Gäste aus dem afrikanischen Land im Bistum Münster

Weltmissionstag am 28. Oktober – Missio hilft in Äthiopien

„Wir Katholiken stellen nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung Äthiopiens“, sagte  Kardinal Berhaneyesus Demerew Souraphiel, Erzbischof von Addis Abeba, anlässlich eines Besuchs bei „Kirche+Leben“ in Münster. „Doch obwohl wir nur so wenige sind, haben wir uns durch unsere Dienste großen Einfluss und Respekt in der Gesellschaft erarbeitet: mit unseren 400 Schulen, 80 Gesundheits-Stationen und 40 sozialen Zentren.“ Das Angebot stehe allen Menschen offen.

44 Prozent der Äthiopier gehören der orthodoxen Kirche an, 33 Prozent bekennen sich zum Islam. Dennoch sei die katholische Kirche der größte Träger sozialer Einrichtungen, so der Kardinal. Mit diesem Engagement erreiche die Kirche zehn bis 15 Millionen Menschen. Bei 100 Millionen Einwohnern sind das mehr als zehn Prozent der Bevölkerung.

Schwester Rita Schiffer in Sonsbeck

Am Sonntag ist Weltmissionssonntag. Dann werden in den Gottesdiensten in 100 Ländern Spenden für die Arbeit des Hilfswerks Missio gesammelt. Wie jedes Jahr auch in der Diözese Münster. 2017 kamen bei der Kollekte im Bistum 356 144 Euro zusammen. Das Geld fließt in die 1100 ärmsten Regionen der Erde. Im Mittelpunkt der diesjährigen Aktion steht das ostafrikanische Äthiopien.

Vertreter der äthiopischen Kirche haben in den vergangenen Wochen das Bistum besucht. So hat die Ärztin und Ordensfrau Rita Schiffer in den Gottesdiensten in St. Maria Magdalena Sonsbeck und den dazu gehörigen Kirchen in Labbeck und Hamb über ihre Arbeit berichtet. Sie selbst stammt aus Sonsbeck und ist begeisterte Leserin vom „Kirche+Leben“.

Schwierige Lage der äthiopischen Jugend

Pastoralreferentin Gertrud Sivalingam und der dortige Eine-Welt-Kreis hatten die Ärztin, die seit mehr als 20 Jahren das Attat-Krankenhaus 200 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Addis Abeba leitet, zu einem Treffen mit Gemeindemitgliedern eingeladen. „100 Teilnehmer sind gekommen“, freute sich Sivalingam.

Schwester Rita Schiffer.
Die Ärztin und Ordensfrau Schwester Rita Schiffer (Mitte) mit einer Flüchtlingsfamilie aus Eritrea ins Sonsbeck. | Foto: Gertrud Sivalingam

Als besonders schwierig habe die Ordensfrau die Situation der vielen Kinder und Jugendlichen im Land dargestellt. Sie haben große Schwierigkeiten, einen Platz im Leben zu finden, so die Pastoralreferentin.

Unterschiedliche Realitäten

Der Sonsbecker Eine-Welt-Kreis unterstützt seit vielen Jahren die Aufgaben der Ordensfrau. Vor kurzem hat er sich personell erneuert. „Wir sind jetzt acht bis zehn Leute, zwei sind Geschwister von Schwester Rita“, sagt Sivalingam. Persönliche Beziehungen nach Äthiopien seien wichtig. „Das gibt unserer Arbeit Aufschwung. Schwester Rita hat viel Leidenschaft und Charisma.“

Die Ordensfrau hat zudem Gemeinden, Eine-Welt-Kreise, Krankenhäuser und Schulen besucht. Sie war in Dülmen, Münster, Telgte und Rheine. Ihr Fazit: „Die Realitäten in Äthiopien und Deutschland liegen weit auseinander. Ich finde es wichtig, dass vor allem Schüler das verstehen. Und ich erlebe es als ermutigend, dass es hierzulande Menschen gibt, denen die Menschen in Äthiopien nicht egal sind.“

Frust und Gewalt in Äthiopien

Auch Kardinal Souraphiel hat bei seinem Besuch von „Kirche+Leben“ den Blick auf Probleme und Ressourcen gelenkt. Dazu gehören die Armut in Äthiopien, die Jugendarbeitslosigkeit und die Migration. Dem Erzbischof von Addis Abeba geht es darum, auch die Stärken der Kirche wahrzunehmen. „Wir haben viele Berufungen.“ 400 Priester und noch einmal so viele Ordensleute arbeiten in seelsorglichen und sozialen Projekten. Er könne einige sogar ins Ausland senden: in den Sudan, nach Kenia und Süd­amerika.

