Roadstory (4): 30 Kilometer mit Smartphone und Fahrrad

Wie Andreas Ramschulte aus Schöppingen vom Autokino zu „Fahrradgebeten“ kam

Ein Autokino in Schöppingen - davon träumte Andreas Ramschulte zu Beginn der Corona-Zeit: „Das wäre natürlich auch was für Auto-Gottesdienste gewesen“, sagt er. Der Energieberater unterstützt sonst zu besonderen Anlässen die Pfarrgemeinde St. Brictius mit Leinwänden und Beamern, da lag der Gedanke an einen kontaktlosen Ersatzgottesdienst in Kraftfahrzeugen nicht fern. Mit dem Wallfahrtsassistenten Uwe van de Loo aus Eggerode hatte der Technik-Experte schon gesprochen: „Uwe war ganz begeistert.“ Doch der kommunale Gemeinderat war vom Outdoor-Lichtspieltheater in Schöppingen nicht überzeugt, und nur für Gottesdienste wäre das Autokino zu teuer gewesen. Andreas Ramschulte grübelte weiter: „Was kann man den Menschen noch anbieten, damit sie in diesen Zeiten nicht nur zuhause sitzen müssen?“ Als Veranstaltungstechniker im Nebenerwerb liegt es ihm am Herzen, Menschen zusammenzubringen.

Der gebürtige Schöppinger ist schon immer ein kleiner „Frickelkopp“ gewesen, wie er sagt. Der 38-Jährige stammt aus einer umtriebigen Landwirtsfamilie. Sein Vater, ein „kreative Querdenker“, hat seinen ältesten Sohn als Kind ständig mit Bastelmaterial versorgt: „Dachlatten, Bretter, Hammer und Nägel gab es immer“, erinnert sich Ramschulte, der mit drei Geschwistern auf dem elterlichen Bauernhof aufwuchs. Eine Traumkindheit, geprägt von Freiheit und der Zuwendung in der Großfamilie, aber auch geprägt von dem Schicksal seiner jüngeren Schwester, die schwerstbehindert ist. „800 Tage hat sie bisher in ihrem Leben im Krankenhaus verbracht.“ Für ihn als Kind eine besondere Situation: „Ich fand es damals klasse, denn ich konnte mit Vattern auf die großen Spielplätze in Münster, weil ich nicht mit ins Krankenhaus durfte.“

Blutspender für die jüngere Schwester

Blut und Nadeln könne er aber bis heute nicht sehen. Dennoch: „Blutspenden ist für mich durch meine kleine Schwester zu einem wichtigen Anliegen geworden.“ Das ist so eine Eigenschaft von Andreas Ramschulte,: Wenn ihm etwas wichtig ist, hängt er sich rein, er tüftelt gern und legt praktisch Hand an, bis etwas läuft: So kam er vom Auto-Kino zu den „Fahrradgebeten.“ Die waren im Multimedia- Konzept der Pfarrei St. Brictius in Schöppingen so nicht enthalten. Dabei ist der Wallfahrtsort Eggerode im Internet in Bild und Ton gut aufgestellt: kurze Video-Filme mit Gebeten, Impulsen und Liedern können abgerufen werden. Pfarrer Thomas Diedershagen und Pastoralreferentin Stefanie Eißing haben die Aufnahmen vom Wallfahrtsort gemacht und Gebete gesprochen. Die Lieder hat Wallfahrtsassistent Uwe van de Loo zuhause auf seiner Orgel eingespielt.

Andreas Ramschulte fand die Idee gut. Aber wie kommt dieses Seelsorgeangebot bequem an die Besucher der Kapellen?, fragte er sich. „Viele Menschen sind jetzt auf dem Fahrrad unterwegs, gerade auch auf der Kapellenroute“, weiß Andreas Ramschulte. „Nur hinfahren und gucken, fand ich langweilig.“ Er suchte nach einer Möglichkeit, mit der die Besucher unkompliziert an Informationen und Impulse zu den Kapellen kommen. Aus seiner beruflichen Erfahrung als Energietechniker kennt er von Besuchen auf Messen die QR-Code-Technik: Wie bei einem Strichcode können Informationen gescannt und kompakt übermittelt werden: „Auf der Ausstellung brauchtest du keine Prospekte mehr, sondern hast einfach den QR-Code mit dem Smartphone fotografiert.“ Die Informationen kamen dann über eine Internetseite aufs Handy. Das wollte Andreas Ramschulte auch für zuhause, und zwar für alle Kapellen des historischen Prozessionswegs rund um Schöppingen.

