Im Kern ein Dokument des vorherigen Pontifikats

Wie es zur neuen Vatikan-Instruktion gekommen ist

In Italien findet das jüngste Dokument der Kleruskongregation über Pfarrei-Reformen durchaus positives Echo: Als staunenswerte Neuerung wird vermerkt, dass Laien Beerdigungen, Wortgottesdienste und Trauungen halten können; auch die Aussage, Stolgebühren seien keine Art „Preisliste“ für Sakramente, schaffte es in die Schlagzeilen. Anders im Norden, wo Pastoralreferenten längst zum Rückgrat der Seelsorge gehören und Messstipendien den meisten Gläubigen keine Löcher in die Taschen reißen. In Deutschland ging es eher um die Frage, ob und inwieweit die Instruktion als römischer Torpedo gegen Reformvorhaben in verschiedenen Bistümern zu verstehen ist.

Als Anwendungsrichtlinie für geltende Rechtsnormen ist eine Instruktion gattungsgemäß kein visionäres Papier. Aber wollte der Vatikan in Reaktion auf die deutsche Diskussion über Umstrukturierungen und neue Gemeindeleitungsmodelle eilig einen weltkirchlichen Bremskeil vorlegen? Gegen diese Annahme spricht, dass die Entstehung des Dokuments, wie es im Vatikan heißt, ein Jahrzehnt zurückreicht. Den Anstoß gaben mitnichten renitente Teutonen, sondern eine Verschlankungsdebatte in den USA. Seit dem ersten Entwurf 2011 wanderte das Papier durch verschiedene Kurienbehörden, unter anderem die Bischofskongregation, vor und zurück. Es ist, kurz gesagt, ein Vermächtnis des Pontifikats von Benedikt XVI.

Lange Vorbereitung - völlige Überraschung

Das erklärt auch, warum Rahmenteile und Hauptkorpus in der Stoßrichtung merklich divergieren: Eingangs stellt die Instruktion fest, dass das Territorialprinzip nicht mehr zu dem passt, was Gläubige in einer mobilen und digitalen Welt als ihren Lebensraum wahrnehmen; es geht um „Umkehr“, um „neue Wege“ in der Evangelisierung und ein entsprechendes Überdenken der Profile von Priestern, Laien und Pfarreien. Diese Terminologie von „Neuheit“ und „Dynamik“ bestimmt den Einleitungs- und Schlussteil und fehlt fast völlig im Mittelstück, wo jahrzehntealte Rechte und Zuständigkeiten aufgelistet werden.

Trotz der langen Vorbereitungszeit fiel das Dokument am Ende aus heiterem Himmel. Das vatikanische Presseamt verschickte es mit einer dreiseitigen Erläuterung, verzichtete aber auf eine Pressekonferenz, die Raum für die eine oder andere Nachfrage geboten hätte. Auch die Bischöfe waren nach Worten von Franz-Josef Bode aus Osnabrück, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, völlig überrascht. Er bewertete die Instruktion als „starke Bremse der Motivation und Wertschätzung der Dienste von Laien“ und erinnerte an die vielbeschworene Synodalität. Andere Bischöfe, Theologen und Laien äußerten sich ähnlich.

Was wusste Woelki wann?

Immerhin einer war „dankbar, dass uns Papst Franziskus mit dieser Handreichung den Weg weist“: Kardinal Rainer Maria Woelki. Das Papier rufe „Grundwahrheiten unseres Glaubens in Erinnerung, die wir gerade in Deutschland vielleicht manchmal aus dem Blick verlieren, wenn wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind“. Das lässt an den Synodalen Weg, die Reformdebatte in der katholischen Kirche in Deutschland, denken.

Der Kölner Kardinal war, was eine qualifizierte Stellungnahme angeht, insofern im Vorteil, als er als einziger Deutscher in der Kleruskongregation sitzt; es wäre merkwürdig, wenn er dort nicht einmal von der Instruktion hätte läuten hören. Warum er seinen deutschen Mitbrüdern im Bischofsamt nichts davon erzählte, weiß derzeit nur er allein.

Was alles nicht in der Instruktion steht

An einer einsamen Stelle verweist die Instruktion auf den Brief, mit dem Franziskus zur Erneuerung der Kirche in Chile mahnte. Angesichts des Missbrauchsskandals rief der Papst damals nach einer synodaleren und prophetischeren Kirche mit „erneuerten Formen der Teilhabe“ für Laien, gegen einen Klerikalismus, der das Charisma der Gläubigen „immer kontrollieren und bremsen“ wolle. Das spanische Schreiben vom Mai 2018, beispiellos in Kraft und Schärfe, wurde vom Vatikan bis heute nicht in andere Sprachen übersetzt.

Vergangenen Oktober berichteten auf der Amazonas-Synode Ordensfrauen, in welchem Umfang sie und Laien dort, wo Priester fehlen, Leitungs- und Seelsorgeaufgaben übernehmen, die eigentlich einem Pfarrer zukommen. Weder solche Beschreibungen kirchlicher Realität noch der radikale Entwurf einer neuen Volk-Gottes-Theologie in dem Brief an die Chilenen spiegeln sich in der Dienstanweisung der Kleruskongregation. Deren Chef, Kardinal Beniamino Stella, wird nach einem halben Jahrhundert Kuriendienst im August 79 Jahre alt. Vielleicht wollte er einfach noch eine Akte schließen, die schon viel zu lange auf dem Schreibtisch lag.