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Seuchen, Sturm und Feuer: Die "Chronik des Grauens" aus Ottmarsbocholt

Wie Menschen vor 100 Jahren mit Katastrophen umgingen

Epidemien, Hungersnöte, kriegerische Belagerungen – die Menschen im 19. Jahrhundert mussten vieles ertragen und erleiden. Die Pfarrchornik von Ottmarsbocholt gilt als "Chronik des Grauens" und gibt spannende Einblicke in die Krisenbewältigung damals.

„Chronik der Grausamkeiten“ oder „Chronik über Tod und Elend“ – so könnte die Pfarrchronik der Gemeinde St. Urban im münsterländischen Ottmarsbocholt betitelt werden. Klemens Rave vom Heimatverein kennt die Geschichte des Dorfs genau und hat die alten Aufzeichnungen eingehend studiert.

„Es gab ständig Rückschläge im Leben unserer Vorfahren“, sagt Rave. Mit der Heimatgeschichte und den kirchlichen Traditionen ist er groß geworden.
„Sechs Generationen meiner Vorfahren waren durchgängig Küster an der St.-Urban-Kirche“, sagt Rave.

Corona-Krise überfordert viele Menschen

Der Heimatforscher weiß um die Not der Menschen vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte und meint, dass die heutige Corona-Krise viele Menschen überfordere. „Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es nicht nur gute Zeiten gab. Heute haben wir einen Sozialstaat und umfassende Krankenversorgung. Das alles mussten unsere Vorfahren nach langen Entbehrungen erst mühsam aufbauen.“

Rave nennt die „rote Ruhr“, eine Entzündung des Dickdarms, die zum Tod führen konnte, und im 19. Jahrhundert im Ort grassierte, Hungersnöte nach schlechten Ernten und Belagerungen während Soldaten. Dies alles ist in Ottmarsbocholt gut dokumentiert.

Konservieren des Vergangenen

Vergangenes schriftlich für die Zukunft festzuhalten, waren selbst gestellte Aufgaben von Pfarrer Alois Schleppinghoff und Volksschullehrer Franz Doth. Beide setzten sich für das Konservieren des Vergangenen und Festhalten für die Zukunft in Bild und Textform ein. Schleppinghoff war von 1930 bis 1952 Pfarrer in der Gemeinde St. Urban.

Aus alten Kirchenbüchern trug er die Geschehnisse zu seiner 1933 begonnenen „Chronik der Pfarrei Ottmarsbocholt“ zusammen. 1939 schaffte er sich einen Foto-Apparat an und erstellte damit von sämtlichen Häusern und Gehöften in Ottmarsbocholt Farbfotografien. Lehrer Doth kam 1920 nach Ottmarsbocholt. Er schrieb Erzählungen älterer Bürger über Bräuche und das frühere Leben auf. 1926 gründete er den Heimatbund auf und wurde dessen erster Vorsitzender.

Unfälle, Unwetter und Katastrophen

In der Pfarrchronik von Schleppinghoff finden sich Aufzeichnungen des Pfarrers Joseph Michelis, der von Oktober 1783 bis November 1824 in der Gemeinde wirkte und verschiedene Unfälle, Katastrophen, Unwetter und Einquartierungen notierte, die während seiner Zeit in Ottmarsbocholt die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzten.

In einer Eintragung heißt es: „1798 herrschte hier eine sehr epidemische rote Ruhr. Es starben innerhalb von zwei Monaten 75 große Menschen ohne die Kinder. Im zweiten Jahr darauf herrschte in einem Teil des Kirchspiels die rote Ruhr wieder, und es starben 64 große Menschen.“ Um 1800 wohnten in Ottmarsbocholt in 197 Wohnhäusern etwa 1390 Personen.

