Warum das Gespräch mit Gott manchmal besser auf der Bettkante gelingt

Wie geht Beten, Pfarrer Jürgens?

Beten – wie geht das eigentlich und was macht es mit meinem Leben? Stefan Jürgens, Pfarrer in Heilig Kreuz in Münster, hat dazu 2005 ein (inzwischen vergriffenes) Buch veröffentlicht, das aus Seminaren und Exerzitien entstanden ist: „Im Gespräch mit Gott: Was beten heißt und wie es geht“. Im Interview sagt er, was Beten mit einem Wunschzettel zu tun haben kann, was unerfahrenen Betern hilft und warum das Bittgebet so schwierig ist.

Pfarrer Jürgens, warum soll ich überhaupt beten?

Beten ist Beziehungspflege. Ich bete nicht, weil ich glaube, sondern ich glaube, weil ich bete. Ohne das Gebet wird Gott zu einem Niemand. Das ist meine Erfahrung. Wenn ich also nicht bete, habe ich irgendwann keinen Gott mehr. Obwohl Gott mich immer hat! Das ist wie in einer menschlichen Beziehung: Das Gespräch hält eine Beziehung aufrecht, und ohne das Gespräch entfremdet man sich. Beten heißt nicht, dass ich von Gott etwas haben will – das wäre naiv und magisch. Sondern beten heißt, dass ich mir Zeit nehme, um vor und mit Gott jemand zu sein.

Sich Zeit nehmen ist also eine Voraussetzung für das Gebet.

Auf jeden Fall. Und es kommt darauf an, regelmäßig zu beten.

Also zu bestimmten Uhrzeiten.

Man braucht für das Gebet eine Struktur, denn nach meiner Erfahrung beten wir von außen nach innen. Nur nach Lust und Laune geht es nicht. Wenn ich nur bete, wenn mir mal danach ist, lasse ich es bald bleiben, weil mir selten danach ist. Vielmehr brauche ich eine feste Zeit und einen festen Ort. Wer nur das so genannte Stoßgebet kennt, benutzt Gott meistens für Alltagsprobleme, für Gesundheit und gutes Wetter. Der Normalfall des Betens ist deshalb das regelmäßige Gebet.

Muss das immer in einer Kirche sein?

Nein. Das kann überall sein. Ich finde sogar das Gebet auf der Bettkante grundlegender als das Gebet in der Kirche. Denn wenn ich nur noch in der Kirche bete, ist die eigene Motivation zu beten immer an die der anderen gekoppelt, was durchaus wichtig ist – aber ich habe auch eine eigene Gottesbeziehung. Meiner Erfahrung nach gelingt das Gebet in der Kirchenbank besser, wenn es auch das Gebet auf der Bettkante gibt.

Man kann also allein beten oder in Gemeinschaft.

Ja. Aber auch wer in Gemeinschaft betet, sollte jeden Tag eine persönliche Gebetszeit haben.

Jetzt sagen viele Menschen: Mir fällt das Beten schwer, die Gedanken schweifen ab, wenn ich mich hinsetze und zu beten anfange. Was kann ich da tun?

Ich gebe nur den Rat: Durchhalten und treu bleiben. Man soll sich nicht zu viel vornehmen, aber das, was man tut, durchhalten. Mir geht es selbst so, dass ich oft im Gebet ganz viel abschweife, auch in meiner stillen Zeit jeden Tag eine halbe Stunde. Zu Beginn hat mich das gestört, jetzt überhaupt nicht mehr. Wenn ich treu bleibe, mache ich ab und zu die Erfahrung des Einsseins mit Gott. Er ist da, ganz nah! Das ist wirklich mystisch. Wie in einer menschlichen Beziehung gilt auch hier: Treue geht vor Qualität.

Ist das ähnlich wie das Üben eines Musikinstruments oder einer Sportart, für die ich regelmäßig trainieren muss?

Klar. Jede geistige Tätigkeit ist langweilig, wenn ich sie nicht kann. Und interessant, wenn ich sie gelernt habe. Deswegen muss ich tatsächlich dranbleiben. Es ist und bleibt eine Übung, die auch anstrengend sein kann.

Es ist auch Arbeit.

Ich vergleiche unsere Gottesbeziehung gerne mit einer menschlichen Beziehung, und auch da sprechen wir von Beziehungsarbeit. Man muss nicht nur etwas investieren, sondern sich selbst ganz und gar einbringen. Man kann nicht nur zum anderen sagen: „Hab mich lieb und mach mich glücklich!“ Sondern es kommt darauf an, sich selbst zu verschenken.

Viele Menschen haben das Gefühl: Gott antwortet gar nicht. Ich bete, aber es kommt nichts zurück. Stimmt das so?

Das stimmt. Gott antwortet nicht mit der Erfüllung unserer Wünsche, sondern mit seiner Liebe, mit seinem Geist, mit seiner Kraft und Nähe. Er ist einfach da für uns. Im Lukas-Evangelium (Kapitel 11) gibt es eine kleine Gebetsschule, in der es heißt: „Wenn schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut für sie ist, um wieviel mehr wird dann euer himmlischer Vater denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten?“

Was bedeutet das?

Wir beten nicht, damit Gott unsere Wünsche erfüllt, die Welt in unserem Sinn verändert und dazu womöglich noch die Naturgesetze außer Kraft setzt. Das zu glauben wäre naiv. Dietrich Bonhoeffer hat dazu gesagt: „Gott erfüllt nicht unsere Wünsche, sondern seine Verheißungen.“

Können für einen unerfahrenen Beter vorformulierte Gebete wie das „Vater­unser“ eine Hilfe sein?

