Elisabeth Hömbergs „Dein Volk ist mein Volk“ im Münster der Nazi-Zeit

Wie eine evangelische Kanadierin Kardinal von Galen erlebte

„´Wir laufen jetzt in die Deutsche Bucht ein`, sagte Albert, als wir schließlich im Bett lagen. ´Ja, und geradewegs in ein Gefängnis`, sprach ich leise vor mich hin, schmiegte mich an ihn und schluchzte.“ Bedrückende Worte, mit denen der Münsteraner Schauspieler Hannes Demming die knapp 130 Zuhörerinnen und Zuhörer im Lesesaal der Stadtbücherei Münster auf eine Zeitreise in den heutigen Stadtteil Roxel während der Nazi-Zeit mitnimmt.

Eine bedrückende Zeit, die die gebürtige Kanadierin Elisabeth Hömberg in ihren Tagbuchaufzeichnungen beschreibt. Erstmals sind sie nun auf Deutsch im Aschendorff Verlag erschienen: „Dein Volk ist mein Volk. Thy People – My People“, das Zeugnis einer starken, selbstbewussten und analytisch denkenden Frau.

„Wie melodisch klangen die lateinischen Gebete“

Verheiratet mit dem Münsteraner Historiker Albert Hömberg, siedelt sie 1938 nach Deutschland über. Und findet sich plötzlich als Protestantin in einer katholischen Messe wieder. „´Kyrie, eleison. Christe, eleison… Ascendat in nobis Dominus…` Wie melodisch und klar klangen für mich die lateinischen Gebete. Trotz meines erbärmlichen Lateins scheint mir die lateinische Messe stets ergreifender zu sein als die deutschen Gebetstexte“, schreibt sie im ersten Kapitel.

Mit viel Gefühl in der Stimme lässt Schauspieler Demming die letzten Kriegstage in Roxel vor dem geistigen Auge lebendig werden, den Einmarsch der Alliierten, das Verstecken im Keller, der Absturz eines englischen Kampffliegers.

„Die fast kindliche Einfachheit von Clemens August“

Nach dem Krieg arbeitet Hömberg als Dolmetscherin für die britische Militärregierung. In ihrem Tagebucheintrag vom 20. April 1945 berichtet sie über ein Gespräch des Stadtkommandanten in Münster mit dem Münsteraner Bischof Kardinal Clemens August Graf von Galen: „Beim Anblick ihres geliebten Clemens August machte die Menge sofort Platz, und man sah, wie die Leute ehrerbietig die Köpfe neigten“, schildert sie ihre Beobachtungen.

Elisabeth Hömberg:
„Dein Volk ist mein Volk.
Thy People – My people“

Tagebuch und Briefe 1938-1946. Herausgegeben von Dieter Pferdekamp. Übersetzt und kommentiert von Renate Resing
332 Seiten, gebunden, 19,90 €
Aschendorff Verlag
ISBN 978-3-402-13193-0

„Die ernsthafte, fast kindliche Einfachheit von Clemens August … kontrastierte scharf mit der gezwungenen Förmlichkeit der Offiziere. Mit leidenschaftlichen Worten setzte er sich für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung ein. Graf von Galens Ton war dringlich, fast befehlend.“

Man kann nur ahnen, was diese Begegnung für sie bedeutet hat. Schließlich half sie, die drei Predigten Kardinal von Galens gegen die Euthanasie-Praktiken der Nationalsozialisten abzutippen und in der Roxeler Kirche St. Pantaleon auszulegen. „Worte von der Kanzel von Sankt Lamberti geschleudert, für die ich eine ganze Nacht lang aufgeblieben war, um sie von einem heimlich geliehenen Manuskript zu kopieren.“

Ein Lebenstraum ging in Erfüllung

Für Dieter Pferdekamp, den Herausgeber, geht mit dieser Buchpremiere ein Lebenstraum in Erfüllung. 1956 hatte er als Schüler der Roxeler Volksschule von der Existenz des Buches erfahren. „Es gibt ein Buch über den Zweiten Weltkrieg in Roxel? Das musste ich haben.“ Die Saat für eine jahrzehntelange Suche war gelegt. Durch einen Zufall kam es dann in seinen Besitz. „Jahrzehnte später bekam ich aus dem Nachlass eines Ehepaars, das mit Elisabeth Hömberg befreundet gewesen war, ein paar Kisten mit Büchern. Und als ob es so sein sollte, in einem der letzten Kartons fand ich ganz unten das Tagebuch. Das, was ich so lange gesucht hatte, war von ganz allein zu mir gekommen.“