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Interview mit dem Religionswissenschaftler und Autor Michael Blume

Wie reagieren auf Verschwörungsmythen und ihre Anhänger?

Verschwörungsmythen darüber, was "eigentlich" hinter Corona stecke, verbreiten sich rasant. Woher kommt das? Wie gefährlich ist das? Was ist die effektivste Reaktion? Antworten von Michael Blume, Verschwörungs-Experte und Religionswissenschaftler.

Verschwörungsmythen haben Hochkonjunktur, erst recht seit Corona Einschränkungen im Alltag nötig macht. Was bringt Leute dazu, hinter der Corona-Krise düstere Mächte zu wittern? Der Religionswissenschaftler und Buchautor Michael Blume hat sich intensiv mit Verschwörungsmythen beschäftigt. Im Interview sagt er, wie man am besten auf die kruden Theorien reagiert, warum er auf Gottvertrauen und die Kirchen setzt - und wie gefährlich dieser Glaube und seine Anhänger sind.

Herr Blume, mindestens so stark wie das Virus verbreiten sich die abstrusesten Theorien und Mythen um Corona aus – so etwa gerade die Falschmeldung, es sei „von ganz oben“ schon lange ein erneuter Lockdown geplant, der mindestens sechs Monate dauern soll. Wie geht man damit um?

Das überrascht leider wenig, weil es das in der Geschichte immer gegeben hat. Immer wenn Pandemien aufgetreten sind, gab es sofort Schuldzuschreibungen – normalerweise an Juden und Frauen. Es gab beispielsweise Pest-Pogrome im Mittelalter, bei denen ganze Judengemeinden vernichtet wurden. Jetzt in Sachen Corona tauchten schon im Januar dieses Jahres – also noch lange vor allen Maßnahmen – die ersten Vorwürfe auf, der jüdische Holocaust-Überlebende George Soros habe gemeinsam mit den Chinesen das Wuhan-Virus als Biowaffe entwickelt, um die Weltbevölkerung zu dezimieren. Seitdem ändern sich zwar die Vorwürfe – jetzt wird ja behauptet, das Virus sei völlig ungefährlich –, aber das Feindbild ändert sich nicht mehr.

Warum Frauen und Juden als Feindbilder?

Michael BlumeMichael Blume (44) wuchs religionslos auf, wurde als junger Erwachsener evangelischer Christ. Seine Frau ist Muslimin. Er studierte Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen, wo er auch zu Religion und Hirnforschung promovierte. Auf Vorschlag der jüdischen Landesgemeinden wurde er 2018 zum Antisemitismus-Beauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg ernannt. | Foto: Loges und Langen (pd) 

Beide haben alte Wurzeln. Die eine finden wir direkt in der Bibel. Eva wird Adam untergeordnet, das Ganze im Übergang zur Entwicklung der Landwirtschaft. Daraus entsteht der Vorwurf, dass Frauen die bestehende Ordnung bedrohen. Das ist der älteste Verschwörungsmythos der Welt, der sich bis in den Hexenglauben weiterentwickelt hat und bis heute beispielsweise in Papua Neuguinea oder Afrika aktiv ist.
Der zweitälteste Verschwörungsmythos ist der Antisemitismus. Das Judentum ist die erste Religion, die sich in einem 30-zeichigen Schriftsystem ausdrücken kann und in der zum ersten Mal allgemeine Bildung in den Vordergrund tritt: Jedes Kind soll lesen und schreiben können. Es gab da zum Beispiel einen guten jüdischen Jungen namens Jesus, der schon als Zwölfjähriger mit Schriftgelehrten diskutierte. Das gab es nur in Israel, dass der Sohn eines armen Handwerkers selbstverständlich lesen und schreiben konnte. Daher rührt der heute globale Glaube, dass, wenn es eine Weltverschwörung geben soll, nur Juden schlau genug wären, sie anzuführen.

Wie können allen Ernstes Menschen Frauen für eine Bedrohung halten?

