle Not da ist, diese als schnelle Hilfe vor allem von Kirchengemeinden und Vinzenzkonferenzen geleistet wird. Dafür sind wir sehr dankbar!

Was muss sich ändern, damit die Spaltung der Gesellschaft nicht noch mehr zunimmt?

Aus meiner Sicht müssen wir als Gemeinschaft für bessere Zugänge zu Bildung und anderen Systemen sorgen. Nach dem Statistischen Bundesamt gab es im Abgangsjahr 2020 insgesamt 45.000 Personen, die als Schulabgänger die Schule ohne Abschluss verlassen haben. Ohne Abschluss wird es schwer, eine gute Ausbildung zu absolvieren und einen Arbeitsplatz zu erhalten. Ohne Arbeit fühlen sich Menschen häufig nicht wertvoll für die Gesellschaft. Sie fehlen in aktiven politischen und gesellschaftlichen Gremien, fühlen sich nicht angesprochen oder nicht in der Lage, aktiv Veränderung mitzugestalten. Frühe negative Erfahrungen, die eigene Lebenssituation nicht verändern zu können, halten Menschen in einem negativen Kreislauf fest. Wir sollten alles tun, um hier Perspektiven für Menschen zu schaffen.

Frau Fergen, was ist für Sie persönlich Armut?

Ich bin froh und dankbar, keine finanziellen Sorgen und Nöte zu haben. Armut wäre für mich daher eher ein Gefühl allein zu sein.

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