Zwei Pflege-Auszubildende erzählen

Wie das Christliche in kirchlichen Krankenhäusern erfahrbar wird

Dass es sich um ein katholisches Krankenhaus handelt, ist nicht zu übersehen. Am benachbarten Mutterhaus der Hiltruper Missionsschwestern hängt eine mehr als zehn Meter hohe Christus-Statue. Der Weg zum Klinikeingang geht vorbei an einer alten Marien-Kapelle. Und im Foyer empfängt den Besucher eine Abbildung des hörenden Propheten in der Wüste.

Es ist Mittagszeit. Leonie Stein hat ihre Frühschicht auf der Intensivstation des Herz-Jesu-Krankenhauses in Münster-Hiltrup fast beendet. Simon Koch beginnt gerade seine Spätschicht auf der Dialyse-Station. Beide sind Anfang 20 und im zweiten Jahr ihrer Ausbildung in der Krankenpflege. Dass sie diese in einer kirchlichen Einrichtung absolvieren, ist für sie nicht entscheidend, sagen sie. „Aber es hilft.“

Wie eine stille Übereinkunft

„Wenn da ein eindeutiges Menschenbild im Hintergrund steht, ist das ein gutes Gerüst“, sagt Koch. Es ist wie eine stille Übereinkunft, an der er sich orientieren kann, wenn er vor den Herausforderungen eines Klinikalltags steht. Die gibt es, gerade auf einer Dialyse-Station, auf der nicht selten schwerkranke Menschen liegen. Da war zum Beispiel ein Patient mit einem schweren Schlaganfall. „Es war klar, dass er nur noch leiden würde“, erinnert sich Koch. Familie, Ärzte und Pfleger sprachen lange, bis sie sich entschlossen, auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten.

An diesem Punkt begann für den Pflegeschüler eine Erfahrung, die in den vergangenen Monaten immer mehr zum zentralen Antrieb wurde. „Selbst in dieser traurigen  Situation habe ich das Positive gesehen, nämlich die Hilfe und Zuwendung, die wir dem Patienten in seinen letzten Tagen geben konnten.“

„Ich bin nicht fromm“

Ähnliche Erlebnisse macht auch Leonie Stein auf der Intensivstation. Wie ihrem Ausbildungskollegen bereitet ihr die Aufgabe, Leid zu mindern, gerade dann Freude, wenn das Leid am größten ist. Eine durchaus christliche Ausstrahlung ist das. Handelt sie aus dem Glauben heraus? „Ich bin nicht fromm“, sagt Stein. „Aber ich glaube an eine höhere Kraft.“ Am christlichen Glauben gefällt ihr vor allem die Menschlichkeit, aber auch der Zusammenhalt und die Gemeinschaft. „Ich sehe das eher lebenspraktisch – es hilft, Ruhe zu bewahren, zu reflektieren und sich zu besinnen.“ Allein daraus könne sie Kraft schöpfen, wenn sie im Krankenhausalltag vor schweren Aufgaben stehe.

Koch bezeichnet sich ebenfalls nicht als klassischen Kirchgänger. Er wünscht sich manchmal, dass er in seinem Glauben etwas naiver sein könnte, nicht immer „so hinterfragend“, sagt er. „Wenn Patienten mir von ihrer Überzeugung berichten, dass nach dem Tod der Himmel auf sie wartet, ist das schon ein wenig beneidenswert.“ Er gibt zu, dass auch er sich diese Hoffnung für den Zeitpunkt wünscht, wenn es ihm mal nicht mehr so gut gehen wird.

„Grundstimmung schwingt mit“

Für die Ausbildung in einem katholischen Krankenhaus haben sich beide nicht bewusst entschieden. Vielmehr ist es die gesamte Atmosphäre, die ihnen zeigt, dass ihre Wahl richtig war. „Sowohl im Umgang mit den Patienten als auch unter den Mitarbeitern gibt es viel Verständnis und Achtung“, sagt Leonie Stein. „Irgendwie schwingt hier eine Grundstimmung mit, die uns gemeinsam trägt.“

Sie hat sich schon das ein oder andere Mal gefragt, woran das liegt. Allein die Kreuze an den Wänden können es in ihren Augen nicht sein. „Aber vielleicht an den Ordensschwestern.“ Die tauchen im Klinikalltag zwar immer weniger auf. „Ihr Geist wirkt aber sicher nach – auch weil viele ältere Mitarbeiter noch intensiv mit ihnen zusammengearbeitet haben.“

Die Rolle des Leitbilds

Beide sind sich bewusst, dass so ein Geist langsam schwinden kann, wenn die Akteure mit einer solchen Ausstrahlung weniger werden. Umso wichtiger ist für sie das Leitbild, in dem die Voraussetzungen für eine solche Grundstimmung in Worte gefasst wurden. Sie habe es schon im Unterricht besprochen, Koch hat es vor einigen Wochen einmal komplett durchgelesen. Die Kernaussage? „Bei allen wirtschaftlichen und organisatorischen Zwängen: Der Mensch steht im Vordergrund“, sagt er.

Eine Aussage, die ihnen beiden aus den Herzen spricht. Sie sagen, dass die Begeisterung für diese Zuwendung nicht unmittelbar aus ihrem Glauben kommt. „Meine Eltern sind beide in der Krankenpflege tätig“, sagt Koch. „Sie haben mir diese Einstellung mitgegeben.“ Vielleicht haben sein Vater und seine Mutter diese Haltung aus dem Glauben entwickelt und ihn deshalb damit begeistert.