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Ein geistlicher Leitartikel von Chefredakteur Markus Nolte

Weihnachten 2020: Es bleibt alles anders

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„Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Weihnachten war schon damals wenig weihnachtlich. Warum das Christfest in diesem Jahr so ganz besonders anders ist – und es zugleich doch nicht ist, zeigt der überraschende Blick auf zwei Gemälde-Zeugnisse aus ganz unterschiedlichen Zeiten.

Dieses Weihnachten ist alles anders. Denn es fehlt vieles von dem, was doch wirklich zu Weihnachten dazu gehört: Es fehlt der festliche Gottesdienst in der bis auf den letzten Platz besetzten Kirche, es fehlen „O du fröhliche“ und „Menschen, die ihr wart verloren“ aus vollen Kehlen.

Und es werden viele Menschen fehlen im weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer und an der duftend aufgetischten Festtafel, weil die Regeln es erfordern, weil der Gesundheitsschutz es nötig macht: Die Großeltern fehlen am meisten, auch die Kinder und Geschwis­ter, Cousinen und Cousins, Tanten und Onkel, die weit weg ihr Leben leben. Mir fehlen auch die Nachbarn und Freunde, die bei uns traditionell kurz vor Heiligabend mit ihren Kindern bei Glühwein und Grillwurst, Saft und Schnack um die Feuerschale auf der Terrasse stehen. Auch das fehlt.

Weihnachten 2020 ist ein löchriges Weihnachten, an dem Vermissen und Sehnsucht wohl kaum von noch so ausgeklügelten Geschenken „gestopft“ werden können.

Es fehlt was, aber deshalb fällt Weihnachten nicht aus. Natürlich nicht. Im Gegenteil.

Ein krankes Weihnachten

Dieses Weihnachten ist alles anders. Denn es hat sich etwas eingeschlichen in die heilige Nacht von Geburt und neuem Leben, von Heiland und Retter. Ein dunkler, schwerer Schleier. Das ist der Tod, die Krankheit, eine Seuche, die Pandemie. Das sind Trauer, Sorge und Angst. Das ist mit einem Wort Corona. Die Unbeschwertheit des Lebens ist uns abhanden gekommen, die Leichtigkeit des Alltags, die Normalität selbst in den schönen Riten dieses so an Traditionen reichen Festes. Denn Menschen sind krank, Menschen ringen ums Leben, Menschen sterben und werden begraben. Menschen fehlen an diesem Weihnachten, dem Fest einer Geburt, weil sie tot sind: Sarg statt Krippe, Leichentuch statt Windeln, Atemstillstand statt Lebens­odem, Trauer statt Freude.

Weihnachten 2020 ist ein krankes Weihnachten, an dem Erschöpfung und Schmerz wohl kaum durch „Ehre sei Gott in der Höhe“ weggesungen werden können.

Es fehlt was, aber deshalb fällt Weihnachten nicht aus. Natürlich nicht. Im Gegenteil.

Ein verletztes Weihnachten

Dieses Weihnachten ist alles anders. Denn es ist etwas verlorengegangen, und das ist die Unbefangenheit und Aufrichtigkeit, mit der die Kirche das göttliche Kind in der Krippe bislang verehrt hat. Angesichts dessen, was in diesem Jahr erneut an Missbrauch und Verachtung von „Geistlichen“ gegenüber Kindern – sei es durch direkte Gewalt, sei es durch Vertuschung – zutage gebracht wurde, ist jeder „kirchliche“ Blick auf ein Kind, jede Darstellung eines Kindes vom frommen Gemälde in einer Kirche bis zur Erstkommunion getrübt, wenn nicht vergiftet. Selbst des göttlichen Kindes. Das ist freilich nichts im Vergleich zu dem Leid, das von Missbrauch Betroffenen angetan wurde. Doch die Verwüs­tungen gehen weiter – bis ins Zentrum unseres Glaubens. Gott wird ein Kind: Grund zur Freude oder eher zur Sorge?

Weihnachten 2020 ist ein verletztes Weihnachten, an dem Gewalt und Glaubwürdigkeitsverlust wohl kaum vom Blick auf den „Knaben im lockigen Haar“ wettgemacht werden können.

Es fehlt was, aber deshalb fällt Weihnachten nicht aus. Im Gegenteil. Der Schmerz über all das, was und wer fehlt, was sich eingeschlichen hat und was verlorengegangen ist – er gehört tatsächlich zu Weihnachten.

Einer will dem Kleinen ans Leben

Das zeigt schon die biblische Geschichte, in der die Menschwerdung Gottes nur wenig mit Idylle zu tun hat: Josef und die schwangere Maria sind in Bethlehem, weit weg von ihrem vertrauten Zuhause in Nazareth. Sie finden keine Bleibe, werden vielmehr abgelehnt und ausgestoßen. Uninteressiert vor die Tore der Stadt verwiesen, kommt das Kind zur Welt – in einem zugigen, stinkenden Stall. Und der neugeborene Gottessohn, der König der Welt, liegt in einer armseligen Krippe auf Stroh. Wenig später muss die Familie fliehen, einer will dem Kleinen ans Leben – hunderte Kinder werden stattdessen getötet.