In unserer Wissensgesellschaft werden Frauen immer stärker, und sie treten auch immer stärker auf. Das verunsichert manche Männer – und übrigens auch Frauen – so sehr, dass sie Frauen als Schuldige für alles Mögliche, nicht zuletzt die Veränderung unserer Gesellschaft sehen. Die QAnon-Digital-Sekte, die derzeit global den Verschwörungsdiskurs dominiert, hat mit massiven Vorwürfen gegen Hilary Clinton begonnen: Wie kann eine Frau es wagen, Präsidentin sein zu wollen? Das war für sie unvorstellbar. Und dass eine Physikerin und Christin seit vielen Jahren in Deutschland erfolgreich Bundeskanzlerin ist – das vertragen diese Leute nicht. Sie können sich das nur als Verschwörung erklären. Weil sie aber Frauen nicht zutrauen, schlau genug zu sein, werden noch jüdische Mitverschwörer daneben gestellt – und fertig ist der Glaube an das Böse. QAnon-Verschwörungsgläubige behaupten, aus Kindern würde in unterirdischen Verliesen Adrenochrom gepresst - ein Stoffwechselprodukt von Adrenalin, das man in der Apotheke kaufen kann. Es ist der Mythos aus dem 15. Jahrhundert, nach dem Juden und Frauen den „Hexensabbat“ begehen und aus Kindern „Hexensalbe“ herstellen. Verschwörungsgläubige sind vor lauter Angst furchtbar fixiert und unkreativ.

Welche Rolle spielt dabei das Internet? Es gibt ja auch im Rechtspopulismus geradezu eine digitale Parallelwelt …

Das trifft ganz genau zu – und auch das ist nichts Neues. Immer wenn neue Medien in der Geschichte auftraten, gab es diese Erschütterungen. Denken wir an die Folgen des Buchdrucks: Da kamen die großen Umwälzungen wie die Reformation, der Dreißigjährige Krieg, der Hexenhammer, der Hexenglaube. Das Positive – die Ausbreitung von Bildung, die Übersetzung der Bibel – steht neben dem Negativen. Das Gleiche im 20. Jahrhundert, als die elektronischen Medien aufkamen: Telegramm, Radio, Film. Bismarck löste mit einem Telegramm den Deutsch-Französischen Krieg aus. Die Nazis nutzten Radio und Film, um die Demokratie zu zerstören. Jetzt haben wir das Internet: Wir haben großartige Effekte, und ich liebe das Internet. Aber wir müssen uns dem Abgrund stellen, dass auch die digitale Entwicklung zu neuen Umwälzungen führt, die bis in die Religion hineinreichen, viele Menschen verunsichern und es Verschwörungs-Verkündern erleichtern, große Anhängerschaften um sich zu scharen.

Bei der Anti-Hygiene-Demonstration am vergangenen Wochenende in Berlin waren aber doch keineswegs nur technikscheue, ungebildete Menschen …

Buchtipp
Michael Blume: Verschwörungsmythen.Michael Blume: Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können. 160 Seiten, Patmos-Verlag, 15 Euro.
Dieses Buch einfach und direkt hier bei unserem Partner Dialogversand bestellen.

Sehr richtig! Es ist ein großer Fehler zu meinen, diese Menschen wären Idioten. In meinem neuen Buch „Verschwörungsmythen“ wende ich mich ausdrücklich dagegen. Bestes Beispiel: der große Philosoph Martin Heidegger (1889-1976). Er hatte ursprünglich Theologie studiert, verlor seinen christlichen Glauben, hatte jüdische Lehrer, hatte eine jüdische Geliebte – und trotzdem ist er dem Verschwörungsglauben verfallen, dem Antisemitismus, und er wurde ein Anhänger Adolf Hitlers. Das heißt: Bildung und Intelligenz allein schützen nicht vor dem Glauben an die Weltherrschaft des Bösen. Wir können uns hochintelligent und hochgebildet in den Verschwörungsglauben hinabschwurbeln.

Was schützt uns dann?