Pfarrer Stefan Jürgens.
Stefan Jürgens ist Pfarrer der Gemeinde Heilig Kreuz, Münster. | Foto: Christof Haverkamp

Unbedingt. Wir haben alle so zu beten gelernt, indem wir erst einmal fertige Gebete gehört, dann als Kinder mitgebrabbelt und irgendwann verstanden haben. Es ist doch klar, dass ich erst einmal Gebete mitspreche. Das hat der Theo­loge Fulbert Steffensky sehr schön gesagt: „Wir sprechen unsere Gebete mit den Lippen unserer lebenden und toten Geschwister.“

Was heißt das?

Vorformulierte Gebete stellen mich zunächst immer in eine Gemeinschaft hinein, ich verstehe sie erst später. Eine Erzieherin hat mich mal gefragt: „Können wir denn mit den Kindern das Vaterunser überhaupt beten? Die verstehen das doch noch gar nicht.“ Da habe ich zurückgefragt: „Haben Sie es verstanden?“ Wir brauchen einen Gebetsschatz, von dem wir uns dann langsam emanzipieren und den wir weiterentwickeln. Wir lernen ja auch sprechen …

… ohne es schon zu verstehen.

Und irgendwann steigen wir bewusst in die Worte ein, weil wir den Sinn kennen. Ich habe es auch so gelernt und meine Gebete meinen Eltern von den Lippen abgelesen. Das Tischgebet, das Vaterunser, die anderen Gebete habe ich nicht aus der Bibel gelernt und auch nicht aus Gebetbüchern, sondern von meinen Eltern und anderen Vor-Betern.

Wenn ich beten würde, dass mein Fußballverein gewinnt, wäre das ein falsches Gebet?

Ich glaube, wir dürfen Gott alles sagen, aber er wird gottlob nicht alles tun, was wir wollen. Das Bittgebet ist das einfachste und zugleich schwierigste Gebet. Es ist einfach, weil ich genau weiß, was mir fehlt, und es ist schwer, weil ich Gott nicht zum Lückenbüßer machen darf und zum Erfüllungsgehilfen meiner persönlichen Interessen.

Lückenbüßer für die eigenen Wünsche und Enttäuschungen.

Genau. Dann würde ich ihn ja verzwecken. Ein Beispiel: Wenn ich im Gottesdienst die Fürbitte höre: „Gib den Hungernden Brot“, so ist das eigentlich Blasphemie. Denn wir wissen genau, dass Gott das nicht tut, sondern uns die Verantwortung gegeben hat, das Brot gerecht zu verteilen. Wir dürfen Gott alles sagen, aber er wird nicht alles tun. Das ist so, wie wenn ein Kind zu Weihnachten einen Wunschzettel schreibt. Da steht dann alles drauf, was es gerne haben will…

… aber es bekommt nicht alles.

Genau. Und die Mutter liest den Wunschzettel und sagt: „Kind, wir freuen uns, dass du uns das alles anvertraust, aber wir können dir das nicht alles geben. Aber das Wichtigste ist doch, dass wir dich lieben und wir zusammen sind.“ So ähnlich ist es auch beim Bittgebet. Dass wir Gott alles sagen, ist ein Zeichen kindlichen Vertrauens, aber dass er uns nicht alles gibt, ist wirklich gut für uns.

Wieso ist denn das Dankgebet leichter als das Bittgebet?

Das Dankgebet ist nicht leichter, aber nötiger als das Bittgebet, denn beim Danken mache ich mir bewusst, dass nichts selbstverständlich ist, dass ich mich jemandem zu verdanken habe: Gott. Deswegen sind die klassischen Gebete in der Liturgie eher Lob und Dank, und es gibt nur wenige Bitten. „Unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren, doch uns bringt er Segen und Heil“, heißt es in einer Präfation. Vielleicht darf ich ganz persönlich anfügen: Ich bitte Gott um nichts.

Warum nicht?

Weil ich weiß, dass er weiß, was ich brauche. Ich vertraue nur darauf, dass er da ist, auch in den dunklen Zeiten, in denen ich nichts von ihm spüre.

Wenn Gott schon alles weiß, warum muss ich denn eigentlich noch beten?

Das ist so ähnlich wie in einer guten Freundschaft oder Ehe. Da kann man auch nicht sagen: „Wir kennen uns jetzt schon 30 Jahre, wir reden einfach nicht mehr miteinander.“ Sondern ganz im Gegenteil: Weil man zusammenlebt, spricht man miteinander. Das habe ich gemeint mit „von außen nach innen beten“. Wir schaffen zuerst den Rahmen, das Gespräch entsteht dann darin ganz von selbst. Ohne den Rahmen, das heißt, ohne feste Orte und Zeiten, gibt es kein Gespräch.

Ist beten so etwas wie Reden mit Gott?

Ich würde sagen: Es ist erst einmal ein Hören auf ihn, aber auch Reden mit ihm. Ich würde es als ein gutes Gespräch bezeichnen, denn im guten Gespräch ist es so, dass jeder mal zum Zug kommt.

Verändert mich eigentlich das Gebet?

Wenn ich in einer voraufgeklärten, naiven Weise bete, dann meine ich, ich könnte damit Gott verändern. Das aber ist Magie. Vielmehr ist es so: Durch das Gebet verändert Gott mich. Wenn ich spüre, dass er mich liebt, an mir interessiert ist und meinen Weg mitgeht, dann werde ich anders leben.

Weil sich meine Einstellung ändert.

Ja. Der Grundsatz aller Pädagogik lautet: Wer Liebe erfahren hat, kann lieben. Wenn ich mich von Gott geliebt weiß, werde ich ganz von selbst anders leben, konsequent und authentisch. Und dadurch die Welt verändern.