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Interview mit dem Regionalbischof für Borken und Steinfurt

Wie erreichen Sie Jugendliche trotz Kirchenkrise, Weihbischof Hegge?

Video: Marie-Theres Himstedt, Michael Bönte
Weihbischof Christoph Hegge
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Weihbischof Christoph Hegge, Regionalbischof für Borken und Steinfurt, hat in den vergangenen acht Monaten 2.000 Jugendliche gefirmt. Allein im April waren es 16 Firmungen in 20 Tagen, manchmal bis zu fünf Feiern am Tag. Seit 2016 gehört Hegge der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz an. Wie soll die Frohe Botschaft Jugendliche heute noch ansprechen - angesichts steigender Austrittszahlen, umstrittener Papiere aus Rom und schleppender Missbrauchsaufarbeitung?

Wie halten Sie in der Corona-Krise Kontakt zu Jugendlichen?

Ich stehe in vielfältiger Weise mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Kontakt – wie unser Bischof Genn oder meine Bischofskollegen und die ganze Abteilung „Kinder, Jugendliche und Junge Erwachsene“ des Generalvikariats auch: Ich persönlich zum Beispiel durch eine Initiative mit Studierenden in Münster, die ich 2003 gegründet habe. Wir haben fast wöchentlich in digitalen Formaten Kontakt über Zoom oder auch WhatsApp. Normalerweise treffen wir uns zum Gebet und zu Gesprächen. Das ist in der persönlichen Begegnung jetzt nicht möglich, aber wir verabreden uns über die digitalen Medien. Nur ein Beispiel: Wir verabreden uns digital einmal wöchentlich von 7.30 bis 8 Uhr zum Gebet. Facebook und Instagram benutze ich nicht; es würde mich zu viel Zeit kosten, diese Auftritte mit Inhalten zu füllen. Außerdem pflege ich Kontakte zu Jugendlichen über die Jugendburg Gemen, für die ich ja auch mitverantwortlich bin. Dort bin ich in digitalen Formaten dabei und habe dort und auch in Rheine regelmäßige Jugendgruppen. Noch ein Beispiel: Eine Schule hat mich eingeladen, mit den Abschlussklassen über Glaubens- und Lebensfragen zu diskutieren, wenn es möglich ist. Das mache ich sehr gerne und finde es super spannend, mit den Jugendlichen und ihren Fragen im Gespräch zu sein.

Welche Rolle spielt Corona in Ihren Predigten? Oder sparen Sie die Pandemie bewusst aus?

Nein, ich gehe auf diese wirklich verrückte Situation ein, in der die Jugendlichen und ihre Familien sich befinden – auch auf den Stress, den das erzeugt, die Herausforderungen, die es mit sich bringt, denn das ist ihre Lebenswelt. In die konkrete Lebenswelt hinein ein Wort der Hoffnung, der Liebe, des Friedens und der Vergebung, des Aufrichtens zu senden, das ist mir wichtig – ich glaube, damit versuche ich auch, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Dann spüren die Menschen: Kirche entsteht nicht dort, wo ich einer Institution angehöre, sondern wo wir – auch unter Abstandsregeln – Gemeinschaft erfahren. Da kommt so etwas auf wie ein knisterndes Gefühl: „Du bist nicht allein.“ Das macht Kirche als Gemeinschaft plausibel.

Sie haben allein im April 16 Firmungen gefeiert. Wie tanken Sie Kraft?

Ich nehme die Kraft daraus, dass ich die Menschen und ihre Reaktionen vor mir sehe. Viele bedanken sich einfach. Seit September habe ich circa 2.000 Jugendliche gefirmt, manchmal habe ich fünf Feiern an einem Tag. Das erfordert unter diesen Umständen auch mal smarte Formate, kurze Gottesdienste, die auf die Corona-Pandemie Rücksicht nehmen. Kraft schöpfe ich aus dem Gebet. Im Eröffnungsvers zum Ostersonntag sagt Jesus: „Ich bin auferstanden und immer bei Dir.“ Das fordert natürlich heraus, diese Aussage im Glauben auch anzunehmen und gegenüber meinen Mitmenschen zu bezeugen. In Deutschland können wir zudem ja auch wirklich dankbar sein, denn wir sind in einer privilegierten Situation. Bis Anfang Februar dieses Jahres war in 100 Ländern noch kein Impfstoff vorhanden. In vielen Ländern gibt es Hunger, Gewalt und Verfolgung. Weltweit gibt es Flüchtlingsströme, Menschen, die unheimlich leiden. Und wir? Wir haben es warm, wir haben zu essen. Und da frage ich mich: Wo kann ich mich jetzt aufmachen, dass ich das, was mir an Gutem zuteil wird, teile? Wie kann ich anderen Freude schenken? Denn: Die Liebe, die ich teile, kommt zu mir zurück. Das ist meine Erfahrung.

Das römische Verbot der Segnung homosexueller Partnerschaften, die schleppende Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs – wie vermitteln Sie Jugendlichen da ein positives Glaubensbild?

