WEIHNACHTEN

Fürchtet euch nicht!

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Rechte Medien berichteten vor kurzem über einen angeblichen „Weihnachtsdiebstahl“. Frederik Ohlenbusch rät stattdessen zur Gelassenheit.

Auch in diesem Jahr hat uns niemand Weihnachten gestohlen. So lautet meine vorsichtige Prognose, während ich diese Zeilen einige Tage im Voraus schreibe. Ob sie zutrifft, dürfen die Leser*innen gerne selbst entscheiden.

Weihnachten stehlen, das tut im Hollywoodfilm der Grinch. In der realen Welt hingegen soll, folgt man einigen rechten Medien, eine Veranstaltung mit dem Titel „Decolonize Christmas“ in der Charlottenburger Friedenskirche genau das versucht haben. Dort, so der Vorwurf, habe man die Abschaffung des Christfestes geplant. Andere Medien sprangen bereitwillig auf diesen Zug auf. Selbst Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sah sich zu einer Stellungnahme veranlasst und kritisierte, dass die Veranstaltung mit Steuergeldern finanziert worden sei.

Mehr Rettung als Diebstahl

Die Wirklichkeit war deutlich weniger spektakulär: Bei dem Termin warfen zwei Theolog*innen einen kritischen Blick auf das Weihnachtsfest und seine Schattenseiten in der zweitausendjährigen Geschichte der Kirchen. Im Rahmen eines islamisch-christlichen Dialogs machten die Referent*innen auf rassistische und koloniale Denkmuster aufmerksam, die sich in so manchen Weihnachtstraditionen finden. Das wirkt weniger wie ein Diebstahl als vielmehr wie der Versuch einer Rettung. Leider konnte ich selbst nicht dabei sein, es wäre mir eine Freude gewesen.

Der Autor
Frederik Ohlenbusch studiert evangelische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort arbeitet er unter anderem als Hilfskraft am Lehrstuhl für Systematische Theologie des Zentralinstituts für Katholische Theologie.

Die Erzählung fügt sich allerdings nahtlos in das gern bemühte Zerrbild vom „verrückten Berlin“. Gerade dort, so der Tenor kirchlicher Berichterstattung der vergangenen Jahre, beerdige man Weihnachten, christliche Werte, ja gleich das gesamte Abendland.

Entwarnung

Dabei ließ sich im ablaufenden Jahr beobachten, dass der Ton insgesamt rauer wurde, auch gegenüber der römisch-katholischen Kirche. War lange Zeit vor allem die evangelische Kirche das bevorzugte Sorgenkind rechter Medien, nimmt man zunehmend am deutschen Katholizismus Anstoß. Zuletzt etwa, als ein Diözesanrat die Wahlordnung für Pfarrei- und Gemeinderäte änderte, um eine Kandidatur von Mitgliedern gesichert extremistischer Parteien zu verhindern. Wo genau? Selbstverständlich im vielleicht gar nicht so blöden Berlin.

Lassen Sie sich bitte nicht Ihr Christfest stehlen. Auch allen, die vor dem großen Weihnachtsdiebstahl warnen, sei in weihnachtlicher Zuversicht gesagt: Fürchtet euch nicht!

„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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