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Gast-Kommentar von Ludger Verst zur Initiative „OutInChurch“

Wer liebt, hat recht?

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Ein Doppelleben zu führen, ist in den meisten Fällen wohl anstrengend. Nicht nur im Roman wird den Beteiligten viel abverlangt, auch im wahren Leben. Denn oftmals müssen Menschen eine Existenz im Schatten führen, führt Ludger Verst in seinem Gast-Kommentar aus. 

„Mein Mann betrügt mich, ich weiß es genau.“ Maja, 54, Journalistin in Berlin, erfährt nach fast 28-jähriger Ehe zufällig, dass ihr Mann, Literaturprofessor in Tübingen, ein Doppelleben führt und gerade Vater geworden ist. Und das jetzt, als sie sich eigentlich auf die Geburt des gemeinsamen Enkelkindes freut. Ein Ehedrama beginnt, eine Achterbahnfahrt der großen Gefühle. Die betrogene Frau protokolliert alle Phasen ihrer sexuellen Eifersucht, ihre Obsessionen, ihre Angst vor dem fremden Kind, die absurden Versuche ihres Mannes, seine Verstrickungen zu verschleiern.

Es ist die Geschichte eines Verrats, die Anita Lenz hier erzählt. Ihr Roman „Wer liebt, hat recht“ wurde sogar verfilmt und sorgte seinerzeit für reichlich Aufsehen.

In diesen Tagen sorgt die Veröffentlichung etwas anderer Liebes- und Leidensgeschichten für Aufsehen. 125 katholische Menschen, viele von ihnen in Diensten der katholischen Kirche, veröffentlichten ihre nicht-heterosexuelle Orientierung oder Geschlechts­identität. Eine mutige Aktion, gehören doch Abwertung und Ablehnung zu den oft jahrzehntelangen schmerzhaften Erfahrungen homosexueller, trans- oder intergeschlechtlicher Menschen in der katholischen Kirche. Menschen wurden um ihre offene, ehrliche Liebe, um ihr unbeschwertes Herz gebracht – aus angeblich sittlichen Gründen.

Existenz im Schatten

Der Autor
Ludger Verst stammt aus Gronau, ist Theologe, Berater und Publizist.

Die Initiative #OutInChurch und die TV-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ haben in beklemmender Weise die Schicksale queerer Menschen vor Augen geführt. Einige von denen, die sich geoutet haben, kenne ich. Ich bin mit ihnen auf Facebook befreundet und begegne ihnen auch im echten Leben. Und doch kann ich kaum ermessen, welche heimlichen Wege sie zu gehen, zu welchem Doppelleben sie gezwungen waren: dass sie selbst – und die sie lieben – nur im Schatten existieren durften.

Wer in der Kirche ein Doppelleben führen muss, um echt und recht, um wahrhaftig sein zu können, geht durch eine Hölle der Gefühle. Denn von der Kanzel herunter wird gelogen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ – „Aber doch nicht so! Du und deine Art sind falsch.“

Wer liebt, hat recht? Schön wär’s. Wann überwinden wir die Absurditäten und Ängste, die queeren Menschen auch weiterhin noch zugefügt werden unter dem Deckmantel eines scheinheiligen Loyalitätsgebots.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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