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Jens Schmidt ist heute verheirateter Seelsorger in Nordstrand

Wie ein Priester des Bistums Münster alt-katholischer Priester wurde

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Die Nachricht schlug im Mai ein wie eine Bombe: Der katholische Priester und Generalvikar Andreas Sturm aus Speyer wird alt-katholisch. Auch Jens Schmidt, zuletzt Priester des Bistums Münster in Rheinberg, hat 2010 die römisch-katholische Kirche verlassen, um als verheirateter Mann weiter als Seelsorger arbeiten zu können. Mittlerweile ist er Pfarrer der alt-katholischen Pfarrei Nordstrand in Schleswig-Holstein. Er habe einen neuen Platz für sich gefunden, erklärt er im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“ – das Bistum Münster sei aber weiterhin Heimat für ihn.

Was er manchmal vermisst, ist die Größe. Jens Schmidt schaut sehnsüchtig zurück. „Mal wieder mit 600 Menschen aus vollem Herzen in der Kirche singen.“ Als römisch-katholischer Priester hat er so etwas ab und zu erlebt. Jetzt sind solche Momente eher selten. Zu den Gottesdiensten seiner alt-katholischen Theresienkirche in Nordstrand kommen sonntags 35 bis 45 Menschen in den Gottesdienst. Immerhin - bei 380 Gemeindemitgliedern, die verteilt leben auf fast ganz Schleswig-Holstein.

Was ihm wichtiger ist: Er kann als Priester arbeiten - Gottesdienste feiern, Seelsorger sein, Trauernden beistehen. Wenn auch nicht mehr im Bistum Münster, wo der frühere Postzusteller den Weg über das so genannte Ahlener Modell gegangen und nach der Weihe Priester in Oldenburg, Schillig und Rheinberg war. Bis das Leben eine Entscheidung von ihm forderte.

Heimlich kam für ihn und seine Frau nicht infrage

Liebe und Zölibat standen damals gegeneinander. Und heimlich auf Dauer kam für ihn und seine heutige Frau nicht infrage. Der 56-Jährige erinnert sich noch gut an die Wochen der Entscheidung. 2008 war das: Er, der neue Priester, der sich in eine Erzieherin im Gemeindekindergarten verliebt hatte. Und jetzt?

Eine Lösung musste her. Und auf jeden Fall eine, bei der Jens Schmidt weiter als Priester würde arbeiten können. „Das wird sonst nicht gutgehen“, warnte seine Frau. Aufhören, etwas ganz anderes machen - das Paar war sich sicher: Ihre Beziehung würde das nicht aushalten. Ein Dilemma.

Er musste ein Ergänzungsstudium absolvieren

„Für mich war auch klar: Evangelisch geht nicht“, sagt der 56-Jährige, der festliche Liturgien mit schönen Gewändern und Weihrauch liebt, vielsagend lächelnd. „Wenn ein katholisches Herz und eine katholische Seele in einem Menschen schlagen, geht evangelisch nicht wirklich.“

Aber vielleicht der Weg, von dem er wusste, dass ihn schon mehrere ehemalige Mitbrüder vor ihm gegangen waren: in die alt-katholische Kirche? In vielem der römisch-katholischen ähnlich und vertraut, bis hin zu liturgischer Kleidung, Texten und Liedern, aber ohne Zölibat. So knüpfte er die ersten Kontakte und lernte in einem Ergänzungsstudium alt-katholische Besonderheiten kennen, im Kirchenrecht, der Liturgie oder der ökumenischen Theologie zum Beispiel.

Die Gemeinde hat ihn zum Pfarrer gewählt

Nach seiner ersten Station als alt-katholischer Pfarrer in Sachsen, wo er und seine Frau kirchlich heirateten, ist Jens Schmidt jetzt Pfarrer an der nordfriesischen Küste, in St. Theresia auf Nordstrand. Die Gemeinde hat ihn gewählt. Daneben leitet er das Dekanat Nord seines Bistums, mit rund 3.000 Mitgliedern auf einem Gebiet, das die Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und ganz Niedersachsen umfasst.

Extreme Diaspora also. Das gilt auch für seine eigene Pfarrei, verteilt auf fast ganz Schleswig-Holstein. Auch Lübeck zählt dazu, von seiner Kirche in Nordstrand sind es zweieinhalb Autostunden dorthin. Er ist viel unterwegs, als Pfarrer und als Dekan sowieso.

Vieles ist ähnlich wie in der katholischen Kirche – aber nicht alles

Ein gewählter Kirchenvorstand mit acht Mitgliedern entscheidet über die Belange der Pfarrei. „Er entspricht in etwa dem, was in Westfalen Kirchenvorstand und Pfarreirat verantworten.“ Wie dieses, so sei auch vieles andere ähnlich wie vorher, sagt Jens Schmidt. Auch seine Kirche kenne sieben Sakramente, wenn sie auch nicht alle so verstehe wie die römisch-katholische Kirche, auch nicht die Eucharistie.

