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Interview mit einer Expertin für nachhaltiges Leben anlässlich der „Fairen Woche“ in Nordwalde

Was macht eine Klimapsychologin, Frau Hoppmann?

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Bis zum 24. September läuft bundesweit die „faire Woche“- diesmal mit dem Schwerpunkt „Menschenrechte weltweit“. Die Pfarrei St. Dionysius Nordwalde und die Gemeinde Nordwalde greifen das Thema in vielen kreativen Aktionen wie Konzerten, Schauspiel, auch Gottesdiensten und Diskussionen auf. Im Rahmen eines „Tags für Afrika“ an der Kardinal-Von-Galen-Gesamtschule ist auch die Klimapsychologin Janna Hoppmann zu Gast. „Kirche-und-Leben.de“ hat die Berlinerin und Alumni des Evangelischen Studienwerks Villigst interviewt.

Frau Hoppmann, was macht eine Klimapsychologin?

Klimapsychologie ist in Deutschland tatsächlich ein eher junger Begriff und ein neues Berufsfeld. Es ist so, dass die Themen Klima und Umweltschutz wissenschaftlich schon länger von Psycholog:innen bearbeitet werden, aber in der Praxis viele Erkenntnisse nicht ankommen oder angewandt werden. Die Klimapsychologie beschäftigt sich mit den Fragen „Wie nehmen Menschen die Klimakrise wahr? Was hält sie vom Handeln ab? Was motiviert sie gleichzeitig zum Handeln?“.

Ich habe während meines Psychologiestudiums gemerkt, dass es an einer Schnittstelle für den Transfer fehlt von Wissenschaft zu Initiativen, NGOs, Bildungsträgern, und habe mich dann dahingehend selbstständig gemacht. Das hatte ich mir so nicht direkt vorgenommen, das hat sich so entwickelt, da ich nach dem Studium einige Anfragen bekam. Und nun bin ich leidenschaftlich gern selbstständig!

Jetzt wollen sich Menschen in Sachen Klimaschutz nicht unbedingt sagen lassen, wie sie sich zu verhalten haben, Stichwort Greta Thunberg, die als Klimaaktivistin kein Blatt vor den Mund nimmt…

Das ist eine sehr konkrete Situation, auf die Sie anspielen: Viele Menschen haben sich durch Greta Thunbergs Reden ertappt gefühlt. Aus der Psychologie wissen wir, dass wir Menschen auf ein positives Selbstbild bedacht sind. Wenn dann Greta Thunberg kommt, und auf dem UN-Klimagipfel sagt, „How dare you – wie könnt ihr nur (…so mit dem Klima umgehen)?“, dann hat das bei vielen Menschen Schuldgefühle ausgelöst. Das war vielleicht nicht unbedingt ihre Absicht – aber selbstverständlich wollte sie aufrütteln, zum Nachdenken anregen.

Diese Art, so über das Klima zu reden, wirkte an der Stelle bei einigen Menschen sicher demotivierend. Das liegt auch daran, weil wir grundsätzlich unsere positive Bewertung über uns selbst aufrechterhalten wollen: „Wir sind ein guter Mensch.“ Dass Menschen eine Art Beschuldigung empfinden, passiert besonders häufig bei Klimathemen.

Wohin führt das?

Menschen setzten unterschiedliche Mittel ein, um diesen Selbstwertschutz zu erhalten. Eins davon ist zum Beispiel sehr selektiert Informationen zu verarbeiten. Man liest nur noch bestimmte Informationen, man blättert durch die Zeitung und liest – ganz unbewusst in der Regel – die selbstwertdienlichen Informationen: „Welche Information vermittelt mir weiterhin das Gefühl, dass ich ein guter Mensch bin?“. Wenn ich das Gefühl habe, das Thema greift mich zu sehr an, blättere ich darüber hinweg.

Klimaschutz ist nötig, wichtig und dringend – warum fällt es uns dann trotzdem so schwer, etwas zu tun?

Nach Susanne Moser von der Antioch University New England, die sich mit Klimakommunikation auseinandergesetzt hat, gibt es fünf psychologische Barrieren, die uns davon abhalten, aktiv zu werden. Diese fünf Barrieren haben in allen von uns Platz, eine mehr, eine weniger. Die fundamentalste Barriere, der Selbstwertschutz, die habe ich eben genannt. Aber auch die anderen Barrieren halten uns alle alltäglich davon ab, das Notwendige zu tun.

Die erste Barriere ist die psychologische Distanz: Die Klimakrise war an vielen Stellen für viele Menschen räumlich und zeitlich weit weg. Die Krise wurde teils als eine Unsicherheit empfunden. Es stand im Raum, ob es den Klimawandel überhaupt gibt. Diese Wahrnehmungen, die aber selbstverständlich dem wissenschaftlichen Konsens widersprechen, führen zu einem Verharren im Bestehenden.

Dazu kommen emotionale Hürden: Wenn man sich mit der Klimakrise auseinandersetzt, bedeutet das, sich gegebenenfalls mit Angst, Risiko und eben Schuldgefühlen zu beschäftigen, wie wir es auch von anderen gesellschaftlichen Problemen kennen, zum Beispiel bei Bildern von hungernden Kindern. So ist auch die Klimakrise mit unterschiedlichen unangenehmen Gefühlen verknüpft.

