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Gast-Kommentar von Heike Honauer zu Meinungsvielfalt und Diskussionskultur

Wir brauchen mehr Fragen statt Ausrufezeichen

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Müssen wir zu jeder noch so kleinen Nachricht unsere Meinung kundtun? Sei es im privaten Bereich unter Freunden oder ganz öffentlich in den sozialen Medien. Es kommt auf die richtigen Fragen an und nicht immer auf den nächsten Kommentar, um eine Debatte voranzutreiben, sagt Heike Honauer in ihrem Gast-Kommentar.

Kein Kommentar. Ein wichtiger Satz in Krimis oder Sportsendungen – wenn der zwielichtige Unternehmer den Fragen der Reporterin nach illegal Beschäftigten ausweicht oder die Sportlerin die Fragen der Journalisten zu Dopinggerüchten abwiegelt. Kein Kommentar! Ende der Debatte.

Kein Kommentar. Noch nicht mal ein Halbsatz. Stattdessen zwei Wörter, die verdecken und gleichzeitig offenlegen: die mühsam verdeckte Schuld, die ebenso mühsam zu belegende Unschuld, den Unglauben an eine faire Behandlung oder die Sprachlosigkeit angesichts von Entscheidungen, die ich nicht nachvollziehen kann.

Bremsklotz in einer aufgeheizten Diskussion

Die Autorin
Heike Honauer (56) ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) Diözesanverband Münster.

Schau ich auf die Meldungen der letzten Wochen, die Kommentare in sozialen Medien und höre Gespräche bei Spaziergängen und bei solchen, die es zu sein vorgeben, so wünsche ich mir, ich könnte das hin und wieder auch sagen: Atomkraftwerke mit Umwelt-Gütesiegel? Kein Kommentar. Geschlossene Grenzen für geflüchtete Menschen? Kein Kommentar. Endlose Verschwörungstheorien-Diskussionen? Kein Kommentar. Männer-Fußball-Weltmeisterschaft in Katar? Kein Kommentar. Kardinal Woelki wieder in Köln? Kein Kommentar. Trotz Vollzeit-Job zu wenig zum Leben? Kein Kommentar.

Ist das Resignation angesichts der Komplexität der Welt? Flucht davor, eine Meinung haben zu sollen? Oder doch ein Rest von Haltung? Ich bin trotzig genug, um zu sagen: Es könnte eine Haltung sein, die Dialog anstößt statt verweigert. Ich muss ganz sicher nicht alles kommentieren. Einen Kommentar zu verweigern, muss nicht das Ende der Auseinandersetzung bedeuten. Ich werfe einen Bremsklotz; in manch aufgeheizter Diskussion scheint mir das nicht das Schlechteste.

Ohne Fragen keine Demokratie

Wir brauchen mehr Fragen und Fragezeichen statt Kommentaren und Ausrufezeichen. Warum geschieht das? Wer profitiert? Was wäre anders möglich? Was müssen wir fordern? Was können wir tun? Hinterfragen, diskutieren, verwerfen, neu denken, verhandeln führt zu einer einvernehmlichen Lösung – dem Kompromiss in seiner besten Form. Sicher: Zu viele Fragen sind schwer auszuhalten, wo man doch dringend Lösungen sucht. Doch ohne Fragen gibt es selten passgenaue Lösungen. Ohne Fragen keine Demokratie. Wer fragt, resigniert nicht, schrieb der Journalist Heribert Prantl einmal. Bei Kommentaren wär ich mir da nicht so sicher.

Ich plädiere also in diesem Kommentar für eine kommentarlosere Welt? Sehr verwegen, ich weiß. Ich finde: Einen Versuch ist es wert.

Die Positionen der Gast-Kommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von „Kirche-und-Leben.de“ wider.

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