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Bernd Egger über die Kirchenkrise und ihre Herausforderungen

Wie ein Kaplan über die „Zeit der leeren Kirchen“ denkt

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Zunehmend werden Gottesdienste in kleineren Kreisen gefeiert. Herkömmliche kirchliche Traditionen brechen weg – zum Teil sehr schnell. Schon ist die Rede von der „Zeit der leeren Kirchen“, wie es der berühmte tschechische Theologe Tomáš Halík ausgedrückt hat. Was es mit der „Zeit der leeren Kirchen“ auf sich hat, darüber spricht Kaplan Bernd Egger aus Recklinghausen in einer Reihe von Glaubensgesprächen. Wie er die Kirchenkrise empfindet und warum er der Meinung ist, „bei der einzig wahren Lebensversicherung“ tätig zu sein, verrät er im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“.

Herr Egger, in der Fastenzeit laden Sie zu Glaubensgesprächen ein und lesen dabei mit den Interessierten das Buch von Tomáš Halík „Die Zeit der leeren Kirchen“. Warum ist das Buch so interessant?

Das Buch ist aus Predigten entstanden, die Tomáš Halík, ein tschechischer Priester und Theologieprofessor, in der Fasten- und Osterzeit 2020 während des ersten Corona-Lockdowns gehalten hat. Auch unsere Gemeinden hierzulande sind nach wie vor von den Auswirkungen der Pandemie geprägt und das rüttelt uns aus unserem üblichen „Betrieb“ auf. Wir müssen uns neu die Frage stellen, was uns als Christinnen und Christen eigentlich ausmacht. Die Gedanken von Tomáš Halík finde ich für diesen Weg wertvoll, hilfreich und ermutigend.

Eine These des Theologen Halík lautet, beherzt Abschied zu nehmen von allem, was nicht mehr trägt. Er schreibt: „Auch im Christentum muss etwas sterben, um dann in einer neuen, verwandelten Gestalt auferstehen zu können. Und diese neue Gestalt wird bereits geboren, und wir können Zeugen und aktive Teilnehmer dieser Geburt sein.“ Wie sehen Sie dieses Kirchenbild?

Wenn wir unser kirchliches Leben mit einem wachen Blick anschauen, stellen wir fest, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten schon Vieles zu Ende gegangen ist oder aktuell im Niedergang begriffen ist. Ich nehme wahr, dass unsere Kirche in diesem Prozess vielfach gelähmt ist in überkommenen Strukturen und Traditionen. Gleichzeitig sind Menschen in vielen Pfarreien auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen und Wegen, ihr Christsein heute tragfähig zu leben. Die Herausforderung unserer Zeit besteht darin, dass beide Entwicklungen parallel verlaufen und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Vor sechs Jahren sind Sie Priester geworden, in einer Zeit also, als die Kirchen immer leerer wurden. Wie optimistisch sind Sie, dass die Kirchen wieder voller werden?

Kaplan Bernd Egger aus Recklinghausen. | Foto: Johannes Bernard
Kaplan Bernd Egger aus Recklinghausen. | Foto: Johannes Bernard

Ich sehe aktuell keine Trendwende der Entwicklungen der letzten Jahre, eher noch eine Beschleunigung der Prozesse durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie und Ärgernisse rund um die Aufklärung der Fälle von sexuellem Missbrauch und Machtmissbrauch in der Kirche. Natürlich freue ich mich über gut besuchte Gottesdienste, und ich erlebe auch, dass wir mit Angeboten, die sich an bestimmte Zielgruppen richten oder bei denen es um besondere Anlässe oder Feste geht, immer noch viele Menschen erreichen können. Bei den „ganz normalen“ Messen am Sonntag bin ich jedoch sehr besorgt. Hier ist der Altersschnitt mittlerweile so hoch, dass junge Leute oder Familien kaum noch Anknüpfungspunkte finden. Entscheidend finde ich aber nicht zuerst, dass mehr Menschen unsere Gottesdienste mitfeiern, sondern dass die Getauften sich die Frage stellen, was ihnen für ihr Leben und ihr Christsein wichtig ist, dass sie sich auf eine Suche begeben. Dabei ist es unsere Aufgabe, sie als institutionelle Kirche mit unseren Möglichkeiten und unserer „Manpower“ und „Womanpower“ zu unterstützen und zu begleiten.

Was möchten Sie den Kommenden in den Gesprächsabenden mit auf den Weg geben?

Mir ist wichtig, dass wir vor den Entwicklungen, die wir erleben, nicht resignieren! Wir müssen akzeptieren, dass vieles Liebgewonnene in unseren Gemeinden zu Ende geht. Die verheerende Lage der Kirche bedeutet aber nicht, dass unsere Botschaft schlecht ist. Die Gesprächsabende sollen dazu dienen, über die eigenen Fragen und Zweifel ins Gespräch zu kommen und zu entdecken, was meinem Glauben in diesen wilden Zeiten neue Kraft geben kann.

Vor Ihrem Theologie-Studium machten Sie eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Nach der Priesterweihe 2016 sagten Sie den bemerkenswerten Satz: „Jetzt arbeite ich bei der einzig wahren Lebensversicherung.“ Wie standfest muss man sein, um auch in der Zeit der Kirchenkrise die Kraft zu finden, an einem kirchlichen Aufbruch zu arbeiten?

Man braucht zurzeit schon ein hohes Maß an Standfestigkeit, um als Gläubiger nicht aus dem Sattel geworfen zu werden. Das ist nicht neu. Das habe ich auch schon vor und während des Studiums wahrgenommen. Neu ist aber die zunehmende Verschärfung seit Beginn der Aufdeckung von Fällen sexuellen Missbrauchs 2010 und nochmals in gesteigerter Form durch die Auseinandersetzungen in Köln und München seit dem letzten Jahr. Nichtsdestotrotz bin ich weiter davon überzeugt, dass ich bei der einzig wahren Lebensversicherung tätig bin. Ein Leben ohne den Glauben, ohne eine lebendige Beziehung zu Gott und Jesus Christus, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Wenn die kirchlichen Aufbrüche, für die wir uns einsetzen, der Stärkung dieser Glaubensbeziehung dienen, wenn sie dazu dienen, dass Menschen mit Gott in Kontakt kommen können, und nicht vor allem den kirchlichen Apparat erhalten, dann kann ich meinen Weg bei dieser „Versicherung“ zuversichtlich weitergehen.

Glaubensgespräche mit Kaplan Egger
„Die Fastenzeit ist nicht nur eine Zeit des Verzichts, sondern auch eine Zeit, in der ich mich bewusst für das entscheiden kann, was mir wichtig ist“, sagt Kaplan Bernd Egger. Er lädt zu fünf Gesprächsabenden im Gemeindehaus St. Markus in Recklinghausen ein. Gemeinsam lesen die Teilnehmenden abschnittsweise das Buch „Die Zeit der leeren Kirchen“ von Tomáš Halík und kommen darüber ins Gespräch. Die Termine sind am 15. März, 22. März, 29. März, 5. April, und 12. April 2022 jeweils um 19 Uhr im Gemeindehaus St. Markus am St.-Markus-Platz, Recklinghausen. Es gilt die 2G-Regelung. Anmeldungen per Mail an egger-b(at)bistum-muenster.de.

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