Österlicher Gastbeitrag von Wolfgang Reuter, Priester und Psychotherapeut

Wie Seelsorge in Corona-Distanz eine Chance sein kann

Seelsorge ist ohne menschliche Nähe kaum denkbar. Doch wie soll das angesichts von Social-distancing, Kontaktverbot und Vereinzelung während der Corona-Krise möglich sein? Wolfgang Reuter, Priester, Psychotherapeut und Klinikseelsorger in Düsseldorf, warnt davor, zu schnell das Gewohnte wiederherzustellen. Er rät zu einer "Seelsorge in der Abstinenz", meint damit keineswegs seliges Nichtstun und findet in einer der Ostergeschichten eine starke Ermutigung dazu, wie er in seinem Gast-Beitrag schreibt.

Corona hat die Welt weiterhin im Griff. Längst ist vielen klar, was dies für die Gesellschaft bedeutet und es schmerzt natürlich zu sehen, dass dadurch bedingt auch das kirchliche Leben nahezu stillgelegt ist. Im Bistum Münster wurde die Zeit ohne öffentliche Gottesdienste bis zum 1. Mai verlängert. Dies hat Konsequenzen, nicht nur für den Bereich des liturgischen Feierns, sondern für das ganze kirchliche Leben und damit auch für die Seelsorge. Wie können wir jetzt Gottesdienst feiern und was ist in der Seelsorge überhaupt möglich?

Tod in Ausübung des Dienstes?

Der Bonner Liturgiewissenschaftler Andreas Odenthal hat aus seiner Perspektive als Liturgiewissenschaftler jüngst auf die „unaufgeregte Weise des Gotteslobes“ im Stundengebet der Kirche, hier speziell der Mönche der Abtei Gerleve, hingewiesen. Die Mönche tun in ihrem Stundengebet, so Odenthal, einfach (nur) das, was sie immer tun. Ihr Stundengebet ereignet sich tagtäglich zur gleichen Zeit, „ganz ohne Kosten-Nutzungs-Rechnung“ und ohne jeden Optimierungszwang.

Man wünschte sich, Gleiches auch über die Praxis der Seelsorge sagen zu können. Wenn Seelsorger allerdings in dieser Zeit der Corona-Pandemie ungeschützt das machen, was sie immer tun, nämlich in Kontakt treten und in die Beziehung gehen, kann das für sie und für andere tödlich enden. So wurde es unlängst aus Italien berichtet. Priester kamen in Ausübung ihres Amtes zu Tode, was schon zu ersten Idealisierungen führte, wie es zuletzt „Die Zeit“ berichtete. Dies wirft zwei Fragen auf: War das Verhalten der italienischen Priester richtig oder falsch und: Wie treibt man denn Seelsorge in diesen Zeiten?

Wie geht Seelsorge in Zeiten von Corona?

Wolfgang ReuterWolfgang Reuter ist Psychoanalytiker, Priester im Erzbistum Köln und Seelsorger für Menschen mit psychischer Erkrankung. Zudem leitet erdie Klinikseelsorge am LVR-Klinikum, Kliniken der Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf. Bis 2018 war er Professor für Pastoralpsychologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar.

Die erste Frage kann und will ich nicht beantworten. Welche Motive die Priester dort auch immer gehabt haben mögen und welche Nähe sie zu den Erkrankten gesucht haben, ob es „richtig“ war oder „falsch“, seelsorglichen Beistand zu leisten und dadurch Krankheit und selbst den eigenen Tod in Kauf zu nehmen - wer weiß das zu sagen? Die zweite Frage hingegen drängt sich mir nahezu auf. Wie treibe ich denn eigentlich Seelsorge unter den gegenwärtig einschränkenden und einzuhaltenden, eng gesteckten Rahmenbedingungen?

Das, was wir immer tun, ist jetzt so nicht möglich: Kranke besuchen und miteinander in Beziehung sein geht gar nicht, die Feier der Sakramente ist nur in sehr begründeten Ausnahmefällen möglich. Für mich als Seelsorger - speziell auch als Klinikseelsorger - ist das, neben der Kränkung durch die Pandemie eine weitere, sehr persönliche Kränkung. Anders als die Mönche in ihrem stellvertretenden Gebet, kann ich in der Seelsorge gerade genau das nicht tun, was ich sonst immer tue. Aus diesem Dilemma gibt es keinen Ausweg. Ich muss mich in Sachen Kontakt und Beziehung radikal zurückhalten. Wie aber geht dann Seelsorge?

