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Steinmetz Werner Paetzke aus Bevergern ist Experte für Kirchturmhähne

Wetterhahn statt Wetter-App: Die bunte Welt der Kirchturm-Vögel

  • Kirchturmhähne sind Glaubenszeugen, Wetterboten, Zierde und Zielobjekte: 100 Bilder hat Steinmetz Werner Paetzke zusammengetragen.
  • Sie seien ökumenische Tiere, sagt er mit Augenzwinkern.
  • Bisweilen werden sie allerdings sogar beschossen.
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Sie trotzen Wind, Wetter und sogar Gewehrkugeln - Kirchturmhähne. Durch seine Arbeit als Steinmetz und Bildhauer hat Werner Paetzke regelmäßig mit ihnen zu tun. Der 68-Jährige aus Hörstel-Bevergern hat eine Abhandlung über die Kunstobjekte verfasst: „Der Wetterhahn hat als Zeitzeuge, Wächter und Heimatsymbol viele verschiedene Aspekte, das fasziniert mich einfach“, sagt Werner Paetzke. Über 100 Stück hat er in seinem Fotobuch veröffentlich, überwiegend von Kirchtürmen im Bistum Münster, aber auch Exemplare aus Südafrika und Portugal.

Normalerweise befasst sich Inhaber eines Steinmetzbetriebs mit 50 Mitarbeitern eher mit der Fassadensanierung des Osnabrücker Doms oder der Sandsteinpflege am Prinzipalmarkt in Münster. Doch im Lauf seiner langjährigen Tätigkeit hat Werner Paetzke den Blick fürs Detail nicht verloren: „Ich sehe jeden Tag diese wunderschönen Kirchturmhähne. Als es noch keine digitale Vernetzung gab mit Wetter–App oder Regenbericht auf WhatsApp, da guckte man eben nach oben, wohin der Schnabel zeigte. Und blies der Westwind, dann ,bliev we better tohus´, wie wir auf Platt sagen!“

Der Kirchturmhahn konnte Ernten retten

Was wäre der Turm ohne Hahn? Kirchenbauten waren nicht nur Stätten der Religionsausübung, um sie herum spielte sich das Dorfleben ab. Kirchtürme dienten als Ausguck und schützten umliegende Häuser vor Blitzeinschlag. Da lag es nahe, dass eben auch die Wetterhähne, aufwändig gestaltet, aufs Dach gebracht wurden: „Sie waren zum Teil lebenswichtig für die Bevölkerung. Sie konnten den Bauern durch ihre Ausrichtung in den Wind anzeigen, wann sie säen oder die Ernte sicher einbringen konnten.“

Die Zierde auf dem Kirchturm war jahrhundertelang von großer Bedeutung. „Auch wenn absolute Armut beim Kirchenbau herrschte, irgendwie wurde es immer bewerkstelligt, einen Hahn auf den Turm zu packen“, sagt Paetzke.

Erster Wetterhahn stammt aus Italien

Das erste Exemplar wurde im Jahr 850 in Italien erwähnt. Bischof Rambertus von Brescia hatte ihn für die Kirche San Faustino Maggiore gießen lassen. „Der Hahn ist ein Christussymbol, er verkündet das Ende der Dunkelheit und weckt die Menschen zum Gebet und christlichen Glauben“, hat Werner Paetzke recherchiert. Eine unrühmliche Rolle spielt das Federvieh in der Passionsgeschichte im Neuen Testament. So spricht Jesus vor seinem Tod zu Petrus: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“

Als Boten der Wahrheit wurden manchen Metallvögeln aber auch Zeitkapseln mit Botschaften für die Nachwelt eingehämmert oder Jahreszahlen und Namen von amtierenden Pfarrern beigebracht, berichtet Paetzke. Er geht davon aus, dass dem Bronzetier eine tiefere Bedeutung zukommt, als nur vergoldeter Schmuck auf hoher Zinne: „So wie der Turm unter dem Hahn steht, steht das Menschenwerk unter der Natur, denn sie ist perfekt. Es ist alles von Gotteshand geschaffen.“ So könnten Baumeister den Kirchturmhahn auch als demütiges Zeichen gewählt haben.

Ökumenisches Tier

Dabei seien Kirchturmhähne sehr freiheitsliebende Tiere, sie ließen sich nicht bestimmten Konfessionen zuordnen: „Ich konnte bislang nicht feststellen, dass sie eher auf katholischen als auf evangelischen Kirchen stehen“, meint Paetzke mit einem Augenzwinkern. Für ihn ist der Hahn ein klares Zeichen für Ökumene. Dazu kommt, dass er als morgendlicher Künder der Sonne in vielen Religionen als Symbol des Feuers verehrt wird.

Was viele nicht wissen: „Der Hahn hat nicht unbedingt die Funktion eines Blitzableiters. Diese Vorrichtung wird extra um ihn herumgelegt.“ In seinem Fotobuch befasst Werner Paetzke sich auch mit dem Aufbau und Material von Turmhähnen und stellt sein Wissen Dachdeckern zur Verfügung.

Wetterhähne werden in ländlichen Gebieten oft abgeschossen

Denn ein Wetterhahn lebt gefährlich und muss tatsächlich ab und an repariert werden: Andere Vögel schärfen sich an seinem Metall die Schnäbel, oder es wird gar auf ihn geschossen, wie Paetzke an vielen Exemplaren vor allem in ländlichen Gebieten sehen konnte: „Wenn er sich da oben so im Wind dreht, ist er ein verlockendes Ziel. Ein Schuss aus der Ferne kann ja kaum geahndet werden“, sagt der Steinmetzmeister.

Er schätze vor allem moderne Darstellungen von Wetterhähnen. Und natürlich den Vogel auf „seiner“ Bevergerner Marienkirche: „Wenn wir von der Telgter Wallfahrt zurück laufen und dann auf den Ort zu, ist das wie ein schöner Heimatgruß“, findet der Steinmetzmeister.

Auch eine Wetterhenne wurde gesehen

Werner Paetzke bedauert, dass im Zug der Zeit viel Wissen bei der Herstellung und Restaurierung der Wetterhähne verloren gegangen ist: „Früher waren Kupferschmiede oder Spengler dafür zuständig.“ Teils mit viel Aufwand – so finden sich in seinem Büchlein Bilder vergoldet Hähne mit Glassteinen verziert, oder mutierte Greifvögel mit Hahnenkamm und überdimensionalem Gefieder. Im Bistum Osnabrück hat es übrigens auch eine Henne auf einen Kirchturm geschafft: „Mit Ei.“

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