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Rainer Löb steht mit seinem Beruf und seiner Berufung mitten im Hotspot dieser Tage

Wie ein Chefarzt und Diakon die Extremsituation Corona erlebt

  • Rainer Löb ist Chefarzt, ärztlicher Direktor und Hygieniker in der St.-Barbara-Klinik in Hamm – und erlebt auch als Diakon die Herausforderungen der Corona-Pandemie.
  • Löb sagt, dass er ohne seinen Glauben kein Arzt sein könnte – nicht nur in der derzeitigen Situation.
  • Wenn er als Arzt vor Patienten und ihren Angehörigen steht, möchte er immer auch die Zuversicht seines Glaubens ausstrahlen.
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Es gab diesen Moment, in dem alle Mitarbeiter auf der Intensivstation Tränen in den Augen hatten. Das war im vergangenen Frühjahr, während der ersten Welle der Corona-Pandemie. Ein schwer-erkrankter Covid-19-Patient in der St.-Barbara-Klinik in Hamm war auf dem Weg der Besserung. Die künstliche Beatmung konnte entfernt werden, er wachte aus dem Koma auf. „Er war der Erste mit einem so schweren Krankheitsverlauf, bei dem wir das machen konnten“, erinnert sich Chefarzt Dr. Rainer Löb. Weil damals noch keine Besuche möglich waren, erhielt der Erkrankte ein Tablet, um Kontakt mit seinen Verwandten aufzunehmen. „Was für ein Gefühl für alle Beteiligten.“

Löb erlebt solche Momente aus unterschiedlichen Perspektiven. Er ist nicht nur Arzt für Anästhesiologie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin in dem katholischen Krankenhaus in Hamm. Er ist dort auch ärztlicher Direktor und Krankenhaushygieniker. Und er ist katholischer Diakon in der Pfarrei St. Franziskus von Assisi. Kurz: Er ist mit seinem Beruf und seiner Berufung mittendrin in dem derzeit alles beherrschenden Thema Corona.

Arbeiten im Hotspot

Und das in einer Region, die seit der Einführung der Inzidenz-Wert-Kategorien in Deutschland als einer der ersten echten Hotspots der Pandemie gilt. „Hamm färbte sich schon sehr früh dunkelrot“, blickt Löb zurück. Was auch in seinem Krankenhaus schnell spürbar wurde. Sowohl die Normalstation füllte sich nach der ersten Welle wieder schnell mit Covid-19-Patienten, als auch die Intensivstation. Die Fakten sprechen eine eigene Sprache: Mittlerweile waren mehr als 300 Corona-Erkrankte in der Klinik, ein Teil von ihnen starb dort.

Das sind nackte Zahlen. Löb sagt, dass sie nicht allein für sich stehen dürfen. „Es geht um Menschen mit ihren Lebensgeschichten, Familien und Freunden.“ Ihm ist das wichtig. Ihm, der sich nicht gern Mediziner nennt. „Das klingt mir zu technokratisch.“ Er wird lieber Arzt genannt. Einer der professionell an die Krankenbetten tritt. Der mit allen Möglichkeiten der Medizin um das Leben der Patienten kämpft. Und der es durchaus als schmerzliche Niederlage erlebt, wenn er einem Menschen nicht mehr helfen kann.

Eine unbekannte Dichte

Er steht dort aber auch als Diakon. „Das kann ich nicht trennen – ich bin beides.“ Sein Glaube ist ein Teil seiner Person, sagt Löb. „Immer, egal in welcher Situation.“ Auch oder vielleicht gerade als Klinikarzt in einer Pandemie ist das so. Denn diese Zeit bringt die Menschen ungewohnt oft an die Grenze existenzieller Fragen. „Im Krankenhaus haben wir es immer auch mit Tod und Sterben zu tun“, sagt der 55-Jährige. „Aber eine Dichte wie in diesen Zeiten haben wir alle hier noch nie erlebt.“ Eine Krankheit, die so hochinfektiös ist, gegen die es kein Medikament gibt und in deren häufig schweren Verläufen die Patienten von seinem Team nicht geheilt, sondern in ihrem Kampf nur begleitet werden können, war von Beginn an unbekanntes Terrain.

Umso wichtiger ist es, Nähe und Abstand zu den Schicksalen bewusst zu dosieren, sagt Löb. „Es ist wichtig mitzufühlen, aber nicht mitzuleiden.“ Als Arzt auch die Empfindungen der Angehörigen und Freunde mit im Blick zu haben, gehört für ihn dazu. Aber nur bis zu dem Punkt, an dem er sich selbst in diesen Empfindungen verliert. „Dann wäre ich nicht arbeitsfähig.“

Es gibt keine Konkurrenz zweier Herzen

Als nach dem anfänglichen absoluten Besuchsverbot in der Klinik darüber beraten wurde, wie der Kontakt nach außen wieder ermöglicht werden konnte, war Löbs Position deshalb deutlich. „Mir war es wichtig, soviel Kontakt zu ermöglichen, wie es geht, weil es gerade in Extremsituationen vertraute Bezugspersonen braucht.“ Schlugen dabei nicht zwei Herzen, das des Ärztlichen Direktors und das des Diakons, in seiner Brust? „Auf keinen Fall“, sagt er deutlich. Es sei nicht um die Konkurrenz einer größtmöglichen medizinische Sicherheit mit einer größtmöglich gelebten Nächstenliebe gegangen. „Das schließt sich nicht gegenseitig aus.“

Er erklärt es an einem Beispiel: Wenn er Besuchs- und Kontaktzeiten einschränken will, dann tut er das als Seelsorger genauso wie als Direktor, um auch das medizinische und pflegende Personal vor Ansteckung zu schützen. „Und ich tue es in beiden Fällen, weil mir die Mitarbeiter am Herzen liegen, nicht um mögliche Ausfallzeiten durch Erkrankungen zu minimieren.“ Das ist die Schnittmenge seines Berufs als Arzt und seiner Berufung als Diakon.