Gefährlicher Brand

In einer weiteren Eintragung heißt es: „1787 brannte das Haus des Chirurgen Reusch zum größten Schrecken des ganzen Dorfes bis auf den obersten Teil, wovon nur etwas stehen blieb, ab, und zwar um Mitternacht, wo auch der Turm zweimal Feuer fing, sodass die Flamme lichterloh herausschlug. Jelkmann und Ewald haben sich beim Löschen sehr verdient gemacht. Wir haben diesen gefährlichen Brand ohne alle Brandspritzen gelöscht, ohne dass er weiter Schaden tat. Nur muss ich auch bemerken, dass die Strohdächer mit Glatteis bedeckt waren, sonst wäre es auch nicht möglich gewesen. Gott, der Allmächtige, hat unser armes Dorf bewahrt. Er bewahre es doch weiter, damit weder ich, weder einer meiner Nachfolger, in deren Gebet ich meine arme Seele empfehle, mehr solcher schrecklichen Ereignisse erleben.“

Die Ottmarsbocholter mussten noch viele schreckliche Ereignisse erdulden. Eine längere Zeit ohne größere Naturkatastrophen oder Kriege gab es nicht. Die Bevölkerung hatte kaum eine Möglichkeit, zu einem kleinen Wohlstand zu gelangen. Die Familien waren Ackerbürger mit wenig Land und kleine Handwerker und Selbstständige wie Metzger, Müller, Bäcker, Schreiner, und Drechsler.

Orkan und Krieg

Über die Auswirkungen eines Orkans heißt es: „Am 9. November 1800 wütete hier in der ganzen Umgebung ein Orkan, wie ihn die ältesten Leute noch nicht erlebt haben. Er riss Häuser, Scheunen und selbst die stärksten Eichen nieder.“

Unter „Außerordentliche Begebenheiten“ heißt es in einer anderen Chronik, aufgezeichnet von Johann Bernhard Lindfeld: „In den Jahren 1810, 11, 12, 13 waren die Franzosen hier, welche große Verwüstung des Krieges machten. Im Jahre1814/15 kamen die Preußen und Russen mit den Kosaken. Die Russen und Kosaken waren so grausam, dass man nicht damit leben konnte. Die Einquartierung und vielfältiges Reisen fahren machten uns so viel Last, dass man nicht leben konnte.“

Hungersnot durch Regensommer

Wenig später hielt der Chronist fest: „Im Jahr 1816 kam so grausamer Regensommer, desgleichen kein Mensch gedenket. Die Menschen mussten Hunger leiden, und unsere Gemeinde war gezwungen, Roggen, Kartoffeln und andere Lebensmittel von auswärts einzukaufen, um der Not zu steuern. Die Teuerung hat weit mehr geschadet, als alle vorher gehenden Einquartierungen von Preußen, Russen, Österreichern und Engländern.“ 1818: „Den Sommer und Herbst war so eine trockene Zeit, desgleichen uns nie gedenket.“

Ein Brand zerstörte große Teile des Dorfs: „Im Jahr 1818 entstand in der Nacht vom 7. zum 8. Juni auf der Holterstraße (heutige Dorfstraße) eine große Feuersbrunst, bei der in zwei Stunden 17 Wohnhäuser und drei Nebenhäuser in Schutt und Asche gelegt wurden. 21 Familien waren obdachlos geworden. Innerhalb fünf Monaten wurden alle Häuser, bis auf drei wiederaufgebaut.“

Was predigt der Pfarrer?

Am darauffolgenden Sonntag machte Pfarrer Michelis dieses Unglück zum Thema seiner Predigt. Drei Fragen behandelte er: „Wie haben sich diejenigen, die das Unglück unmittelbar betroffen hat, jetzt christlich-klug zu benehmen? Was haben wir andere, die wir gnädigst verschont geblieben sind, nach christlichen Vorschriften zu tun? Welche Maßregeln sollen wir alle zusammen zu unserer künftigen Sicherheit und zur Vorbeugung eines ähnlichen Unglücks ergreifen?“

Im Westfälischen Merkur vom 22. Mai 1836 wurde von einem verheerenden Großfeuer in Ottmarsbocholt berichtet, das lange Zeit eines der größten Schadensfeuer im Münsterland blieb und Anlass gab zu einer öffentlichen Sammlung zu Gunsten der Brandgeschädigten, die fast nichts versichert hatten.