Ideenspender für seine Kirchengemeinde

Vier Kapellen markieren die Eckpunkte eines etwa 30 Kilometer langen Rundwegs, den der Heimatverein Schöppingen touristisch neu erschlossen hat. Dazu gehören Haus Koppel, die Stockumer Kapelle, die Bergkapelle und die Kapelle auf dem Hof Schulze Althoff. Zusätzlich zu den an der alten Prozessionsroute liegenden Kapellen sind auch die Kapellen im Ortsteil Eggerode und in der Bauernschaft Gemen durch einen kleinen Abstecher schnell zu erreichen.

Mit den QR-Codes, die jetzt an jeder Kapelle aufgestellt sind, lassen sich alte Glaubensschätze neu entdecken, auch dank der kreativen Einfälle von Pastoralreferentin Stefanie Eißing. „Die Aktionen sind auch für Kinder geeignet“, sagt Ramschulte, der selbst eine anderthalbjährige Tochter hat. An jeder Kapelle gibt es für Kinder etwas zu entdecken: An der Pestkapelle in Gemen können sie Steinmännchen bauen. An der Bergkapelle sind kleine Naturschätze versteckt, aus denen die Kinder ein „Schöpfungsbild“ legen können. Von diesen Bildern lassen sich Fotos machen und auf die Internetseite der „Fahrradgebete“ laden. Außerdem leitet der QR- Code auf eine Website mit Gebeten für Erwachsene weiter. „Ich finde das ein tolles Angebot“, meint Ramschulte. Einzige Herausforderung: „Man braucht Internet und einen vollen Handy-Akku!“

Ohne Strom geht auch in seinem Nebenjob Veranstaltungstechniker nichts: „Typische Besonderheit in Kirchen: Es fehlen die Steckdosen!“ Ansonsten ist der 38-Jährige gerne in Kirchen im Einsatz: „Da komme ich automatisch zur Ruhe“, sagt der ehemalige Messdiener. Allerdings erfordern die hohen Räume schon Erfahrung und Feingefühl beim Ausleuchten. Farbkonzepte unter Berücksichtigung der liturgischen Farben seien sinnvoll. „Ein Kollege aus meinem Netzwerk meint, wenn mehr als zwei Farben zum Einsatz kommen, wird es Kirmes!

Ramschulte wünscht sich mehr digitale Ansprache durch Kirche

 Der Vorteil für ihn, wenn er eine Kirche ausleuchtet, ist außerdem: „Ich weiß wo die Leute sitzen, nämlich in Richtung Altar. Das ist bei einer Hochzeitsparty im Saal anders!“ Wichtig ist außerdem: „Die Scheinwerfer dürfen keine lauten, störenden Lüfter haben.“ In Corona-Zeiten ist der junge Familienvater heilfroh, seinen Veranstaltungsservice nur im Nebenerwerb auszuüben. „Mit dem Wegfall von Veranstaltungen aufgrund der Pandemie stehen viele Veranstaltungstechniker jetzt vor dem Nichts“, weiß er. Mit der Aktion „Light the Night“ haben Freischaffende aus dem Messebau und Eventbereich Anfang des Monats ein Statement abgegeben: „Da wurden in ganz Europa Gebäude und Denkmäler angestrahlt, um auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen.“

Zeichen setzen, das wünscht sich Andreas Ramschulte auch von seiner Kirche: „Light my Fire“, die Jugendvigil in Eggerode im vergangenen Jahr, war für ihn so ein Höhepunkt. Sein Wunsch: „Kirche müsste noch mehr mit der Zeit gehen!“ Es reiche nicht zu warten, dass die „Schäfchen“ von allein zur Kirchentür kommen: „Ich vermisse zum Beispiel noch mehr digitale Ansprache.“ Ideen dafür hat er auch schon: einen Newsletter oder einen Mitgliederbereich mit Log-In und einem Mitglieder-Service, insbesondere mit Infos und Angeboten für Familien. Mit den „Fahrradgebeten“ ist ja schon ein Anfang gemacht.