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Wie er über Flüchtlinge, Impfgerechtigkeit und explodierende Austrittszahlen denkt

Weihbischof Stefan Zekorn: „Wir Bischöfe müssen viel authentischer sein“

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Weihbischof Stefan Zekorn ist im Bistum Münster sowohl für die Weltkirche als auch für seine Region zuständig. Wie er über Flüchtlinge in Europa und Impfgerechtigkeit denkt, aber auch über Bischofskrisen, explodierende Austrittszahlen und Reformen, sagt er im „Kirche-und-Leben.de“-Interview.

Herr Weihbischof, Sie sind sowohl in der Bischofskonferenz als auch im Bistum Münster für den Kontakt in die Weltkirche zuständig. Fast vor unserer Haustür werden an EU-Außengrenzen in Kroatien, Griechenland und Polen Flüchtlinge gewaltsam daran gehindert, EU-Staaten zu betreten. Wie sollte die Politik darauf reagieren?

Wir Europäer sind durch unsere Werte gefordert, einen humanen Umgang mit den Flüchtlingen zu sichern. Wenn etwa wie jetzt schon seit längerer Zeit zwischen Polen und Weißrussland Menschen regelrecht eingeklemmt sind, kann uns das nicht kalt lassen. Das ist sicherlich nicht immer einfach zu lösen, gerade wenn ein Diktator wie Alexander Lukaschenko Flüchtlinge regelrecht als Geiseln benutzt. Aber wir können trotzdem nicht darüber hinwegsehen, dass jeder Einzelne von ihnen ein Mensch ist, der Rechte hat. Wir verlieren als Europäer unsere Seele, wenn wir sie nicht so wahrnehmen. Da muss die europäische Politik nach Lösungen suchen – Möglichkeiten gibt es genug.

Zum Beispiel?

Es braucht vor allem eine Bewusstseins­änderung – sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft. Es geht hier ja nicht um ein „Flüchtlingsproblem“, sondern um Menschen, ganz gleich, ob an der polnischen Grenze, in Kroatien, oder im Mittelmeer. Jeder von ihnen hat ein Recht auf Leben und auf die Bitte um Asyl. Europa hat so viele wirtschaftliche und finanzielle Möglichkeiten, so viele freiwillig Engagierte! Die Kapazität, sich um diese Menschen zu kümmern, ist definitiv vorhanden.

Während Deutschland komplett durchgeimpft sein könnte, wird ganzen Kontinenten Impfstoff vorenthalten. Wie lässt sich das ändern?

In Afrika sind nur ganze drei Prozent der Bevölkerung geimpft – und zwar einzig aus dem Grund, dass es keinen Impfstoff gibt. Bei uns sind es zwanzigmal so viele! Das zeigt wie dramatisch das Nord-Süd-Gefälle ist. Die gesamte westliche Welt muss viel mehr dafür tun, dass die Impfstoffe weltweit zugänglich sind.

Würde die Aufhebung des Patentschutzes helfen, wie Papst Franziskus fordert?

Ehrlich gesagt, traue ich mir bei dieser Fachfrage kein Urteil zu. Wenn es tatsächlich so wäre, dass dadurch mehr Impfstoff für südliche Länder zur Verfügung steht und das bei einer erneuten Pandemie keine negativen Folgen hätte, wäre ich auf jeden Fall dafür. Aber ich glaube, dass es auch ohne geht, denn wir haben einen Überschuss an Impfstoff in der westlichen Welt. Eine gleichmäßigere Verteilung wäre jetzt schon möglich – und das braucht viel mehr Anstrengung.

Schauen wir nach Lateinamerika. Die diesjährige Adveniat-Aktion wird Ende November bei uns in Münster eröffnet. Was erhoffen Sie sich davon?

Ich hoffe auf mehr Bewusstsein dafür, dass wir auch mit den Menschen in Lateinamerika in einem Boot sitzen. Auch wenn sie weit weg scheinen – für den Klimawandel etwa sind sie das überhaupt nicht. Wenn der Amazonas weiter abgeholzt wird, hat das unmittelbare Auswirkungen auch auf uns. Und für uns als Kirche sind die Menschen dort unsere Schwestern und Brüder, mit denen wir den einen Leib Christi bilden. Darum ist ihre Not auch unsere Not.