„Münsters oft erprobter Wohltätigkeitssinn“

Die Zeitung schrieb: „Am 18. Mai traf den benachbarten Ort Ottmarsbocholt ein schweres Brandunglück. Nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr brach in dem Wohnhause des Schmiedes Lindau (eines sehr redlichen Mannes) Feuer aus und verbreitete sich mit solcher reißenden Schnelligkeit, dass innerhalb 5 Minuten 17 große Wohnhäuser und 4 Nebenhäuser in Brand standen. Sie gingen in Flammen auf und 27 Familien haben dadurch ihr Obdach verloren. Für 13 derselben ist nicht das Mindeste aus den Flammen gerettet worden, für die übrigen nur einiges weniges Mobiliar. Die Not der Abgebrannten ist sehr groß und sie sehen sich zu ihrer ferneren Existenz mit Frau und Kindern vorläufig lediglich auf den Wohltätigkeitssinn der Mitmenschen hingewiesen.“

Die Redaktion des Westfälischen Merkur schrieb zu diesem Bericht folgende Fußnote: „Um den Bewohnern Münsters Gelegenheit zu geben, diesen oft erprobten Wohltätigkeitssinn neuerdings zu bewähren, sind wir gerne bereit, milde Gaben für die abgebrannten Ottmarsbocholter entgegenzunehmen und darüber öffentlich Rechenschaft zu geben. Als ersten Beitrag werden uns so eben bereits 16 Thaler von der bei ähnlichen Anlässen sich stets rühmlich auszeichnenden Rölckenschen Tischgesellschaft eingesandt.“

Alle wurden Feuerwehrmänner

Es handelte sich um die Tischgesellschaft im „Münsterschen Hof“ auf dem Alten Steinweg, das dem Hotelier Rölcken gehörte. In einer späteren Nummer wird registriert, dass sich bei der Löschung durch Entschlossenheit und unermüdete Anstrengung insbesondere der Bürgermeister v. Notz, der Beigeordnete Nottarp, der Ackersknecht Joh. Gerh. Heubrock und der Zimmermann Caspar Buldermann rühmlich ausgezeichnet hatten.

Auf Grundlage der Feuer-Polizei-Ordnung für die Provinz Westfalen wurden in den Gemeindebezirken Senden und Ottmarsbocholt 1850, also Jahre nach den Feuersbrünsten, einige ortspolizeiliche Verordnungen erlassen, die unter anderem alle arbeitsfähigen männlichen Eingesessenen zur Löschung und Unterdrückung eines ausgebrochenen Feuers verpflichteten und die Besitzer von Zugtieren anhielten, diese zwecks Herbeischaffung von Löschgerätschaften, des erforderlichen Wassers und nötigenfalls zum Transport von Feuerwehrmannschaften und geretteten Gegenständen herzugeben.

„Mehr Optimismus und weniger Wehklagen“

Ein weiteres Schicksal erlebte der Ort 1858: Durch einen starken Sturm stürzte die Mühle zusammen und begrub die anwesenden Müller Heimann und Steinkühler. Eine in Blei gestanzte Urkunde, die an dem Mühlen-Neubau angebracht wurde, hielt den Unfall fest.

Eine der Aufzeichnungen endet: „Damit schließt die Chronik. Trotz aller Schicksalsschläge, die unsere Heimat und seine Bevölkerung getroffen haben, hat sie sich nicht unterkriegen lassen. Wir Lebenden aber wollen unseren Vorfahren in der Art, das Schicksal zu meistern, nicht nachstehen.“

Diese Sätze könnten gut in unsere heutige Zeit passen, meint Klemens Rave: „Wir brauchen auch heute mehr Optimismus und weniger Wehklagen. Ein Blick in die Lokalgeschichte lohnt sich, um zu sehen, wie unsere Vorfahren mit Herausforderungen umgehen mussten und dieses meisterten.“

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