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Indische Krankenschwestern lindern Fachkräftemangel in Nordwalder Seniorenheim

Wenn Frau Fröhlich einen Sari trägt

Video: Marie-Theres Himstedt
Gerda Hilbers, Neethu Thomas und Hildegard Fröhlich beim gemeinsamen Kaffeetrinken.
  • In Deutschland gibt es zu wenig Fachkräfte in der Pflege – in zehn Jahren könnten bis zu 500.000 Pflegekräfte fehlen.
  • Das St.-Augustinus-Altenpflegezentrum in Nordwalde kooperiert mit Krankenschwestern aus Indien.
  • Die jungen Mütter verlassen ihre Heimat, um in Deutschland zu arbeiten. Gegen Heimweh helfen Videoanrufe – und eine indische Woche mit den Bewohnern.
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„ ,Guten Morgen, hast du gut geschlafen?‘, Da ist gleich gute Laune, wenn Neethu mich morgens begrüßt“, sagt Hildegard Fröhlich. Die 85-Jährige lebt im Altenzentrum St. Augustinus in Nordwalde und wird von Neethu Thomas betreut. Das ist etwas Besonderes, denn Neethu Thomas gehört zu den indischen Pflegekräften, die seit 2019 im Altenzentrum in Trägerschaft der Pfarrei St. Dionysius Nordwalde beschäftigt sind. Der Grund? „Fachkräftemangel“, sagt Petra Drees trocken, sie ist die Leiterin des Sozialen Dienstes der Einrichtung. Ein Fakt, auf den der deutsche Pflegerat gerade erst wieder bei seinem Jahreskongress eindringlich hinwies: In zehn Jahren könnten bis zu 500.000 Pflegekräfte fehlen – schon jetzt sind es 200.000 zu wenig.

Fünf der etwa 200 Pflegekräfte im stationären Bereich der Einrichtung in Nordwalde stammen aus Indien. „Die Kooperation entstand aus einem Zufall“, wie Petra Drees berichtet. Der indische Priester Abraham Manalil aus Hamminkeln war in Nordwalde als Urlaubsvertretung zu Gast. Im Gespräch mit der Geschäftsführung entstand die Idee, ob nicht Fachkräfte aus Indien hier arbeiten könnten. Mit Anu George kam 2019 die erste Krankenschwester.

Party auf Indisch

Das Konzept vernetzt Arbeitgeber, Arbeitsagentur und die Altenpflegeschule der Caritas in Rheine: „Ein Jahr durchlaufen die Frauen, die ja bereits Krankenschwestern sind, bei uns noch ein Anerkennungsjahr mit einer Prüfung“, berichtet Petra Drees. In der Theorie sind die Kräfte sehr gut ausgebildet, auch die Verständigung auf Englisch sei überhaupt kein Problem. Bereits in Indien absolvieren die Frauen zusätzlich deutsche Sprachkurse.

„Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten“, gesteht Neethu George. Der Alltag, die Essgewohnheiten, die Kultur  - alles sei sehr anders. „Jetzt geht es“, sagt die 32-Jährige. Eine große Hilfe seien ihre indischen Arbeitskolleginnen, mit denen sie ihre Sprache sprechen, vertrautes Essen kochen und „Party“ machen kann, wie sie sagt.

Projektwoche ohne Tabus

Bollywood-Athmosphäre
Bhangra Münster by Ajay holte mit seiner Crew „Punjabi“ Bollywood-Athmosphäre in das St. Augustinus Altenzentrum. | Foto: pd

Party machen, das wollte auch Petra Drees vom Sozialen Dienst und organisierte mit dem Team und den ausländischen Schwestern eine indische Woche für die Bewohner: Einblicke in andere Welten – für beide Seiten. Mit ins Boot geholt wurde zum Beispiel Prashant Gogia, Präsident der Deutsch-Indischen Gesellschaft aus Münster. Er entführte die Bewohner mit traditionellen Trommelklängen in seine Heimat. „Wir haben indisch gekocht, zum Beispiel Chicken Tikka Masala, Hühnchen mit Buttereis und Erbsen“, berichten Neethu Thomas und Anu George. Außerdem präsentierten sie den Bewohnern einen Sari, das traditionelle Kleidungsstück, das aus meterlangen Stoffbahnen besteht und kunstvoll um den Körper geschlungen wird.

Eine Woche des Austausches, ohne Tabus. So fragte ein Bewohner, was die Schwestern denn verdienen würden, und ob sie wegen des Geldes nach Deutschland gekommen seien. Um die 3.000 brutto liege das Gehalt, in Indien verdienten sie hingegen um umgerechnet 300 Euro, aber dort seien auch die Lebenshaltungskosten deutlich geringer, erläutert Petra Drees. Anu und Neethu berichten, dass sie zum einen aus Interesse gekommen seien und sich in Deutschland weiterbilden wollen, aber auch, um mit dem Gehalt kranke Verwandte zuhause zu unterstützen.

Drei Stunden lange Anrufe täglich

Ein Spagat in die Heimat, denn die Frauen sind junge Mütter: „Dreieinhalb Stunden telefonieren wir nach dem Dienst täglich mindestens über Handyvideo mit unseren Töchtern“, berichten die Frauen. Zwischen fünf und sieben Jahre sind die Kinder alt.

Die deutschen Arbeitskolleginnen tun ihr Bestes, um den Frauen ein zweites Zuhause in Nordwalde zu bieten, berichtet Petra Drees scherzhaft: „Die neuen Kolleginnen bekommen jeweils einen Paten an die Seite gestellt. Der bringt ihnen alles Nötige zum Überleben in Nordwalde bei.“ Zugewandtheit, Zuhören und der gegenseitige Austausch sind der ausgebildeten Religionspädagogin wichtig. Deswegen soll es auch bald eine Wiederholung der indischen Woche in Nordwalde geben.

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