„It Came Upon the Midnight Clear“: Vor 170 Jahren schrieb Pfarrer Edmund Sears ein besonderes Weihnachtslied

Wie die Friedensengel von Bethlehem nach Hollywood kamen

Eine Reporterin sucht im New York der 1980er Jahre nach der rechten Weihnachtsstimmung. Aber welche Spur sie auch verfolgt, der Geist von Weihnachten scheint endgültig verschwunden zu sein. Der typisch amerikanische Film „It Came Upon the Midnight Clear“ („Ein Engel auf Abwegen“) dreht sich um den pensionierten Polizisten Mike Halligan, der beim Befestigen der Weihnachtsbeleuchtung einen tödlichen Herzinfarkt erleidet. Im Himmel trifft er eine Abmachung, für ein paar Tage auf die Erde zurückzukehren, um seinen Enkel zum Fest nach New York zu bringen. Wie bei einem US-Christmas-Movie nicht anders zu erwarten, gibt es ein Happy End, die heile Weihnachtswelt wird wiederhergestellt.

Die Geschichte ist nicht biblisch, aber sie nimmt den menschlichen Herzenswunsch nach Freude, Frieden und Liebe auf. Die Botschaft des alten Polizisten: „Weihnachten ist das, was du daraus machst!“ ist jedoch unbefriedigend. Bei Weihnachten geht es nicht darum, etwas zu „machen“, es geht um unsere Sehnsucht und das Handeln Gottes.

Frank Sinatra und Ella Fitzgerald sangen den Song

It Came Upon the Midnight Clear {Hymn} [King's - 2006, № 10]„It Came Upon the Midnight Clear“, gesungen vom King's College Choir.

Der Filmtitel „It Came Upon the Midnight Clear“ gehört zu dem Weihnachtsgedicht, das der Aushilfsgeistliche Edmund Sears 1849 im US-amerikanischen Wayland verfasste. Arthur Sullivan schrieb dazu die traditionelle englische Melodie „Noel“, Richard Storrs Willis, ein Schüler Felix Mendelssohns, die amerikanische Melodie „Carol“. Zahlreiche Sänger der Neuzeit nahmen das Lied in ihre Weihnachtsalben auf, von Frank Sinatra bis Ella Fitzgerald.

Pastor Sears diente der Unitarier-Gemeinde in Wayland. Dort verfasste er „It Came Upon the Midnight Clear“ während seines Dienstes als Aushilfsprediger. Er schrieb es zu einer Zeit tiefer persönlicher Niedergeschlagenheit. Die Nachrichten vom sozialen Umbruch infolge der industriellen Revolution, vom hektischen Goldrausch in Kalifornien, von Revolutionen in Europa, von der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifestes und vom Krieg der Vereinigten Staaten gegen Mexiko gingen ihm nicht aus dem Kopf.
Sears stellte die Welt als dunkel dar, voller „Sünde und Streit“, und außerstande, auf die Weihnachtsbotschaft zu hören. Pastor Sears verstarb am 14. Januar 1876.

Ein Weihnachtslied ohne Christkind

Sein Lied ist wohl das einzige verbreitet gesungene Weihnachtslied, das die Geburt Jesu Christi überhaupt nicht erwähnt. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf dem Lied der Engel „Friede auf Erden den Menschen guten Willens“. Das Hauptthema des Liedes kontrastiert die von Menschen geführten Kriege mit dem Wunsch der Engel nach Frieden auf Erden. In der Mitte der Nacht wird die Verbindung von Himmel und Erde geschaffen. Voraussetzung für das Hören auf Gottes Botschaft ist allerdings das Stillsein der Menschen.

Im Gegensatz zur lauten babylonischen Sprachverwirrung ertönen Segensworte über die erschöpfte, traurige Welt. Sie hat lange schon gelitten unter Krieg, Verfehlung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Weil die Kriegstreiber nicht hören, sind bereits zwei­tausend Jahre Unheilsgeschichte gelaufen. Das Lied appelliert an die Menschen, endlich der Engelsbotschaft Gehör zu schenken.

Friedenssehnsucht in dunkler Zeit

Den unter der Last des Lebens Gebeugten, die kaum den Weg aus der Tiefe nach oben bewältigen können und sich nur mühsam vorwärts schleppen, ihnen wird Ruhe geschenkt und die Aussicht auf eine neue Zeit. Die Propheten aus alter Zeit haben die Wende vorausgesagt. Gerade in Zeiten des Dunkels verwiesen sie auf das Licht. Als es noch niemand sehen konnte und überhaupt für möglich hielt, wiesen sie auf das kommende Friedensreich. Die Engel singen das alte Lied vom Frieden, doch das Echo der Menschen steht immer noch aus. Dieses Weihnachtslied mag nach all den Jahren seit seiner Entstehung noch immer Frieden und Trost denen bringen, die sich in ihrem Leben unter Druck gesetzt fühlen, vielleicht gerade zur Weihnachtszeit.

Weihnachten ohne Jesus klingt wie „Thema verfehlt“. Das alte Weihnachtslied, das mit keiner Silbe von Jesus spricht, und die Abwesenheit des Christkindes erst recht in allem heutigen Weihnachtstrubel sind bezeichnend. Die eigentliche Botschaft und ihr Inhalt scheinen verlorengegangen. Vielleicht aber steckt noch irgendwo verborgen in uns die Sehnsucht danach. Weihnachten als Christ-Fest wieder zu entdecken. Dazu haben wir jedes Jahr neu die Möglichkeit.