Noch bevor am 28. Dezember dieser „Unschuldigen Kinder“ gedacht wird, kommt am zweiten Weihnachtstag Stephanus in den Blick, der wegen seines Jesus-Glaubens gesteinigt wird. Wie viel Leid für Menschenkinder rund um Weihnachten!

Das muss ehrlich sehen, wer vor der Krippe steht, am Christbaum Geschenke auspackt, sich an Weihnachtsgans mit Knödln und Rotkohl erfreut und fromm ein „gesegnetes Fest“ wünscht.

Zwei Bilder aus fünf Jahrhunderten

Weihnachten war immer anders. Nicht nur im Bethlehem zu Zeiten des Kaisers Augustus. Auch im 15. Jahrhundert, auch im 20. Jahrhundert. Das zeigen die zwei Kunstwerke, die auf der Titelseite des Weihnachts-Specials von „Kirche+Le­ben“ (hier zum Herunterladen) und in diesem Beitrag zu sehen sind. 500 Jahre liegen zwischen ihnen, und gerade darum zeigen sie, warum Weihnachten immer anders und immer gleich ist, warum an Weihnachten immer alles anders bleibt. Schauen Sie nur:

Bild 1: Matthias Grünewald - Isenheimer Altar

Matthias Grünewald: Die Geburt Christi (Isenheimer Altar, 1500)
Matthias Grünewald: Isenheimer Altar (1500, Detail: Die Geburt Christi)

Das klassische Gemälde hier zeigt Maria mit dem Christkind, aber wie uns heute fehlt einiges: Josef, Ochs und Esel, die Hirten, der Stall. Das hat seinen Grund. Das Bild ist Teil des geöffneten weltberühmten Isenheimer Altars von Matthias Grünewald (1480-1530). Viel bekannter ist natürlich das, was bei geschlossenem Altar zu sehen ist: die Kreuzigung Jesu unter anderem mit Maria und dem Täufer Johannes, der seinen langen Zeigefinger auf Jesus hin ausstreckt.

Das Weihnachtsbild zeigt Jesus entblößt in den Armen seiner Mutter: ein nacktes, schutzlos ausgeliefertes Kind, die Windel nicht um seinen Leib gewickelt, sondern völlig zerfetzt unter ihm ausgebreitet. Es ist dasselbe Tuch wie das ebenso zerfetzte bei der Kreuzigung um die Lenden von Jesus.

Zerfetzte Windel, zerfetztes Lendentuch

Die Verbindung von Tod und Geburt ist augenscheinlich, und sie wird noch beeindruckender: Matthias Grünewald nämlich schuf den Altar für den Antoniter-Orden. Dessen Brüder pflegten in Colmar Patienten, die an der Mutterkornvergiftung litten – einer schrecklichen, zu einem grässlichen Tod führenden Krankheit.

Grünewald hat den Gekreuzigten von eben dieser Krankheit gezeichnet dargestellt. Die Wiederholung des von Leid und Krankheit zersplissenen, die „Stoffe“ verbindenden Lendentuchs in der weihnachtlichen Windel bringt Tagesernst, Krankheit, Leid und Tod in die vermeintlich idyllische Christkind-Szene. Hat je jemand anderes ernsthaft erwartet?

Bild 2: Keith Haring - "Live of Christ"

Keith Haring: Das Leben ChristiKeith Haring: Life of Christ (1990).

Der moderne Flügelaltar auf der Seite 3 zeigt ein Werk des Popart-Künstlers Keith Haring: „Das Leben Christi“. Unten ist ein unruhiges Getümmel dargestellt, Menschen voll Verzweiflung und Sehnsucht. Darüber liegt ruhig das Jesuskind in einer Spähre mit Herz, Kreuz, von dort streben bergende Arme zu allen Seiten, links und rechts bieten sich Engel an.

1987 erkrankte Haring an Aids. Drei Jahre später schuf er mehrere dieser golden strahlenden Bronzealtäre. Sie stehen über den abgebildeten aus der Grace-Cathedral in San Francisco hinaus etwa in der New Yorker Kathedrale St. John the Divine und in der Pariser Gemeindekirche St. Eustache. Dies sind seine letzten Werke, entstanden 1990, seinem Todesjahr.

2020 ist nicht weniger weihnachtlich

Krankheit und Tod, Vermissen und Vertuschen, Geburt, Gewalt und Tod – und in all dem der mensch­gewordene Gott. Das berührt in diesem Jahr besonders. Weihnachten 2020 ist anders, ist löchrig, krank und verletzt, aber es ist darum nicht weniger weihnachtlich.

Weihnachten fällt wie immer dann nicht aus, wenn es uns ändert. Wenn die Kirche sich ändert, so sie Weihnachten aufrichtig feiert.

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