Bildung im umfassenden Sinn! Herzensbildung, Vertrauen! Wir sehen, dass diejenigen Menschen besonders anfällig für Verschwörungsmythen sind, die schon als Kinder gelernt haben, dass sie anderen nicht vertrauen können, dass die Welt böse ist und ihr eigener Vater sie ja nur schlägt, weil er es gut mit ihnen meint. Autoritäre, unfreie, beängstigende Verhältnisse machen Menschen empfänglich für Verschwörungsmythen. Wer in einem liebevollen Verhältnis aufwächst, Grund- und Gottvertrauen lernt und, dass er der Welt mit Gewaltenteilung und Rechtsstaat vertrauen kann, um gegen Verschwörungen vorzugehen – die und der sind auch fähig, solchen Mythen zu widerstehen.

Machen wir’s mal konkret: Wie gehe ich mit Menschen in meinem persönlichen Umfeld um, wenn sie mir mit solchen Verschwörungsmythen oder auch nur kleinen Häppchen daraus kommen?

Über Konfrontation erreicht man da wenig. Besser ist es, sachlich zu betonen, dass man das anders sieht. Oder emotional danach zu fragen, wo das eigentliche persönliche Problem liegt. Vor allem aber auf seriöse Quellen hinzuweisen – Bücher oder auch unseren Podcast „Verschwörungsfragen“. Wir bekommen Rückmeldungen, dass Menschen eher durch Ruhe, Hören, Lesen erreicht werden.

Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, man solle emotional fragen?

Verschwörungsgläubige haben schlichtweg echte Angst. Sie glauben, sie würden durch eine gewaltige Verschwörung bedroht, die sich gegen sie und ihre Kinder richtet. Ihnen dann Dummheit vorzuwerfen, heilt sie gerade nicht, sondern sie fühlen sich – im Gegenteil – erneut zurückgestoßen. Besser ist es zu fragen: Woher kommt denn deine Angst? Woher weißt du denn das alles, was dich vermeintlich bedroht? Wir brauchen Seelsorge! Darum rufe ich nach den Kirchen, den Weltanschauungsgemeinschaften, den Akademien, der Psychologie, dass sie sich um die Ängste dieser Menschen kümmern, bevor sie sich weiter radikalisieren.

Es gibt auch gerade unter Christen solche, die aus ihrem Glauben heraus sagen: Corona kommt von Gott …

Die gib es in der Tat. Aber auch da geht es um die Frage: Glaube ich an einen guten Gott, der mich zwar prüfen kann – aber dann prüft er meine Vernunft, meine Nächstenliebe, er ruft mich zu Rücksicht und Solidarität auf. Wenn ich allerdings an einen bösen Gott glaube, der straft, weil ich nicht alle Gebote halte, der Menschen deshalb vernichten will, dann unterscheide ich kaum noch, ob ich es mit einem Gott oder mit einem Teufel zu tun habe. Um Verschwörungsmythen zu verstehen, ist es absolut nicht irrelevant, was Menschen glauben, welches Bild von Gott, von der Welt, von den anderen Menschen sie haben. Verschwörungsglaube ist eine umgekehrte Form der Religion: Wir selber sind die bedrohten Guten – und die anderen sind die absolut Bösen, die die Welt regieren und gegen die wir uns nur mit Gewalt verteidigen. Das gab es natürlich auch immer wieder im Christentum, aber es bleibt eine Entstellung der Religion und vor allem eine Entstellung des Evangeliums, der Frohen Botschaft.

Für wie gefährlich halten Sie die Verschwörungsmythen, die sich um Corona drehen?

In der Geschichte gab es bei Pandemien immer wieder Ausschreitungen und Pogrome. Ich glaube nicht, dass es diesmal so schlimm wird, weil die Mehrheit der Menschen vernünftig ist und sich der Rechtsstaat und auch die Kirchen an die Seite der Verfolgten und Bedrohten stellen. Aber ich habe davor gewarnt und muss es weiter tun: Menschen werden sich weiter radikalisieren, im Internet und auf Demonstrationen. Wir müssen mit Rücksichtslosigkeit, Extremismus und auch mit Gewalt rechnen. Diese Welle des Hasses ist noch nicht vorbei.

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