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Themenwoche (6) - Kältewinter und Energiekrise in sozialen Einrichtungen

Wenn die Heizung daheim zu teuer ist: Wärme im Café "Kalt is' woanders"

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Strom, Sprit, Heizung: Auch die Dienstleistungen der Sozialwirtschaft, vom Kindergarten übers Krankenhaus bis zum Pflegeheim, sind von den Auswirkungen der Inflation und der Energiekrise betroffen. In einer Themenwoche berichtet "Kirche-und-Leben.de", wie sie damit umgehen. Der sechste und letzte Teil: Das ökumenische Café "Kalt is' woanders" in Ahlen.

In den Tassen dampft heißer Kaffee oder Tee. Gebäck lädt zum Naschen ein. Und Kerzenschein verbreitet eine heimelige Atmosphäre. Kalt ist tatsächlich woanders, aber nicht in dem gemütlichen Raum der Familienbildungsstätte (FBS) in Ahlen, in dem seit kurzem immer dienstags von 15 bis 17 Uhr Menschen willkommen sind, die nicht nur ein behagliches Plätzchen, sondern auch und vor allem menschliche Wärme suchen. Sie ist in diesen Zeiten der vielen Krisen und der sozialen Not von besonderer Wichtigkeit.

Diese Erkenntnis hat auch das ökumenische Konveniat in Ahlen bei einem seiner Treffen angetrieben, vor dem Hintergrund der Energiekrise, einen neuen Begegnungsnachmittag im Herzen der Stadt anzubieten. „Wir wollen Menschen, unabhängig von jeder Konfession, einen Ort der Begegnung und des Miteinanders anbieten“, beschreibt Lars Koenig, Leiter der Familienbildungsstätte, die Intention.

Ökumenische Idee

„Gerade jetzt müssen wir enger zusammenrücken“, so Koenig. In Ahlen bestünden zwar schon viele Angebote, wie ein regelmäßiger gemeinsamer Mittagstisch im Barthelhof, aber im Zentrum habe bislang eine niedrigschwellige und überkonfessionelle Anlaufstelle, in der jeder willkommen sei, gefehlt. Deshalb haben sich die evangelische Kirchengemeinde und die katholische Pfarrei St. Bartholomäus mit der FBS als Kooperationspartner zusammengeschlossen, um die bestehenden Angebote zu ergänzen. 

Schnell hat sich ein Kreis Ehrenamtlicher zusammengefunden mit Ulrike Frede als Koordinatorin, der auch bei der Namensfindung Pate gestanden hat: Café „Kalt is‘ woanders“. Denn, so Lars Koenig, „es geht uns nicht nur darum, äußere, sondern auch innere Wärme zu verbreiten“.  Und dass sie mit dieser Initiative einen Volltreffer gelandet haben, zeigte sich bereits bei der Premiere. Fünf Minuten nachdem sich die Tür zu dem gemütlichen Treffpunkt geöffnet hatte, war der lange Tisch bereits besetzt. Vor allem mit Alleinstehenden, wie Dr. Frede berichtet.

Russin trifft Ukrainerin

„Diese Menschen kommen vor allem, um zu reden.“ Astrid Schepers und Hildegard Kroll aus dem Team der Ehrenamtlichen schenken den Besuchern deshalb auch beim zweiten Treffen ein offenes Ohr. „Niemand soll hier einfach nur sitzen und keinen Gesprächspartner haben“, betont Frede. 

Nicht gesucht, aber gefunden haben sich an der langen Kaffeetafel auch Tanja und Svetlana. Die Russin und die Ukrainerin praktizieren so etwas wie Völkerverständigung im Kleinen. Tanja lebt seit 24 Jahren in Deutschland, im Januar hat sie ihren deutschen Ehemann verloren. „Es ist schön, sich hier mit anderen Menschen zu unterhalten“, sagt die Witwe, die lange Zeit im St.-Josef-Stift in Sendenhorst gearbeitet hat. Kurz vor Beginn des russischen Angriffskriegs hat Tanja noch Familienangehörige in der ehemaligen Heimat besucht. Nur unter großen Schwierigkeiten sei es ihr gelungen, nach dem Kriegsausbruch nach Deutschland zurückzukehren, berichtet sie. 

Flucht aus Saporischschja

Svetlana ist im März mit ihren beiden Töchtern (13 und 14 Jahre) aus dem umkämpften Saporischschja, bekannt vor allem wegen seines Atomkraftwerks, nach Deutschland geflohen. Die Psychologin spricht gut Deutsch, weil sie die Sprache schon in der Schule gelernt hat.

Inzwischen ist auch hier Mann, der als Koch auf einem Schiff gearbeitet hat, nachgekommen. Als Dritter gesellt sich an diesem Nachmittag auch Spätaussiedler Helmut (22) zu den beiden Frauen. Er ist mit seiner Familie vor einem halben Jahr von Nowosibirsk über Kaliningrad nach Ahlen gereist, weil er, wie er betont, in Putins Russland keine Zukunft für sich gesehen hat. Er möchte Personalmanagement studieren. Drei Geschichten, drei Menschen, die ein Wunsch eint: der schreckliche Krieg möge beendet werden und endlich Frieden einkehren. 

Singen, lachen, vorlesen

An der Kaffeetafel werden, aber nicht nur Sorgen abgeladen, es wird auch gelacht, gesungen und vorgelesen. Zunächst bis zum 20. Dezember steht die Tür dienstags zum Café „Kalt is‘ woanders“ in der FBS offen. Danach wollen die Initiatoren Zwischenbilanz ziehen, so Lars Koenig. Gut möglich, dass das Begegnungscafé im neuen Jahr fortgesetzt wird. Denn: Herzenswärme ist nicht nur in kalten Zeiten ein Gebot der Nächstenliebe.

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