SOZIALES

Auf gesprächige Weihnachten - trotz aller gesellschaftlicher Kontroversen

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Debatten können anstrengend sein, gerade zu Weihnachten. Warum sie dennoch immer wieder fruchtbar sind.

In vielen Familien wird an den Feiertagen gegessen, gesungen – und mitunter heftig debattiert. Oma und Opa sind zu Besuch, die Kinder kommen vorbei, Verwandte schauen rein. Zu Würstchen und Kartoffelsalat am Heiligen Abend fordert Onkel Gerd ein Social-Media-Verbot, die 17-jährige Lea eröffnet mit der Plätzchendose die Wehrpflicht-Debatte und mit der Weihnachtsgans serviert Oma Inge ihre Thesen zum Klimawandel. Puh. Anstrengend.

Andere Meinungen machen Stress im Kopf. Studien zeigen, was passiert, wenn wir mit gegenteiligen Ansichten konfrontiert sind: Die Amygdala ist besonders aktiv – jene Hirnregion, die Alarm schlägt, wenn wir Angst empfinden oder starke Gefühle aufkommen. Unser Körper reagiert, als stünde eine Gefahr bevor. Dabei geht es oft nur um eine andere Sicht der Dinge.

Woher Ängste bei jungen Menschen kommen

Die Autorin:
Isolde Fugunt leitet seit Juni 2023 als journalistische Direktorin und Geschäftsführerin das Institut für publizistische Ausbildung in München, kurz ifp – gemeinsam mit der geistlichen Direktorin Sr. Stefanie Strobel. Das ifp ist Ausbildungspartner von Kirche+Leben.

Erst kürzlich habe ich das an unserer Journalistenschule ifp selbst erlebt. Beim Mittagessen erzählte mir eine Volontärin von Interviews mit Menschen, die gegen eine neue Wehrpflicht sind. Schnell wurde klar, dass sie viele dieser Argumente teilt – und ebenso klar wurde ihr wohl, dass ich Wehrpflicht, Ersatzdienst und Verteidigungsbereitschaft für wichtig halte. 

Trotzdem entstand ein Gespräch, das mir einen echten Einblick in die Perspektive einer Mittzwanzigerin gab. Nachdem ich die Schüler*innenproteste wenige Tage zuvor noch verständnislos beobachtet hatte, verstand ich nun, woher ihre Ängste kommen und was junge Menschen auf die Straße treibt. Das Gespräch endete – trotz unterschiedlicher Meinungen – mit einem entspannten „Danke“.

Mehr Verständnis füreinander ermöglichen

Solche Gespräche brauchen wir auch im Journalismus. Konstruktive Dialogformate haben deshalb zu Recht Konjunktur: Journalist*innen einer Wochenzeitung fahren mit einem Bus durchs Land, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Eine Regionalzeitung organisiert einen Austausch zwischen Bürger*innen und Journalist*innen. An unserer Journalistenschule entstand ein Podcast, in dem Menschen unterschiedlichen Alters respektvoll kontroverse Themen diskutieren. Solche Formate bauen Brücken, setzen auf Verständnis und suchen Lösungen. Ob Bürgerdialoge, Leseraktionen oder Podcasts – überall dort, wo zugehört wird, entsteht mehr als Zuspitzung.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen gesprächige Weihnachten. Und bevor Sie sich von Ihrer Amygdala zu einer unbedachten Bemerkung unterm Christbaum hinreißen lassen: Atmen Sie tief durch. Eine andere Meinung ist anstrengend, aber nicht gefährlich. Vielleicht lohnt es sich sogar anzuerkennen, dass man selbst falsch liegen könnte. Ein Weihnachten, das unser Verständnis füreinander schult – das wäre doch ein wahrliches Fest der Liebe.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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