Die Blickrichtung im katholischen Krankenhaus

Löb ist froh, dass es die an seinem Arbeitsplatz geben kann. „In einem katholischen Krankenhaus ist die grundsätzliche Blickrichtung vorgegeben“, sagt er. „Es geht immer um die Würde und das Liebenswerte des Lebens – vom Anfang bis zu Ende.“ In vorherigen Anstellungen in nichtkonfessionellen Krankenhäusern war das nicht immer der Fall. „Wenn ich bei einer Abtreibung für die Anästhesie zuständig sein sollte, gab es kontroverse Diskussionen“, sagt er.

Wenn es hingegen in der Corona-Pandemie in der St.-Barbara-Klinik um Abwägungen geht, stellen sich keine ethischen Fragen, auch wenn mit der Geschäftsführung, dem kaufmännischen Direktor, dem Pflegedirektor und ihm als ärztlicher Direktor unterschiedliche Professionen zur Entscheidungsfindung an einem Tisch sitzen. „Wir wissen, auf welcher gemeinsamen Basis wir Lösungen finden wollen.“ Bei der Besucherregelung bedeutete das einen Kompromiss: Gäste dürfen nur zu Patienten mit längeren Aufenthaltsdauern. Dabei darf es sich immer nur um die gleichen zwei Besucher handeln, deren Zeiten genau vorgegeben werden. In Extremfällen wird mehr ermöglicht. Schutz und Hygiene-Maßnahmen sind selbstverständlich.

Ohne Glaube könnte er kein Arzt sein

Das aber ist nur die eine Seite. Eine andere Frage stellt sich: Wie geht Löb selbst mit der enormen Belastung um? Nicht nur, dass er seit Beginn der Pandemie noch keinen Urlaub machen konnte. Der stetige, häufige und intensive Kontakt mit Sterbenden und Trauernden bedeutet einen enormen Druck. „Ich gehe als ein Mensch durch den Alltag, der fest davon überzeugt ist, dass das Leben mit dem Tod nicht beendet ist“, sagt er. „Dieser Glaube trägt mich, ohne könnte ich nicht Arzt sein.“

Wenn er mit Angehörigen eines Patienten über den Tod spricht, hofft er, dass das wahrgenommen wird. „Es hilft ihnen, wenn sie hören, dass ich daran glaube, dass sie den Verstorbenen wiedersehen werden.“ Löb muss es nicht immer so deutlich formulieren. Aber er möchte es ausstrahlen. Dass ihm das gelingt, bekommt er durchaus auch in den Gesprächen mit den Mitarbeitern gespiegelt. Untrennbar: Wer den Chefarzt oder den Ärztlichen Direktor anspricht, spricht eben immer auch den Diakon an.

Die Weisheit seiner Großmutter

Bei aller christlichen Erdung – auch Löb kommt im Krankenhaus mit seiner Kraft an Grenzen, gibt er zu. „Natürlich kenn ich Verzweiflung, Wut und Hilflosigkeit.“ Es gibt einen Satz, an den erinnert er sich in solchen Momenten. Das tut er schon fast ein halbes Jahrhundert, denn es sind Worte, die er von seiner Großmutter mit auf den Weg bekam: „Lieber Rainer, alles im Leben hat seinen Sinn – auch wenn der vielleicht für dich nicht immer zu verstehen ist.“ In Corona-Zeiten ist dieser Satz für ihn Gold wert, sagt er. „Es liegt nicht alles in meiner Hand, auch wenn ich alles mache, was ich kann.“

Der Weg in die Krankenhauskapelle gehört deshalb zu seinem Arbeitsalltag. Im stillen Gebet die Hilflosigkeit an Gott abgeben zu können, sei ein Geschenk. „Dann kann ich den Schmerz loslassen und neue Kraft finden“, beschreibt er diese Momente. Eine besondere Kraft, die er auch seinen Kollegen wünscht. „Jeder hat sein Ritual, um mit dem Druck umzugehen.“ Die frische Luft vor der Tür, der kleine Spaziergang, die gemeinsame Tasse Kaffee mit einem Kollegen – der Platz in der Kapelle ist da eher die Ausnahme. „Vielleicht bin ich darin ein Exot – aber auch damit strahle ich aus.“

Urlaub und Teamgeist als Wunsch

Es wird eine Zeit geben, in der Corona den Krankenhaualltag nicht mehr beherrschen wird. In der er die Belastungen nicht mehr in dieser Intensität erleben muss. „Urlaub“, antwortet er auf die Frage, was er dann als erstes machen möchte. „Nicht nur ein oder zwei Tage, sondern eine ganze Woche.“ Seine Eltern und Schwiegereltern sind dann die ersten Ziele.

Er muss nicht lange überlegen, um seinen zweiten Wunsch zu finden. „Es wäre toll, wenn wir den Teamgeist dieser Zeit bewahren könnten.“ Die Corona-Situation hat alle Kollegen im Krankenhaus noch mehr zusammenrücken lassen, sagt Löb. „Die Hierarchien sind noch flacher geworden, die Hilfsbereitschaft weitergewachsen.“ Seine eigene Rolle hat er längst gefunden – als Arzt, als Hygieniker, als Direktor und als Diakon.

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