Wir Menschen sind eher auf einen ausgeglichenen Emotionshaushalt bedacht, möchten eher Freude als Trauer empfinden. Die Überforderung durch so starke negative Emotionen, auch als „Doomism“ bezeichnet, führt auch dazu, dass wir ,zu‘ machen, also unangenehme Information weniger aufsuchen, oder sogar verdrängen.

Dazu kommen kognitive Dissonanzen, also erlebte Widersprüche in unserem Denken oder auch Widersprüche zwischen unserem Denken und Handeln. Ein Beispiel: „Ich möchte nachhaltig leben, aber gleichzeitig fliege ich gerne in Urlaub.“ Das kann dazu führen, dass ich meine Denkmuster anpasse: „Ist das jetzt wirklich immer so wichtig, dass ich an jeder Stelle auf die Klimagerechtigkeit beim Fliegen achte?“ Wir Menschen streben eine innere Konsistenz zwischen unseren Kognitionen und unserem Verhalten an – alles andere ist für uns schwierig zu ertragen.

Was meint die fünfte Barriere?

Die fünfte Barriere ist die soziale Ablehnung. Wir orientieren uns an den Menschen, von denen wir etwas halten, zum Beispiel an unseren Freund:innen oder Eltern, die einen Einfluss auf unser Leben haben und denen wir uns auch verbunden fühlen. In der aktuellen Welt verändert es sich gerade ganz stark, wie sich die soziale Norm zum Klimaschutz verhält: Wir wissen, dass sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland um die Klimakrise sorgt. Dennoch ist es weiterhin eher unnormal, sich klimaschützend zu verhalten. Menschen werden weiterhin gemissbilligt, wenn sie Klimaschutz vorantreiben im Alltag, man nehme den vegetarischen Mittagstisch zum Beispiel, dort erleben sie schnell soziale Ablehnung.

Soziale Gruppenzugehörigkeit nimmt hier eine große Rolle ein. Es gehört schon etwas dazu, die eigenen lebenslangen Sozialisierungsprozesse zu hinterfragen. Es sind eben diese langsame Hinterfragung der eigenen Identität und der eigenen Werte, die verhindern, dass ein schnelles Klimaschutzverhalten erreicht werden kann.

Was kann ich denn tun, um den eigenen Schweinehund zu überwinden?

Der innere Schweinehund liegt sozusagen am Ende, ganz am Schluss hinter den Barrieren. Wie ich wirklich ins Handeln komme, da lautet eine der Antworten der Psychologie: Planungsprozesse steuern, indem man sich ein konkretes Ziel setzt und sich im Vorhinein überlegt, was vom Erreichend eines Ziels abhalten könnte.

Wer sich politisch engagieren möchte, kann sich zum Beispiel das Ziel setzten: Ich schaue mir noch in dieser Woche die Arbeit einer Klimaarbeitsgruppe vor Ort an. Wer da nicht allein hingehen möchte, sucht sich jemanden, der mitgeht, und trägt sich den Termin fest in den Terminkalender ein. Mit dem eigenen Planungsverhalten und mit Unterstützung aus dem Umfeld lässt sich dem Schweinehund gut entgegentreten.

Eine Herausforderung ist die eigene Suche: Was ist denn das für mich passende Engagement? Wir müssen nicht alle Bereiche von heute auf morgen umstellen: Erst einmal mit einem Verhalten starten, das uns Freude bereitet. So banal es klingt, das kann bedeuten, konkret zu planen, eine Strecke am Tag mit dem Rad zu fahren. Und vielleicht haben wir ja danach Lust, etwas Neues auszuprobieren und noch aktiver zu werden!

Reicht das, um den Weg aus der Klimakrise heraus zu gestalten?

Es ist schön, Freude am eigenen Engagement zu erleben. Zu spüren, dass wir als Individuum – aber noch viel mehr als Teil einer Gruppe, einer Gemeinschaft – etwas bewegen können. Die Begleitung dahin, die eigenen Orte der Selbstwirksamkeit zu finden, das sollten wir gesellschaftlich insgesamt mehr tun.

Es braucht eine stärkere gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, dass uns Scheinlösungen im Sinn von ,da schalte ich einmal mehr die Lampe aus‘ nicht weiterhelfen. Stattdessen braucht es das politische Engagement von Gruppen, die zusammen mehr bewegen können als wir ganz alleine es schaffen. Wenn wir einen Beitrag leisten wollen, der zu der nötigen Transformation führt, zu wirklichem Klimaschutz, dann kommen wir um politisches Engagement nicht herum. Erst mit den passenden politischen Strukturen – die wir ja selbst wählen können – wird der Schutz unseres Planeten für uns alle leicht, bequem und macht dann auch richtig Spaß. Um Menschen beim Einsatz für Klimagerechtigkeit zur Seite zu stehen, bin ich Klimapsychologin geworden.

Zur Person:
Janna Hoppmann, 27, aus Berlin, ist Psychologin (MSc Psychologie) und hat sich mit ihrer Masterarbeit auf Umwelt- und Klimapsychologie spezialisiert. Für ihr Ehrenamt während des Studiums wurde sie vom Evangelischen Studienwerk Villigst mit einem Stipendium gefördert. Als Beraterin begleitet Janna Hoppmann Führungskräfte, Organisationen, soziale Bewegungen und Privatpersonen in Klima- und anderen Nachhaltigkeitsfragen.

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