Dekantskantor in Wesel verabschiedet

Willem Winschuh: 40 Jahre Leidenschaft für die Kirchenmusik

„Seht her, der Mensch“, ruft Willem Winschuh den Choristen entgegen, die im Halbkreis um das Klavier im Pfarrsaal der St.-Nikolaus-Gemeinde in Wesel sitzen und Chorpassagen der Bachschen Matthäus-Passion proben. Plötzlich und unvermittelt ist der Chorleiter von seinem Schemel aufgesprungen und reckt den Arm mit seinem ausgestreckten Finger den Sängerinnen und Sänger entgegen.

„Stellt euch den Isenheimer Altar vor“, ruft er in die Gruppe. „Auf dem Bild von Matthias Grünewald zeigt Johannes der Täufer mit seinem Finger auf den Gekreuzigten. Diese Szene müsst ihr im Kopf haben und dann die Stelle interpretieren.“

Mitreißender Pädagoge

Winschuh ist in seinem Element. Er kann nicht ruhig auf seinem Klavierhocker sitzen, er muss die Ideen, die ihm während der Musikpassagen durch den Kopf gehen, mit seinem Chor teilen. Der Musiker will die Sänger an seinen Gedanken teilhaben lassen. Auch um einen Leitfaden an die Hand zu geben, wie sie die Musik verstehen sollen.

Wenn es um die Kunst geht ist der 65-jährige Musiker voller Leidenschaft. Er kann nicht anders, als sich ihr vollständig hinzugeben. „Willem brennt wie eine Kerze an beiden Enden“, beschreibt Gabi Röder seine Liebe zur Kunst. „Und er reißt seinen Chor immer wieder mit sich. Diese Lebendigkeit und Kreativität faszinieren mich  bis heute“, resümiert die 67-jährige Altistin und frühere Chorsprecherin. „Er lebt für die Musik, sie ist Teil seiner selbst“, sagt Fulbert Slenczka, Solocellist an der Duisburger Philharmonie, der oft mit Winschuh musiziert.

Hinwendung zum Du

Winschuh hat keine Scheuklappen. Er ist nicht auf die Kirchenmusik oder die Musik im Allgemeinen beschränkt. Seine Proben werden mitunter zu Vorlesungen im Studium Generale der Disziplin Kunst. Immer wieder zitiert er bei den Proben spontan Bibelstellen aus dem Kopf, um innere Zusammenhänge aufzuzeigen oder rezitiert aus demselben Grund eine Gedichtzeile von Annette von Droste Hülshoff. Probt er doppelchörige Motetten von Heinrich Schütz, erinnert er an die Markus-Basilika in Venedig. So begreift man als Sänger viel leichter die kompositorische Struktur. „Literatur, Baugeschichte, die bildende Kunst und die Musik sind doch eine einzigartige Verquickung der Kunstgeschichte“, sagt Winschuh.

Die Beschäftigung mit der Kunst ist für ihn nicht „l‘art pour l‘art“. Ihm geht es um die Hinwendung zum Du. „Ich muss mit Menschen arbeiten, viel mehr noch: Ich brauche die Menschen, die in die Konzerte kommen, die im Chor mit mir musizieren und sich mir anvertrauen“, beschreibt er seine innere Haltung. „Musik ist ohne Begegnung nicht denkbar. Sie ist im besten Sinne gelebter Augenblick.“

Musik ist gelebter Augenblick

Die Arbeit mit Laien ist für ihn von besonderer Bedeutung. „Laios heißt ja hineingerufen werden. Oft ist die Arbeit mit ihnen viel reizvoller als mit Berufsmusikern, weil sie eine innigere Beziehung zur Musik entwickeln.“ Willem Winschuh ist ein durch und durch religiöser Mensch, ohne dass sich bei ihm „Gebetsmuskeln“, wie ersagt, entwickelt hätten. Er möchte denjenigen, die mit ihm musizieren, eine innere Verheißung vor Augen führen. Das gilt vor allem für junge Menschen, denen er bis heute den Weg für die Musik öffnet.

Auf diese Weise ist das Collegium Vocale entstanden, der Chor, den er länger als 27 Jahre geleitet hat. Begonnen hat dieses Ensemble als Jugendchor, als Alternative zu dem in der Weseler Pfarre bestehenden Kirchenchor.

Begeistert für die Musik

Gerade zur Erstkommunion gegangen hat der junge Willem fasziniert einem Kirchenchor zugehört. Er entwickelte Interesse, Klavier zu lernen und spielte hin und wieder an der Orgel. Die Begeisterung für die Musik wuchs. „Obwohl ich mir damals durchaus auch vorstellen konnte, Schauspieler oder Lokomotivführer zu  werden“, erinnert sich Winschuh. Sein Vater war von den beruflichen Plänen anfangs nicht so begeistert. Er befürchtete, dass der Sohn die notwendige Disziplin zum Üben nicht aufbrächte. Doch er hatte sich geirrt.

Noch während der Schulzeit begann er als 16-jähriger Schüler und Jungstudent eine Ausbildung bei Prof. Rudolf Ewerhart in München. Es folgten Studien der Kirchenmusik, der Musikpädagogik und Musikwisschenschaft an der Hochschule für Musik in Detmold, an der Westfälischen Wilhelm-Universität in Münster und der Robert-Schumann-Hochschule für Musik in Düsseldorf. Weitere Impulse erhielt er später durch den französischen Komponisten und Organisten Jean Langlais. „Diese Zeit hat mich geprägt und mir die Angst genommen, etwas falsch zu machen.“

Großes geleistet

1979 wird Winschuh Dekanatskantor in Wesel. Otto van de Locht holte den jungen Musiker in die Stadt und förderte ihn auch gegen Widerstände bei der älteren Generation. „Mich hat sein pädagogisches Konzept beeindruckt“, erinnert sich Gabi Röder. „Er hat die Geduld, das Werk auch bei den Sängern reifen zu lassen und nicht immer wieder Töne zu bimsen.“

Seinen kreativen Kopf und seine Personenkenntnis bewundert Magdalene Saal, die mit ihm in der Jury für die „Edition Kirche+Leben“ gearbeitet hat. Sein besonderes Engagement für die Kichenmusikausbildung lobt Ulrich Grimpe, Orgelsachverständiger im Referat Kirchenmusik des Bischöflichen Generalvikariates. Zuverlässig und engagiert habe er in der Ausbildung der Musiker gearbeitet. „In Liturgie und Konzert hat er wirklich Großes geleistet.“

Im Juni wurde Willem Winschuh nach 40-jähriger Dienstzeit als Kantor verabschiedet. Doch er kann es nicht lassen. Zurzeit probt er mit einem Projektchor unter anderem Werke von Bach und Händel für das Silvesterkonzert in Xanten.