Gerade hat die Weltsynode angefangen. Welche Bedeutung hat sie für uns hier im Bistum Münster?

Ich hoffe, dass sie uns tiefer ins Bewusstsein bringt, dass wir die eine Weltkirche sind und dass wir deshalb viele Fragen in der Kirche nur gemeinsam lösen können. Wenn die Weltsynode das erreicht, wäre ein wichtiger Schritt getan. Papst Franziskus hat sie ja inhaltlich sehr offen angelegt, von daher bin ich gespannt, was aus der ganzen Welt da zusammenkommt.

Allerdings gibt es in der Weltkirche sehr unterschiedliche Haltungen etwa zur Rolle der Frau, zu Sexualmoral, Demokratie. Braucht es nicht eher regionalisierte Antworten als eine zentrale?

Ich lerne bei Kontakten mit Schwestern und Brüdern aus der Weltkirche so viel, dass ich glaube, es ist für uns mehr Reichtum als Beschränkung, wenn wir mit ihnen in einen wirklichen Austausch kommen. Ich erlebe auch in dieser Hinsicht ein Nord-Süd-Gefälle, wenn wir unsere Antworten zu schnell für die einzig richtigen halten.

In Deutschland, Rom, weltweit: Alle reden von Synodalität. Könnten Sie uns kurz und knackig erklären, was das ist?

Wenn ich das in einem Satz sagen soll, würde ich es so formulieren: Auf dem Fundament des Glaubens, des Gebets und des christlichen Lebens auf der jeweiligen Ebene gemeinsam überlegen und einmütig entscheiden, was entschieden werden kann – das ist Synodalität.

Demokratie ist ein hohes Gut. Wie bekommt man Demokratie und Synodalität zusammen?

Demokratie bedeutet vom Wortsinn her „Herrschaft des Volkes“. Synodalität heißt „gemeinsamer Weg“. Das sind verschiedene Akzente. Wir haben Demokratie in Deutschland sehr stark nach dem Mehrheitsprinzip ausgerichtet. Aber nicht ohne Grund reicht eine einfache Mehrheit etwa bei verfassungsrechtlichen Entscheidungen nicht aus, da braucht es eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Ich habe die Sorge, dass unsere Gesellschaft auseinanderfällt, wenn sich in wesentlichen Fragen eine Mehrheit durchsetzt, die große Minderheiten nicht im Blick hat.

Was wollen Sie damit über die Synodalität in der Kirche sagen?

Die Synodalität in der Kirche versucht, einen anderen Weg zu gehen. In der Kirche kann es nicht einfach eine Herrschaft des Volkes geben, weil es in ihr – anders als in der Demokratie – das apostolische Amt gibt. Nach katholischem und orthodoxem Glauben hält das apostolische Amt der Bischöfe die Kirche im Glauben Jesu durch die Zeiten. Es ist immer gekoppelt an den „Sensus fidelium“, also den Glaubenssinn der Gläubigen, aber das ist deshalb doch keine Demokratie. In wesentlichen Fragen benötigen wir den „gemeinsamen Weg“, also die Synodalität. Dazu braucht es nicht Einstimmigkeit, wohl aber Einmütigkeit. Für die Kirche war Einmütigkeit immer ein Hinweis auf das Wirken des Heiligen Geistes.

Es sieht ganz so aus, als würde 2021 ein Rekordjahr bei den Kirchenaustritten, allen voran in der Stadt Münster, für die Sie als Regionalbischof zuständig sind. Was muss noch geschehen, damit es zu nachhaltigen Reformen kommt?

