Erste Unterkünfte schließen

Weniger Flüchtlinge bedeuten Entlassungen

Es kommen weniger Flüchtlinge nach Deutschland - und die Strukturen für ihre Versorgung werden neu organisiert. Viele Aufnahme-Einrichtungen, besonders die Notunterkünfte, müssen damit ihre Angebote einstellen. Dass diese ohnehin nur vorübergehend geplant waren, war von Beginn an bekannt. Der Schluss kommt für viele dennoch früher als erwartet. Und mit ihm Entlassungen und weitere Fragen. Auch die, ob die Strategie des Landes NRW, die Versorgung neuer Flüchtlinge in großen zentralen Einrichtungen zu organisieren, richtig ist.

„Brilliant gemeistert“

Für Michael van Meerbeck ist sie es nicht. In den Augen des Caritasdirektors in Dinslaken hätte die Aufgabe der Flüchtlingsversorgung weiter bei den kleineren, dezentralen Einrichtungen bleiben sollen. „Als man zu Beginn des Flüchtlingszustroms auf höherer Ebene überfordert war, hat man die Kommunen um Amtshilfe gebeten“, sagt er. „Dort wurde die Situation mit Hilfe der lokalen Netzwerke, mit Haupt- und Ehrenamtlichen, mit Vereinen und der Wohlfahrtspflege brillant gemeistert.“

Der Caritasdirektor fragt, warum man sich deshalb nicht weiter auf die verlässt, „die bislang den Großteil gestemmt haben“. Auch zwei Einrichtungen seines Verbandes sind von dieser Entwicklung betroffen. Insgesamt 600 Plätze hatte er in diesen Notunterkünften in Dinslaken für Flüchtlinge vorgehalten. „Eine Größenordnung, in der das Engagement vieler Helfer leicht zu organisieren war.“ Die Chance sieht er in den neuen, großen Einrichtungen des Landes nicht.

Viele Zeitverträge

Unmittelbare Auswirkungen haben Schließungen vor allem für die Angestellten in den Unterkünften. Nicht nur in Dinslaken, wo etwa 50 Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze verloren. Auch die Malteser nennen Zahlen für ihre Einrichtungen im nordrhein-westfälischen Teil des Bistums. Von den ehemals 150 dort Angestellten haben derzeit noch 40 Arbeit. Drei der vier Flüchtlingseinrichtungen, für die der Diözesanverband zuständig war, sind bereits geschlossen.

Gerade in den Notunterkünften ist die Gefahr, den Job zu verlieren, groß. Denn das Land und die zuständige Bezirksregierung haben dafür mit den Betreibern meist nur Verträge mit Laufzeiten von bis zu einem Jahr abgeschlossen. Damit soll flexibel auf die Entwicklung im Flüchtlingszustrom reagiert werden können.

Das Aus kam überraschend früh

Nach Angaben des Landesministeriums für Inneres und Kommunales sank die Zahl in der ankommenden Flüchtlinge in in NRW schon in den ersten Monaten diesen Jahres von etwa 1.000 pro Kalenderwoche auf unter 2.000. Derzeit werden in jeder Woche etwa 1.500 gezählt.

Deshalb kam das Aus für einige Einrichtungen überraschend früh und der Arbeitsplatzverlust abrupt. „Für viele ist das ein herber Einschnitt“, sagt Andreas Cziudej. Der Leiter der von den Maltesern betriebenen Notunterkunft in Recklinghausen hat seine Einrichtung kürzlich schließen müssen. 70 Mitarbeiter in den unterschiedlichen Bereichen der Versorgung und Betreuung mussten gehen. „Sie wussten alle, dass sie nur einen befristeten Vertrag haben, hatten sich aber auf eine Anstellung bis Ende des Jahres eingestellt.“

Große Unsicherheit

Die Wohlfahrtsverbände sind bemüht, für möglichst viele den Gang in die Arbeitslosigkeit zu verhindern. Die Caritas in Dinslaken hat einen Großteil der ehemaligen Mitarbeiter in den Notunterkünften in andere Arbeitsbereiche wie Jugendhilfe oder Kindergärten vermitteln können. In Recklinghausen hatte Andreas Cziudej zusätzliche Ideen, „um der großen Unsicherheit zu begegnen“. Er organisierte Beratung und Bewerbungsschulungen für die Angestellten. Kurz vor Schließung seiner Einrichtung Ende Oktober veranstaltete er mit Erfolg eine Job-Börse.

„Gerade in den sozialen Arbeitsbereichen haben unsere Mitarbeiter in den vergangenen Monaten besondere Kompetenzen erworben.“ Der Umgang mit den neu ankommenden Flüchtlingen und ihre erste Versorgung sei für viele zunächst Neuland gewesen, sagt Cziudej. „Die intensiven Erfahrungen dieser Zeit können sie jetzt in der weiteren Begleitung der Migranten einbringen.“

Ehrenamtlicher Einsatz

Diesen Wechsel in den Aufgaben für Flüchtlingshelfer hat auch Marion Hafenrichter ausgemacht. „Von der Erstversorgung zur Integration“, beschreibt die Referentin für Flüchtlingsprojekte des Diözesancaritasverbands die Situation der etwa 7.000 ehrenamtlich Engagierten im NRW-Teil des Bistums Münster. Einige Helfer bräuchten nach dem monatelangen Einsatz auch etwas Abstand und Ruhe, weiß sie. Nachwuchs komme nicht mehr von allein wie in der Anfangszeit der Flüchtlingshilfe.

„Deshalb müssen die Einrichtungen vor Ort beginnen, Ehrenamtliche zu werben.“ Große Sorgen macht sie sich aber nicht: „Weil die Menschen, die sich engagieren, mit ihrer Ausstrahlung andere weiter begeistern und animieren.“

Eine Frage bleibt beim Blick in die Zukunft: Wie werden sich die Flüchtlingszahlen weiter entwickeln? Wenn diese wieder anwachsen, können die kleineren Notunterkünfte schnell wieder ein Thema sein. „Dann wird man sich wieder an die wenden, die das schon beim ersten Mal gemeistert haben“, sagt Michael van Meerbeck.

Die Caritas in Dinslaken werde dann sofort wieder zur Verfügung stehen. „Weil es uns am Ende nicht um die Struktur, sondern um die Menschen geht.“