Archäologe Clive Bridger legt wissenschaftliche Untersuchung von Skelettteilen vor

Wie kommen Schweineknochen in Xantens Viktorschrein?

Hans-Wilhelm Barking hält das Buch, das in diesem Jahr allen Mitgliedern des Dombauvereins als Jahresgabe geschenkt wird, beinahe andächtig in seinen Händen. Diese Schrift sei eine besondere Veröffentlichung, sagt er. Der Titel verrät, worum es geht: „Zu den Inhalten des Xantener Viktorschreins.“ Und damit sei man bei keinem geringeren Thema als dem Ursprung der Geschichte von Xanten, meint Barking.

Clive Bridger, promovierter Archäologe, hat auf 150 Seiten die Ergebnisse einer interdisziplinären Untersuchung zusammengetragen, die sich mit den Skelettteilen des Viktorschreins beschäftigt.

Nicht die erste Öffnung des Viktorschreins

Rückblick: 2013 feierte die Gemeinde St. Viktor das 750-jährige Jubiläum „Gotischer Dom“ Xanten. Höhepunkt sollte die große Viktortracht am Ende der Festwoche sein. In diesem Zusammenhang wurde der Viktorschrein geöffnet, um zu prüfen, ob die Reliquien, die sich darin befinden, auch die sind, für die man sie hält.

Es war nicht die erste Öffnung des Schreins. Seit 1343 ist er 27 Mal geöffnet worden. 18 Urkunden geben darüber Auskunft. Und sie machen für Wissenschaftler wie Bridger deutlich, dass es über Jahrhunderte immer wieder Veränderungen an dem Inhalt des Schreins gegeben haben muss.

Mit dem Segen von Bischof Genn

Stellten die Ergebnisse der Untersuchung vor (von links):  Adrian Thyssen vom Dombauverein, Kaplan Christoph Potowski, Autor und Archäologe Clive Bridger und Hans-Wilhelm Barking, Vorsitzender des Dombauvereins. | Foto: Jürgen Kappel

Clive Bridger hatte bereits im Sommer 2013 die Idee, die Inhalte des Viktorschreins wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Auf Nachfrage unterstützten ihn zahlreiche Fachkollegen, und er erhielt auch die Erlaubnis von Bischof Felix Genn. Am 10. Oktober 2013 wurde der Schrein nach einem feierlichen Gottesdienst im Dom unter Ausschluss der Öffentlichkeit geöffnet.

Eine Reihe wissenschaftlicher Kollegen half bei der Untersuchung. Man hoffte, Backenzähne und Knochen mit modernen, wissenschaftlichen Methoden untersuchen zu können. Man hoffte klären zu können, wann und wo der Betreffende gelebt hat, und wann er gestorben ist.

Zahlreiche Reliquien fehlten

70 Minuten hatten die Beteiligten für die Untersuchungen. Eine viel zu kurze Spanne, wie Bridger meint. Es wurden zwei Knochen zur externen Probe entnommen. Im niederländischen Groningen und in Großbritannien wurde Knochenmaterial per Carbonuntersuchung datiert. Parallel wurden die Textilien begutachtet.

In detektivischer Kleinarbeit hat Bridger untersucht, ob die hölzerne Lade und die darin aufbewahrten Knochen Auskunft darüber geben, inwieweit die von den Christen als Märtyrer verehrten Reliquien sich auch darin befinden. „Ob die Grundlage des Glaubens stimmt oder nicht, darüber gibt die Untersuchung keine Auskunft“, sagt Bridger. „Man hat festgestellt“, fährt er fort, „dass zahlreiche dieser Reliquien nicht mehr im Schrein vorhanden sind.“ Was genau mit den so genannten Viktor­Reliquien vor 1129 und im hohen Mittelalter geschehen ist, ist nicht mehr nachzuvollziehen.

Mittdreißiger mit Hirnhautentzündung

Sechs der 18 Urkunden berichten von Änderungen an den Skelettteilen. Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) wurden die meisten Knochen aus dem Schrein entnommen und an einen sicheren Ort gebracht; dabei wurden lediglich zwei Knochen zurückgelassen. In dem Schrein sind Skelettteile mehrerer Personen. Die meisten stammen von einem Menschen, der zwischen 240 und 381 in dem Großraum Nordwestdeutschlands gelebt haben muss und zwischen 1,63 und 1,69 Meter groß war. Als junger Mensch hat er wahrscheinlich eine Hirnhautentzündung überlebt.

Die Untersuchungen belegen, dass er im Alter von 35 bis 45 Jahren gestorben sein muss und auf dem Gräberfeld in der Immunität beerdigt wurde. Außerdem wurden der Beckenknochen einer Frau und ein Knochen aus dem Doppelgrab der Krypta gefunden. Der untersuchte Knochen aus dem kleinen Viktorschrein ist einem Schweineoberarm zuzuordnen. Wie und warum er in den Schrein gelangte, ist unbekannt. Andere Knochen aus dem kleinen Schrein wurden nicht untersucht.

Seltene Seide aus Sogdien

Viel sensationeller sind die Ergebnisse der Textiluntersuchung. Zum Beispiel die extrem seltenen Seidenstoffe aus Sogdien, dem heutigen Usbekistan, mit denen der Schrein ausgekleidet wurde. Sie werden mit Stoffen aus der Laterankapelle Sancta Sanctorum in Rom verglichen. Für Bridger unterstreicht die Verwendung dieser Stoffe die Bedeutung der Reliquien, dass bewusst die Achse Rom – Xanten gewählt wurde.

Seiner Ansicht nach wurden die Stoffe als äußerst kostbare Reliquiehüllen in europäischen Kirchenschätzen verwendet. „Es hat den Anschein, als sei das Muster der soldatischen Reiter programmatisch für die Auskleidung des Schreins gewählt worden, was die Authentizität des Heiligtums besonders auszeichnen würde“, meint Bridger.