In der Firmvorbereitung oder in Jugendgruppen und Verbänden erleben die Jugendlichen Kirche, Glaube und Gemeinschaft auf gute Weise. Ich bin mir ziemlich sicher, dass in ihrem Leben ein Papier aus Rom oder die Missbrauchsaufarbeitung in Köln nicht im Zentrum stehen, auch wenn sie das natürlich mitbekommen. Mir geht es darum, zu vermitteln, dass junge Menschen eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus haben können, ganz konkret da, wo sie leben, gerade auch in der Pandemiezeit. Es gibt große Ungleichheiten: Einige können Homeschooling machen, einige haben die technischen Möglichkeiten nicht oder können sich schlecht motivieren. Sie können in ihrer Freizeit nicht chillen, nicht mit Freunden abhängen, und sie spüren diesen Mangel und die Not, die da drinsteckt. In dieser Situation ist es mir wichtig, auf Jugendliche zuzugehen und ihnen deutlich zu machen: „Gott ist auch dann bei Dir!“ Gott ist nicht einer, der von oben kommt, sondern mit den Menschen geht, in Jesus Christus, der ihre Leiden teilt, der ihre Sehnsucht teilt und der als Auferstandener bei uns ist. Das ist eine Botschaft, die wir auch über vielfältige Zeichen und Formate auf Abstand vermitteln können.

Umso wichtiger ist es ja, dass Kirche mit dieser Botschaft präsent ist. Muss sich nicht mehr verändern, damit diese Botschaft ankommt? Die kirchliche Relevanz bricht ja zunehmend weg.

Ja, es bricht was ab, es bricht was weg. Dieser Prozess vollzieht sich schon seit Jahrzehnten. Aber: Wenn wir noch 200 Seelorger:innen mehr hätten - wäre der Abbruch dann geringer oder könnten wir ihn aufhalten? Dass die Kirchen leerer wurden, habe ich schon als Jugendlicher gemerkt. Die Menschen brechen bis heute aus einer Tradition aus, die nicht mehr mit innerer Begeisterung gedeckt ist. Immer weniger wird in Gruppen danach gefragt: „Wie lebst du mit Jesus, wie betest du eigentlich?“ Wo wird diese Frage noch gestellt? Das Gefühl, miteinander und persönlich im Glauben unterwegs zu sein, ist seit den 70er Jahren immer mehr geschwunden. Ein anderes Beispiel ist die Katechese: Wir machen immer mehr die Erfahrung, dass Eltern ihre Kinder zur Glaubensvermittlung bei uns „abgeben“. Wenn Glaubensvermittlung in der Familie nicht mehr gelebt wird, können sich unsere Seelsorger:innen noch so sehr abmühen, es wird ihnen nicht gelingen, diese Leerstelle aufzufüllen. Priester, Pastoral­referent:innen, Diakone, Ordensfrauen und -männer sind nicht die Profis, die beanspruchen, Verkündigung und Katechese am besten zu können. Die ersten Glaubensbegleiter sind immer noch die Eltern, Geschwister und die Familie. Und wenn da nichts lebt, dann ist es schwierig, Jugendliche in ein paar Monaten zum Glauben und zu einem Leben aus dem Glauben zu führen. Das geht nur in jahrelangen Lebensvollzügen.

Kann der Synodale Weg etwas ändern?

Der Synodale Weg ist sicher auch Ausdruck dieser Suchbewegung nach einer ehrlicheren, authentischeren Kirche, die den Menschen so in den Mittelpunkt stellt, dass er mit seinen Bedürfnissen gesehen wird. Papst Franziskus möchte eine synodale Kirche, er möchte, dass wir aufeinander hören, aber auch miteinander streiten. Dafür müssen wir aber dem Heiligen Geist Raum geben, der Grundfrage: Was bewegt mich zum Glauben, was zieht mich an, in eine Gemeinschaft einzutreten, die sich Kirche nennt? Da kann es nicht nur um Strukturen gehen, sondern an erster Stelle steht die Begegnung mit dem auferstandenen Christus im Heiligen Geist, der die Beziehungen zwischen den Christen prägen möchte. Eine ganz neue Kultur des Dialogs!

Viele treten derzeit aber aus der Kirche aus – in meinem Umfeld auch viele junge, gläubige Frauen, die sagen: „Wir fühlen uns nicht ernst genommen. Wann ändert sich endlich etwas?“

Ich kann verstehen, wenn Menschen aus der Kirche austreten. Sie kehren einer Institution den Rücken, weil sie Kirche nicht mehr erleben. Kirche beginnt da, wo Menschen miteinander Glauben leben. Das ist der Ursprung von Kirche gewesen, seit dem Pfingst­ereignis. Da gab es gar keine Struktur, sondern Menschen, die miteinander versuchten, Jesus zu finden und ihm zu folgen. Worüber reden wir, wenn wir von Kirche reden? Bischof Johannes Bahlmann in Brasilien meint etwas ganz Anderes, wenn er von Kirche spricht. Da organisieren sich tausende Katholiken in ihren Dörfern im Wesentlichen selbst. Ich habe in Peru und Mexiko erleben dürfen, wie die Menschen ihren Glauben leben. Aber ob auch wir in Europa dazu in der Lage sind, uns als lebendige Gemeinden und Gemeinschaften zusammenzufinden? Daher stellt sich auch die Frage: Wenn Kirche die lebendige Gemeinschaft der Jünger:innen Jesu Christi ist, kann man dann wirklich aus ihr austreten?

Würden Sie jemanden beerdigen, der aus der Kirche ausgetreten ist?

Erst einmal wünsche ich jedem ein langes Leben und dass jeder Mensch Anteil an einer lebendigen Kirche hat. Wenn ich auf dem Sterbebett oder in der Begleitung eines Menschen spüre, dass er zutiefst gläubig ist, kann ich den Menschen auch beerdigen.

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