Souraphiel, der dem Lazaristen-Orden angehört, gilt als einflussreicher Vertreter Ostafrikas in der Weltkirche, unter anderem im Päpstlichen Rat für Flüchtlingsfragen. „Von den 100 Millionen Äthiopiern ist jeder Zweite jung“, sagt er. Viele streben jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt.  „Vor allen in den Städten ist die Jugendarbeitslosigkeit groß. Das führt zur Frustration, die sich in Demonstrationen, Streiks und Gewalt zeigt“, sagt er.

Ausbildung als Strategie gegen illegale Migration

Die jungen Menschen hätten große Erwartungen an das Leben. „Sie sehen im Fernsehen den Reichtum in Europa und in der arabischen Welt. Und sie wollen schnelle Lösungen für ihre Probleme.“ Das führe zu Migrationsbewegungen in Richtung Europa und der reichen Golfstaaten. „Allein im Libanon arbeiten 200 000 Äthiopierinnen im Haushalt. Meist illegal. Sie werden oft ausgebeutet und haben kein leichtes Leben“, so der Erzbischof.

Äthiopien, nach Nigeria der bevölkerungsreichste Staat Afrikas, sucht Lösungen aus dem Dilemma. „Das kann nur über Verträge und Vereinbarungen zwischen unserer Regierung und den anderen Ländern gehen“, sagt Souraphiel. Die Kirche unterstütze das Bemühen. „Wir wollen die Mädchen und Frauen besser qualifizieren, damit sie als Krankenschwestern, Altenpflegerinnen und Haushälterinnen arbeiten können.“ Auf diese Weise, hofft der Kardinal, können sie aus der Illegalität herauskommen und sind nicht ständig von Abschiebung bedroht.

Kardinal ist gegen Trennlinien zwischen Religionen

„Gleichzeitig verfügen wir über einen doppelten Reichtum“, sagte er. „Die Äthiopier lieben ihr Land. Und ihnen ist die Familie wichtig.“ Zu den traditionellen Werten gehörten der Respekt der Kinder vor den Eltern und der Wunsch nach friedlichem Zusammenleben. „Die Herausforderung für die Kirche ist, dafür die nötige Infrastruktur zu schaffen: durch Bildungsarbeit in den Schulen.“ Gerade sei man dabei, eine katholische Universität zu gründen. „Das tun wir, damit die Leute im Land bleiben“, betont Souraphiel.

In Äthiopien spiele das Gastrecht eine wichtige Rolle, spielt er auf die Aufnahme von Flüchtlingen in seinem Land an. Mehr als 900 000 sind registriert, vor allem aus den Krisenländern Südsudan, Somalia und Eritrea. „Für uns ist der Gast ein von Gott gesandter Engel“, sagt Souraphiel. „Wir waschen seine Füße und küssen sie. Wir geben ihm das Beste, was wir haben.“ Heute sei aber nicht mehr jeder Gast ein Engel.

Heimatliebe soll Jugend an Äthiopien binden

Die Al-Schabab-Milizen im Nachbarland Somalia wollten die islamische Scharia einführen. Das bedroht nach Ansicht des Kardinals auch Äthiopien. „Die Äthiopier wollen sich aber nicht in unterschiedliche Ethnien und Religionen aufteilen lassen. Sie definieren sich vielmehr über ihre mehr als 3000-jährige Geschichte“, sagt er.

„Äthiopien war nie eine Kolonie“, betont Souraphiel. Die Liebe zur Heimat und Kultur sieht er als wesentlichen Faktor, dass sich die Jugend für das Land und die Kirche engagiert. Die Missio-Aktion trage dazu erheblich bei.