„Wir waren keine gern gesehenen Gäs­te“

Wie Mettingen für Max Schindler neue Heimat wurde

Heimat? Da gibt es für Max Schindler eine alte, mit vielen Namen, und eine neue. Die alte, im Preußischen bis 1920 noch „Dhomas“ genannt, dann im deutschen Reich „Thomas“, heißt heute Tomice (Thomnitz) und liegt in Polen, an der Grenze zu Tschechien. Mit acht Jahren wurde er von dort vertrieben, in die neue Heimat, nach Mettingen.

Diese Wurzeln liegen jetzt in Beton: sein Haus, 1960 erbaut, aus Kohlebrandklinker, „unverwüstlich“, wie der gelernte Maurer weiß. „Wenn der Wind ungünstig stand, wehte von der Laggenbecker Preussag der Kohlestaub nach Mettingen. Es sollte ein Stein sein, der sich so gut wie selbst reinigt“, erklärt er.

Flucht und Vertreibung gehören für Max Schindler zusammen

Viele Häuser gibt es aus diesem Stein nicht in Mettingen. Es sind auch nur noch drei Familien, die wie er die Geschichte ihrer Vertreibung erzählen können. „Die Story“ habe er schon oft erzählt, heißt es aus der Verwandtschaft, „seine“ Story, seine persönliche Geschichte über den Verlust des fest Geglaubten, fest Verwurzelten.

In Oberschlesien wuchs Max Schindler als Ältestes von vier Kindern auf. Drei Generationen bewirtschaften sechseinhalb Hektar Land. Die Region gehört als südöstlicher Teil zu Schlesien. Anfang 1945 flohen Hunderttausende von dort nach Westen. Warum die Begriffe Flucht und Vertreibung für ihn zusammengehören, erklärt Max Schindler so: „Für uns ging es mit der Familie erst einmal nach Bayern. Das war unsere Flucht vor der Roten Armee.“

Die Geschichte hält ihn fest

Unvergessen die Bilder vom Unterrock der Mutter, in den sie die wichtigsten Papiere eingenäht hatte – und der kleine Handwagen, der sie nach Bayern und zurück begleitete. Oder der Vater, der sagte: „Wir müssen zurück, der Winter kommt, die Kartoffeln müssen in die Erde.“ Zurück in die Heimat, die keine mehr war, ging es auf dem Pferdefuhrwerk und im Jahr drauf gen Westen.

Die Geschichte hält ihn fest, wohl auch, weil seine Eltern zeitlebens über die Vergangenheit schwiegen: „Sie konnten nichts erzählen, es ging nicht.“ Noch nicht einmal, dass Max eigentlich „Maximilian“ heißt. Bei einem Besuch 2009 in seinem Geburtsort zeigte der Pfarrer ihm das Taufregister und Max Schindler bekam sieben Buchstaben mehr im Vornamen. Liebevoll streicht er die Urkunde glatt, die in einer Klarsichtfolie liegt. Sie bedeutet ihm viel, auch wenn er bei „Max“ geblieben ist.

Schweigen kam für Max Schindler nicht infrage – außer bei einer Sache

Für den heute 83-Jährigen kam Schweigen über die Vergangenheit nicht infrage, schon seinen Kindern und Enkeln zuliebe. Dass er so offen mit dem Erlebten umgehen kann, empfinde er als Geschenk. Nur eine Sache, die muss seine Frau für ihn erzählen: Die Bilder im Kopf sind zu schmerzhaft, zu eindrücklich.

„Thomnitz besaß eine Durchgangsstraße, rechts und links standen die Häuser. Diese Straße führte ins 60 Kilometer entfernte Auschwitz. Dort wurden von 1942 bis 1944 die Juden durch das Dorf getrieben. Wer nicht mehr konnte, der wurde in den kleinen Fluss geschmissen, der nach Schönau führte.“ Die Dorfkinder, die auf der Straße spielten und dann am Straßenrand standen, waren letzte Augenzeugen. Ein Besuch in Auschwitz Jahrzehnte später war für Max Schindler ein heilsamer Prozess.