Die Frage der Reformen ist eine sehr drängende Frage. Gleichzeitig wissen wir aber aus soziologischen Untersuchungen, dass bei Kirchenaustritten oft eine konkrete Situation der Anlass ist – also etwa Missbrauch, Ärger mit dem Pfarrer, die theologischen Streitfragen. Die Ursache liegt aber bei den allermeis­ten darin, dass der christliche Glaube keine Bedeutung für ihr Leben hat. Die Austrittszahlen der evangelischen Kirche sind ja ähnlich hoch. Reformen werden deshalb wohl nicht dazu führen, dass die Austrittszahlen zurückgehen. Es wird für uns daher ökumenisch entscheidend sein, wie wir den Menschen mehr als in den vergangenen Jahrzehnten den Reichtum des Glaubens für das Leben erschließen.

Es treten engagierte Menschen aus der Mitte unserer Gemeinden aus der Kirche aus. Denen möchte ich nicht unterstellen, dass ihr Glaube keine Rolle mehr für ihr Leben spielt …

Der Glaubwürdigkeitsverlust ist groß. Ich erlebe auch bei mir persönlich eine große Verunsicherung. Wenn für mich die Beziehung zu Jesus Christus nicht das Entscheidende wäre und sich daraus meine Beziehung zur Kirche gestalten würde, dann könnte ich das nicht leben. Die Kirche – so wichtig sie ist – ist nicht das Erste. Wir müssen alles tun, um Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen. Gleichzeitig müssen wir alles tun, damit Glaube als lebendig erfahrbar wird. Glaubwürdigkeit und lebendiger Glaube gehören zusammen. Als bloße Institution kann das meiste, was wir tun, ersetzt werden. Nicht aber der Glaube.

Beim Synodalen Weg haben mehrere Bischöfe von einer Krise des geistlichen Amtes, ja, auch von einer Bischofskrise gesprochen, nicht zuletzt Bischof Felix Genn im Interview mit „Kirche-und-Leben.de“. Woran merken Sie das? Wie gehen Sie damit um?

Wenn mehrere Bischöfe unserer Bischofskonferenz in einer Auszeit waren oder sind, zeigt das, dass es eine Krise gibt. Es gibt aber nicht nur eine Krise der Bischöfe und des geistlichen Amts, ich sehe vielmehr eine Krise der Sakramentalität überhaupt. Wie gesagt: Wir erreichen die Menschen nicht mehr mit den zentralen Inhalten unseres Glaubens, und das spiegelt sich auch in der Krise des Weiheamtes und der Sakramente wider. Bei uns in Deutschland kommt natürlich die aktuelle Situation und der Umgang mit sexualisierter Gewalt hinzu.

Was muss sich ändern, damit diese Krise des Bischofsamts überwunden werden kann?

Wir müssen uns als Bischöfe viel entschiedener bemühen, in allem authentisch und transparent zu sein und synodal zu handeln. Das ist entscheidend. Auch wenn sich da sicherlich schon einiges getan hat, bleibt noch viel zu tun.

Manche Bischöfe wie der Regensburger Rudolf Voderholzer werfen anderen Bischöfen vor, sie wollten einen nationalen Alleingang in Reformfragen und aus Beratungsgremien Beschlussgremien machen. Wie reagieren Sie auf solche?

Man muss darüber sprechen! Die Vermutung, dass aus Beratungsgremien Beschlussgremien gemacht werden sollen, gibt es ja nicht nur bei Bischof Voderholzer, sondern auch bei anderen – sowohl in Deutschland als auch international. Darüber muss man sprechen.

Teilen Sie diese Sorge?

Meine Sorge ist, dass nicht allen klar ist, dass die Synode auch Beschlüsse fasst, die der Bischofskonferenz oder dem Papst zur Entscheidung vorgelegt werden müssen. Viele Beschlüsse sind eher als Erklärung und Hinweis zu verstehen. Bei Glaubensfragen etwa kann man sicherlich sagen: „Wir wünschen uns das auf der Synode so“, aber das kann kein Beschluss sein, der direkt umgesetzt werden kann. Den Bischöfen ist das klar, aber wirklich allen Synodalen?

Wann ist der Synodale Weg erfolgreich?

Der Synodale Weg ist ein Erfolg, wenn er zu einer Verlebendigung des Glaubens in Deutschland beiträgt.

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