FILM

Wim Wenders vs. Nastassja Kinski: Ein neuer Fall von Machtmissbrauch

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Die Schauspielerin fordert, eine Film-Nacktszene als Kind zu löschen. Der Star-Regisseur reagiert erschreckend symptomatisch, sagt Matthias Reményi.

Hinweis der Redaktion: Regisseur Wim Wenders hat am 03.06.2026, also nach Verfassen dieses Gastkommentars, den von Nastassja Kinski monierten Film “Falsche Bewegung” zurückgezogen. | 03.06.2026

In der Pfingstwoche war ich wieder in Berlin. Ich liebe diese Stadt, seit ich an jenem Zauberwochenende im November 1989 auf dem Potsdamer Platz mit dabei war, als sie die Mauer aufgebrochen und der geteilten Stadt die Freiheit wiedergegeben haben. Ich war damals 18 Jahre alt. Diese Tage, diese Freude werde ich nie vergessen.

So mag ich alles, was mit Berlin zu tun hat. Ganz besonders den „Himmel über Berlin“ mit dem wunderbaren Bruno Ganz. Unvergessen die Szenen auf dem damals leeren Potsdamer Platz, einer großen Brache direkt an der Mauer. Wim Wenders war für mich ein Kult-Regisseur. Ein Genie.

Wim Wenders nimmt Kinskis Anliegen nicht ernst

Der Autor
Matthias Reményi ist Professor für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Würzburg.

Umso mehr bin ich über seine Reaktion auf die Bitte von Nastassja Kinski erschrocken, aus einem Film von 1974 jene Szene rauszuschneiden, in der sie mit nacktem Oberkörper zu sehen ist. Sie war damals 13 Jahre alt. Wenders‘ Reaktion ähnelt einem Missbrauchsmuster, das setting-übergreifend gilt: Das Anliegen der Betroffenen wird nicht wirklich ernst genommen. Man verweist auf die anderen, die früheren Zeiten.

Doch das Charisma der Tatperson – in diesem Fall der Regisseur, der sich nicht um die Würde eines Kindes schert – bleibt ebenso unangetastet wie die Systemlogik in Kraft. Inklusive Schuldumkehr und Verantwortungsdiffusion: Würde er die Szene schneiden, so Wenders allen Ernstes, würde er einen „Präzedenzfall“ schaffen, der die Filmkunst insgesamt bedrohe. Das Publikum im Saal klatscht und feiert seinen Helden. Auch die Bystander kennen wir aus kirchlichen Kontexten gut.

Angebote gegen Machtmissbrauch

Es geht mir nicht um Whataboutism, um ein Ablenken von eigenen Verantwortlichkeiten. Ich will nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Jeder Missbrauch hat sein eigenes Gepräge: im Sport, in der Musik, im Film, in der Wissenschaft – und auch in der katholischen Kirche.

Aber es gibt setting-übergreifende Gemeinsamkeiten, parallele Systemlogiken. Wer gegen Machtmissbrauch aufstehen will, sollte die kennen. Darum können die Angebote, die die katholische Theologie in der letzten Zeit hier erarbeitet hat, auch setting-übergreifend dienlich sein. Beispielsweise ein Online-Tutorium der theologischen Fakultät in Regensburg, ein Schutzkonzept-Master der Fakultät in Bonn oder auch unser Würzburger Zertifikatsprogramm „Machtmissbrauch erkennen und verhindern“.

Ich wünschte sehr, wir lebten in einer Welt, in der es derlei Angebote nicht braucht. Aber solange das nicht der Fall ist, bin ich froh, dass es sie gibt.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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