New Yorks Kardinal Timothy Dolan vertritt katholische Kirche

Was Trump zum Amtsantritt aus der Bibel hören wird

Keine zehn Minuten braucht man, um zu Fuß vom Trump-Tower, wo der künftige US-Präsident bislang wohnt, zu New Yorks katholischer Kathedrale Saint Patrick zu gehen. Beide Gebäude stehen an der schicken Fifth Avenue unweit des Central Parks. Gleich um die Ecke liegt das berühmte Hotel Waldorf Astoria, wo New Yorks Kardinal Timothy Dolan knapp drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl in den USA bei einem katholischen Spendengala-Dinner zwischen Donald Trump und dessen Herausforderin Hillary Clinton saß.

Wenige Minuten später nahm der Erzbischof verlegen sein rotes Scheitelkäppchen vom Kopf und flüsterte Clinton etwas ins Ohr. Der Grund: Trump hatte in seiner Rede entgegen aller Gepflogenheiten seine Kontrahentin als korrupt beschimpft und dafür heftige Buhrufe geerntet.

Dolan: „Gebet noch immer nicht erhört“

Bei der feierlichen Amtseinführung des 45. US-Präsidenten am Freitag wird Kardinal Dolan seinen Nachbarn aus der Fifth Avenue wiedertreffen. Der Kardinal vertritt die katholische Kirche unter fünf Religionsvertretern bei der Zeremonie und wird eine Lesung aus der Bibel vortragen. Presseberichten zufolge hat Dolan die Stelle selber ausgesucht: König Salomos Gebet um Weisheit, damit er das Volk Israel nach Gottes Willen leiten kann.

Er selber, witzelte der launige Kardinal laut der amerikanischen Nachrichtenagentur „Catholic News Service“, bete täglich Salomos Gebet aus dem Buch der Weisheit– „doch der Herr hat mein Gebet noch immer nicht erhört“.

„Geben wir ihm eine Chance“

Dolan gestand jedoch ein: „Viele Leute mögen Vorbehalte gegenüber dem gewählten Präsidenten haben – und wie bei jedem neuen Präsidenten geht es mir genauso.“ Es sei jedoch gute amerikanische Tradition, voll Hoffnung auf jede neue Präsidentschaft zu blicken: „Geben wir ihm eine Chance, einige seiner Versprechen zu erfüllen.“

Dass Dolan die Einladung zur Amtseinführung angenommen hat, brachte ihm viel Kritik im tief gespaltenen Land ein. Doch der Kardinal kontert: „Menschen bitten uns, mit ihnen und für sie zu beten. Das heißt nicht, dass wir für oder gegen sie sind. Es ist unsere heilige Verantwortung.“

Sechs Religionsvertreter bei Trumps Vereidigung
Gemeinsam mit New Yorks Erzbischof Kardinal Timothy Dolan werden fünf weitere Religionsführer an der Amtseid-Zeremonie am 20. Januar teilnehmen. Tags darauf ist in der Washingtoner Nationalkathedrale ein interreligiöses Gebet vorgesehen, für das jedoch noch keine Details bekanntgegeben wurden.
Nach Angaben des Online-Portals International Business Times sind zwei der beteiligten Geistlichen – die mit Trump befreundete Pastorin Paula White vom New Destiny Christian Center sowie Bischof Wayne T. Jackson von der Gemeinschaft Great Faith Ministries International – Vertreter der „Erfolgstheologie“. Dieser Auffassung zufolge ist Geschäftserfolg ein sichtbarer Beweis für die Gunst Gottes.
Weitere teilnehmende Religionsvertreter sind die evangelikalen Pastoren Samuel Rodriguez und Franklin Graham, Sohn des Erweckungspredigers Billy Graham, sowie Rabbi Marvin Hier, Vorstand und Gründer des Simon Wiesenthal Centers. Letzterer gilt als Trump-Kritiker.