Einsatz für Flüchtlinge von 2015

Als 2015 die Bilder der Flüchtlinge  aus Syrien über die Fernsehschirme flimmern, drängen sich für Max Schindler andere Bilder auf. „Ich habe zu meiner Frau gesagt: ‚Schau, so ähnlich ist es uns damals ergangen.‘“ Er wollte diesen fremden und doch vertrauten Schicksalen nicht nur zuschauen. Mit Kolpingbrüdern sortierte er in der Kleiderkammer Mäntel, Hosen und Pullover für die Flüchtlinge.

Und wie war sein eigenes Ankommen in Mettingen, damals, 1946? Seine Geschwister und er wurden getrennt voneinander untergebracht. „Wir waren keine gern gesehenen Gäs­te“, sagt er, fast entschuldigend. „Die Menschen, die aus den Städten ausgebombt waren, wollten ja auch irgendwo leben.“

Schindler will Beziehung zur alten Heimat halten

Für seine Frau Anna, die damals in Recke zur Schule ging, waren die vielen Flüchtlingskinder ein normales, vertrautes Bild. Sie ist dankbar für ihre Kindheitserinnerungen, kann sie so doch das Schicksal ihres Mannes verstehen und teilen.

Fünfmal reiste das Ehepaar bisher schon nach „Drüben“, auf den nicht verwehten Spuren der vertriebenen und geflohenen Deutschen. Max Schindler geht mit diesen Begriffen ohne Verbitterung um. Ihm ist es vor allem wichtig, die Beziehung zu den Orten, in denen er aufwuchs, zu halten.

Der große Backofen der Familie Schindler steht auch heute noch

„Fast meinte man noch den Duft nach Mohnkuchen zu riechen“, erinnert er sich an seinen ersten Besuch im heutigen Tomice. Die Schindlers hatten früher einen großen Backofen. „Der steht heute noch.“ Darin wurde für eine Woche Brot gebacken. Die Resthitze war so stark, dass das ganze Dorf Bleche mit Mohnkuchen brachte, die anschließend hinein kamen.

Im Winter saßen alle zusammen beim „Federnspleißen“. „Wir haben Daunen angefertigt, indem man die Kiele der Federn auseinanderriss. Das war wichtig fürs warme Daunenbett im kalten Winter“, erinnert sich Max Schindler.

Ein Schlaganfall zwang ihn in den Ruhestand

Heute sieht er seine drei Enkel in unmittelbarer Nachbarschaft aufwachsen, die Sorgen sind keine großen mehr. „Alle vier Jahre den Kompost umsetzen“, und natürlich regelmäßig der Einsatz als Senioren-Messdiener in St. Agatha, seit 29 Jahren.

1952 kam er in die Lehre. Insgesamt 41 Jahre hat er bei derselben Firma gearbeitet, nach dem Krieg viele Außenfassaden in Münster und Düsseldorf hochgezogen. c.

Kolping und Rotes Kreuz

Immerhin – vor 16 Jahren baute er sein Haus zweistöckig aus, „für die jungen Leute“, seinen Sohn und die drei Enkel im Alter von sieben bis 16 Jahren. Heute gehe es ihm „sehr gut“, meint er mit bescheidenem Lächeln.

Jahrelang war er als ehrenamtlicher Richter tätig und noch länger bei den Kolpingbrüdern, im nächsten Jahr sind es 65 Jahre. Dazu noch die 66 Jahre beim Deutschen Roten Kreuz in Mettingen. Was er eigentlich alles leis­tet, fällt ihm in der Corona-Krise erst richtig auf.

„Was gewesen ist, ist gewesen. Man muss die Zukunft im Blick behalten“

Corona, das sei wieder wie ein Krieg, „aber einer, in dem man den Feind nicht sieht“, ergänzt seine Frau. Die Enkel nicht mehr drücken dürfen, „das war schlimm.“ Sie hat Masken für die ganze Familie genäht. Über die Lockerungen freuen sie sich. „Was gewesen ist, ist gewesen. Man muss die Zukunft im Blick behalten“, meint Max Schindler und schaut von der Einfahrt, vorbei an der Hauswand aus unverwüstlichem Kohlebrandklinker, in den blühenden Garten.