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Bistum Münster reagiert mit neuen Angeboten für Teilnehmer

Wie die „Generation Corona“ ihren Freiwilligendienst meistert

  • Die Schulabgänger aus den Corona-Jahren starten mit neuen Herausforderungen in das Freiwillige Soziale Jahr und den Bundesfreiwilligendienst.
  • Die Zeit im Lockdown und Home-Schooling hat Spuren hinterlassen.
  • Das Team der Freiwilligen Sozialen Dienste im Bistum Münster (FSD) hat im begleitenden Angebot darauf reagiert.
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Die „Generation Corona“ ist bei den Freiwilligen Sozialen Diensten im Bistum Münster (FSD) angekommen. Es sind jene jungen Menschen, die durch die Pandemie in einer entscheidenden Lebensphase auf wichtige Erfahrungen und Erlebnisse verzichten mussten. Die für ihre Schulabschlüsse nur im digitalen Unterricht lernen konnten, die ihre Geburtstagspartys ausfallen lassen mussten, deren Urlaube und Abschlussbälle nicht stattfinden konnten.

„Viele starten derzeit mit einer großen Verunsicherung in den neuen Lebensabschnitt nach der Schule“, sagt Inga Niemann. „Das merken wir auch bei unseren Angeboten für das Freiwillige Soziale Jahr und den Bundesfreiwilligendienst.“ Zum einen ist die Zahl der Freiwilligen deutlich gestiegen: Waren es im August 2019 noch 859, entschieden sich im November 2020 bereits 1028 für ein Jahr in einer sozialen Einrichtung. Zum anderen bringen viele der jungen Menschen „ein erhöhtes Maß an Orientierungslosigkeit mit, das wir so nicht kannten“, sagt die pädagogische Mitarbeiterin der FSD.

Studium wirkt noch abschreckend

Die Gründe für die vermehrte Nachfrage liegen für Niemann auf der Hand: „Die klassischen Aufenthalte im Ausland kamen und kommen für viele wegen der Pandemie nicht infrage.“ Auch der Einstieg in ein zum großen Teil noch digital organisiertes Studium wirkt für viele abschreckend, sagt sie. „Sie wollen aus der erlebten Isolation nicht gleich in die nächste.“ Zudem hat in den Schulen die Vorbereitung auf weitere Ausbildungsmöglichkeiten unter der Home-Schooling-Situation gelitten. Die jungen Menschen suchen daher nach einer alternativen Möglichkeit, Zeit zu überbrücken, bis sich sowohl die Pandemie-Situation als auch die persönlichen Perspektiven gefestigt haben.

Aber auch ihre emotionale Situation machen den Freiwilligendienst für die jungen Menschen interessant. „Sie waren viele Monate auf sich zurückgeworfen, hatten weniger Kontakte, kaum die Möglichkeiten, andere Menschen kennenzulernen“, sagt Niemann. „Sie sind im wahrsten Sinne sozial ausgetrocknet.“ Der Weg zurück in eine zwischenmenschliche Normalität ist für viele kein Selbstläufer, hat sie seither erfahren. „Viele müssen und wollen das Erleben in einer Gruppe erst wieder lernen.“

Das „pralle Leben“ wartet

Inga Niemann erfährt die veränderte Situation der „Generation Corona“ in der Arbeit mit den jungen Menschen. | Foto: Michael Bönte
Inga Niemann erfährt die veränderte Situation der „Generation Corona“ in der Arbeit mit den jungen Menschen. | Foto: Michael Bönte

In den Einsatzstellen der FSD wartet in der Regel das „pralle Leben“. „Einsatz in sozialen, pflegerischen oder pädagogischen Einrichtungen bringen viele neue Kontakte mit sich“, sagt Niemann. „Für nicht wenige ist der Schritt dorthin aus der Zurückgezogenheit eine enorme Herausforderung.“ In den Gesprächen und begleitenden Seminaren erfährt die Sozialpädagogin das oft. „Da sind wir derzeit besonders intensiv gefragt.“

Die Mitarbeitenden der FSD haben darauf reagiert. Sowohl innerhalb der Seminare als auch in der Einzelbegleitung gehen sie auf mögliche emotionale Probleme ein. Im Mittelpunkt dabei steht die bewusste Auseinandersetzung mit der aktuellen persönlichen Situation und mit möglichen Perspektiven. „Wir wollen ihre Selbstwahrnehmung stärken und mit ihnen Ziele für die Zukunft formulieren“, sagt Niemann. „Das war immer Teil der Begleitung, ist aber noch wichtiger geworden ist.“

Grundqualifikationen neu lernen

Auch die Rückmeldungen aus den Einsatzstellen zeigen, dass mit der „Generation Corona“ junge Menschen mit einem veränderten Profil ihren Freiwilligendienst antreten. „Viele müssen Struktur und Organisation wieder lernen“, erklärt Niemann. „Es ist für den einen oder anderen mitunter schwierig, pünktlich und persönlich zum Dienst zu erscheinen, weil er lange Zeit seinen Bildschirm an und ausschalten konnte, wie er wollte.“ Die Mitarbeiter der FSD sehen sich dann als Vermittler. „Wir erinnern die Arbeitgeber dann, dass sie die Situation berücksichtigen sollten, aus der die Freiwilligendienstler kommen.“

Und dann sind da noch die „Soft-Skills“. Jene individuellen Fähigkeiten, mit denen die jungen Menschen ihren oft noch ungewohnten Arbeitsalltag meistern können. „Verlässlichkeit, Eigenständigkeit, soziale Kompetenz…“, zählt Niemann auf. In den zurückliegenden Jahren seien sie bereits immer mehr zum Thema geworden. Jetzt, nach der Pandemie, besteht dort aber ein noch größer gewordener Nachholbedarf bei den jungen Menschen. Die Pädagogin weiß aber auch: „Eine bessere Situation, um in diesen Fähigkeiten zu wachsen als in einem Freiwilligendienst, gibt es sonst kaum.“

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