Die meisten großen Feste feierten die Alt-Katholiken analog zur römisch-katholischen Kirche, allerdings mit Ausnahmen. „Mariä Himmelfahrt und das Fest der Unbefleckten Empfängnis Marien naturgemäß nicht“, schränkt Jens Schmidt ein. Das Zustandekommen der Dogmen der leiblichen Aufnahme Mariens und der Unbefleckten Empfängnis durch die Unfehlbarkeit des Papstes hätten schließlich erst zur Trennung der Alt-Katholiken von der römisch-katholischen Kirche geführt.

Mit 67 Jahren wird er in Rente gehen

Diese empfundene Vertrautheit habe ihm die Entscheidung für den Schritt vor zwölf Jahren erleichtert, den er für sich eher als Wechsel in ein anderes Bistum empfindet, auch wenn er dafür offiziell aus der katholischen Kirche austreten musste. „Weil das rechtlich nicht anders möglich ist“, wie er sagt.

Vieles ist ähnlich, bis hin zur Kirchensteuer, von der auch die Gehälter der Priester bezahlt werden. Manches ist aber auch anders. Alt-katholische Priester sind normale Arbeitnehmer. So zahlt Jens Schmidt Beiträge in die gesetzliche Sozialversicherung und wird mit 67 in Rente gehen.

Sein Blick liegt auf den Gemeinsamkeiten

Zu den Unterschieden kommt auch die in der alt-katholischen Kirche 1996 erstmals praktizierte Frauenordination. Jens Schmidt: „Für römisch-katholische Christen ist das eine Frage des Glaubens. Für mich ist es das nicht, sondern eine der Tradition und von Möglichkeiten. Das ist etwas anderes als die danach, ob man glaubt, was wir Auferstehung nennen, oder glaubst Du nicht daran?“ Auch können gleichgeschlechtliche Paare eine kirchliche Trauung feiern.

Jens Schmidts Blick liegt jedoch eher auf den Gemeinsamkeiten. Er betont das im Gespräch immer wieder. Wenn jemand ihn fragt: „Wo ist der Unterschied zwischen katholisch und alt-katholisch?“, sagt er: „Die Frage ist falsch gestellt. Es muss heißten: Wo ist der Unterschied zwischen römisch-katholisch und alt-katholisch? Denn katholisch sind beide.“ Die alt-katholische sei doch eher einem weiteren katholischen Bistum ähnlich. So sieht er das, auch wenn das theologisch und rechtlich anders ist.

Die meisten Freunde sind geblieben

Er tauft, feiert Eucharistie, beerdigt. Auch schon mal katholische Christen, die er aus seiner Zeit vor seinem Wechsel kannte und die sich das von ihm gewünscht haben. Schon zwei Mal war er dazu in der St.-Willehad-Kirche und auf dem katholischen Friedhof in Oldenburg, zuletzt im April. Die meisten Freunde aus seiner Zeit als Priester des Bistums Münster seien im geblieben, sagt Jens Schmidt. Er habe weiterhin regen Kontakt, zu Laien, Pastoralreferenten, Priestern. 

Dabei war ihm der Abschied 2010 nicht leichtgefallen: die endgültige Absage an eine Zukunft als Priester des Bistums Münster. „Aber ich durfte in meinem letzten Gottesdienst predigen und mich von meiner Gemeinde verabschieden.“ Er ist dankbar und hat den Umgang mit ihm in guter Erinnerung. „Das rechne ich dem Bistum Münster hoch an.“ Sogar die Umzugskosten nach Dresden, seinem ersten Einsatzort als alt-katholischer Seelsorger, seien übernommen worden.

Die Krise der Kirche schmerzt auch ihn

Jetzt wo er nicht mehr dazu gehört - schmerzt ihn die Krise der römisch-katholischen Kirche? Jens Schmidt nickt. „Weil ich davon überzeugt bin, dass wir nur eine Kirche Jesu Christi haben, die aber in unterschiedlichen Konfessionen lebt.“ Es trifft ihn deshalb auch, dass so viele Menschen aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten sind.

„Die treten aus und sind weg. Mittlerweile auch Menschen aus dem harten Kern der Gemeinde, von denen nur wenige eine Alternative in einer anderen Konfession suchen.“ Die deutschen Alt-Katholiken etwa hätten im letzten Jahr nur etwa 380 Eintritte verzeichnet. „Darum braucht die römisch-katholische Gemeinde auch keine Angst vor uns zu haben.“

Heimat bleibt Heimat

Und eine Sache werde sich für ihn wohl nie ändern. „Immer, wenn wir im Auto sitzend die Grenze des Bistums Münster überschreiten, sage ich zu meiner Frau: ‚So, jetzt fahren wir in die Heimat und nach Hause, ins Bistum Münster.“ Jens Schmidt lächelt. „Das ist so was von drin! Und ich fühle das auch so. Da ist noch mal die Frage der Identifikation. Das sind meine Wurzeln, und die möchte ich behalten.“

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