Seelsorge und Abstinenz

Als ein Merkmal dessen, was Seelsorge wirklich ausmacht, drängt sich mir die Haltung der „Abstinenz“ auf. Das mag auf den ersten Blick paradox klingen und widerspricht gewiss auch manch einem Idealbild von Seelsorge. Und doch erscheint mir die Abstinenz als ein unverzichtbares Kriterium für eine als Beziehung verstandene Seelsorge.

Um das klarzustellen: Hier geht es nicht darum „Nichts“ zu tun. Schon Sigmund Freud wusste darum, wie heilsam der Verzicht, die Enthaltsamkeit für die Entwicklung der Beziehung der Menschen untereinander sein können. So wurde die Abstinenz zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Theorie und Praxis der Psychoanalyse und zu einem konstitutiven Merkmal und Kriterium für Beziehung. Genau in dieser Hinsicht kann die Abstinenz der Seelsorge eine Richtung vorgeben.

Alles ist ganz anders - und das ist die Chance

Zugegebenermaßen ist dies ein ungewohnter Gedanke - Seelsorge und Abstinenz. Auf den ersten Blick erscheint die coronabedingt auferlegte Abstinenz in der Seelsorge wie ein Defizit oder wie ein Verlust, den man gerne beheben und damit aus der Welt schaffen möchte. Genau dies ist nicht die Intention seelsorglicher Abstinenz. Sie erweist sich gerade dann als heilsam, wenn Seelsorger*innen, besonders in Krisenzeiten, dem Impuls zur Wiederherstellung des Gewohnten und des schon immer Praktizierten widerstehen.

Einer abstinenzgeleiteten Seelsorge geht es nicht darum, die Verluste, die wir gegenwärtig erleiden, möglichst schnell wieder zu heilen. Ihr ist vielmehr daran gelegen, dass sich alle Beteiligten auf die Wirkung des Verlustes als eine Erfahrung des ganz und gar Anderen einlassen und daraus dann eine der Situation angemessene, neue Praxis entwickeln. 

Der „gründende Verlust des Ostermorgens“

Hierzu gibt es ein in der biblischen Ur-Kunde übermitteltes Praxismodell. Der „gründende Verlust“ des Ostermorgens (Michel de Certeau), an dem die Frauen am leeren Grab zunächst nicht mehr ein noch aus wussten, kann zum Leitmotiv gegenwärtiger Seelsorge werden. Mit dem leeren Grab konfrontiert, verfolgen die Frauen eben gerade nicht das Ziel, den auferstandenen Herrn wieder dort hineinzulegen und damit das Alte und Gewohnte wiederherzustellen.

Hier verhalten sie sich - gottlob - abstinent. In ihrem Schrecken und Entsetzen, in ihrem Schweigen und in ihrer Flucht vom leeren Grab (Mk 16,8) geben sie vielmehr der Wirkung der für sie ganz und gar neuen Erfahrung Ausdruck und genau darin gründet das, was wir heute das kirchliche Kerygma nennen.

Optimale Nähe bei maximaler Distanz

Im Stundengebet der Kirche tun die Mönche - auch in Zeiten der Coronakrise - genau das, was sie schon immer taten. In der Seelsorge ist genau das nicht möglich. Ihre Chance liegt gegenwärtig in der kreativen Handhabung von Abstinenz. Im Sinne Sigmund Freuds und der Frauen am Grab Jesu ist hiermit das paradoxe Ansinnen gemeint, gerade in der Abstinenz Beziehung zu gestalten.

Genau das ist die gegenwärtige Herausforderung für die Seelsorge: In der Dynamik von Bindung und Trennung, Nähe und Distanz situationsangemessen zu handeln – Optimale Nähe gestalten bei gleichzeitig maximaler Abgrenzung. Für manchen Seelsorger mag dies neu sein. Aber es ist lebenswichtig!