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Vor 20 Jahren rief das Treffen im Rheinland große Begeisterung hervor. Wir sollten dennoch nicht in Nostalgie verfallen, sagt Joachim Frank.
„Weißt du noch, vor 20 Jahren? – Weltjugendtag in Köln!“ Mindestens eine Million Menschen werden sich oder anderen derzeit diese Frage stellen. So viele waren beim Schlussgottesdienst mit Papst Benedikt XVI. auf dem Marienfeld bei Kerpen dabei. Unzählige haben in der Stadt oder aus der Ferne über die Medien die Fröhlichkeit und die Begeisterung der jungen Katholikinnen und Katholiken aus aller Welt wahrgenommen.
In Köln ging das vom Großmeister katholischer Massenevents, Papst Johannes Paul II., ersonnene Konzept der Weltjugendtage perfekt auf: ein Gemeinschaftserlebnis, bei dem Glaube, Lifestyle, Papamania und das Gefühl des Aufgehoben Seins unter Gleichgesinnten ein Amalgam bilden – mit einer ganz eigenen Faszination, die auch sogenannte Fernstehende erfasst.
Herzen für Benedikt XVI.
Es ist und bleibt es bemerkenswert, wie dem neugewählten deutschen Papst – gerade einmal vier Monate im Amt – damals die Herzen zuflogen. Als eher scheuer Intellektueller und Vatikan-Hierarch war Joseph Ratzinger keiner, dem man auch nur im Entferntesten Popstar-Qualitäten oder gar -Ambitionen zugetraut hätte. Was mögen die Teenager, die ihn in Köln dennoch mit „Be-ne-detto“-Sprechchören frenetisch feierten, wohl mit ihm verbunden haben? Vielleicht tatsächlich die Zusage, die Benedikt als Botschaft mit nach Köln brachte: Ihr seid nicht allein! Gott liebt euch! Und euer Glaube ist eine Kraft, die die Welt bewegen kann!
Der Weltjugendtag schien aber auch den Papst zu bewegen. Im „benediktinischen Frühling“ ergab er sich der Rolle des „Mannes in Weiß“, die Teil seines Amtes ist: Projektionsfläche zu sein für alle möglichen (und unmöglichen) Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte, die sich mit der Religion und dem christlichen Glauben verbinden.
Abstand zur Vergangenheit
Der Autor
Joachim Frank ist DuMont-Chefkorrespondent und Mitglied der Chefredaktion des „Kölner Stadt-Anzeigers“, Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizistinnen und Publizisten (GKP) sowie Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Frank ist unter anderem Träger des „Stern-Preises“ und des „Wächterpreises“ 2023.
Man könnte annehmen, daran habe sich nichts geändert, der einzige Unterschied zwischen der Benedetto-Jugend damals auf dem Marienfeld und den Papa-Leone-Jüngern von Tor Vergata heute seien 20 Jahre Zeitabstand.
Aber das wäre eine (Selbst-)Täuschung. Zwischen Köln 2005 und Rom 2025 liegt – jedenfalls für die Kirche in Deutschland – die Zäsur des Jahres 2010 mit dem Offenbarwerden des Missbrauchsskandals in seiner ganzen abgründigen Dimension. Ein nostalgisches Schwelgen im „Weißt du noch, damals?“ birgt die Gefahr des faustischen Moments: „Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / dann will ich gern zu Grunde gehn!“
Schön war‘s beim Weltjugendtag in Köln, gewiss. Und allen, die dabei waren, ist die Erinnerung daran zu gönnen. Aber sie zu einem Referenzpunkt, zur Bezugsgröße für kirchliches Leben machen zu wollen, wäre fatal. Nach 2010 geht Kirche-Sein nicht mehr wie zuvor. Zumindest nicht für alle, die wollen, dass es mit der Kirche weitergeht. Gut weitergeht.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.