Gespräch mit Martin Dabrowski von der Akademie Franz-Hitze-Haus Münster

Wenn Geldgier das Leben bestimmt

Herr Dabrowski, unter dem Titel „Geld, Gier und Gott“ hatten Sie zu einer Tagung ins Franz Hitze Haus eingeladen, um moralische Fragen im Wirtschaftsleben zu diskutieren. Warum halten Sie das Thema für aktuell?

Die Akademie Franz Hitze Haus greift in vielen Tagungen wirtschafts- und unternehmens­ethische Fragestellungen auf, die in der aktuellen Diskussion sind. Viele Skandale der jüngeren Zeit – Abgasmanipulationen, Geldwäsche, Korruption oder Steuerflucht – erwecken den Eindruck, dass es Unternehmen nur um den schnellen Gewinn geht und ethische Fragen keine Rolle mehr spielen. Genau diesen Konflikt zwischen Gewinn und Moral hat die Tagung „Geld, Gier und Gott“ aufgegriffen und Handlungs­möglichkeiten für Unternehmer und Manager in solchen Konfliktsituationen diskutiert.

Ziel von Unternehmen ist es, Gewinne zu erwirtschaften. Das ist gut für Aktionäre und Arbeitnehmer. Warum sollten Unternehmensbilanzen moralische Kriterien erfüllen?

In unserem System der Sozialen Marktwirtschaft signalisiert der Gewinn eines Unternehmens im Normalfall, dass das Unternehmen einen sinnvollen Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen Wohlstand leistet. Dies gilt natürlich nur, wenn das Unternehmen alle Gesetze und Normen einhält und nicht durch Betrug und Täuschung Gewinne erwirtschaftet, wie dies zum Beispiel bei den Abgasmanipulationen der Fall war.

Martin Dabrowski.
Martin Dabrowski, stellvertretender Leiter des Franz-Hitze-Hauses.

Welche Unternehmen wirtschaften, moralisch gesehen, besonders schlecht, welche besonders gut?

Unternehmerisches Handeln ist aus moralischer Sicht als schlecht zu beurteilen, wenn gegen Gesetze und Verordnungen verstoßen wird oder bestehende Gesetzeslücken ausgenutzt werden, obwohl die moralische Fragwürdigkeit der Geschäfte offensichtlich ist. Schwierig wird die moralische Beurteilung dann, wenn es gesellschaftlich keinen Konsens (mehr) darüber gibt, was moralisch zu verurteilen ist.

Worin liegt der Unterschied zwischen Gier und gesundem Gewinnstreben?

Während das unternehmerische Gewinnstreben in der Sozialen Marktwirtschaft erwünscht ist und zu höherem Wohlstand für alle führt, bedeutet ein von Gier getriebenes unternehmerisches Handeln die Verfolgung der eigenen Zwecke auf Kosten der Anderen. Wer gierig handelt, ist bereit, auch Gesetze und Normen zu brechen, um den eigenen Gewinn zu erhöhen. Dies zeigt sich in vielen Wirtschaftsskandalen sehr deutlich. 

Steuerflucht und Geldwäsche werden allgemein politisch verurteilt und gelegentlich strafrechtlich verfolgt. Was sagt die katholische Sozialethik zu diesem Phänomen unserer Zeit?

Steuerflucht und Steuerhinterziehung sind aus sozialethischer Sicht zu verurteilen, da Privatpersonen oder Unternehmen hierdurch Geld für sich behalten, das eigentlich dem Staat und damit der Allgemeinheit zusteht. Hier wird das Eigeninteresse über das Gemeinwohl gestellt. Dies ist zwar nicht in allen Fällen illegal, aus sozialethischer Sicht aber immer unmoralisch.