Was Pfarrer Ferdinand Kerstiens von dem großen Theologen gelernt hat

„Wir wollten Johann Baptist Metz politisches Handeln beibringen"

Man darf Ferdinand Kerstiens zurecht einen kritischen Zeitbeobachter nennen. Ein „Linker“ und „Reformer“ in der Kirche war der 85-jährige Priester schon immer. Zusammen mit dem damaligen münsterschen Studentenpfarrer Hans Werners, mit Walter Kasper, dem späteren Kurienkardinal in Rom, und anderen hat er 1969 die Gründungserklärung des Freckenhorster Kreises geschrieben.

„Wir wurden Teil der kirchenkritischen Gruppen, die sich 1968 und in den folgenden Jahren in den Diözesen bildeten, um die Rückbildung in des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verhindern“, sagt Kerstiens rückblickend.

Gründung des Freckenhorster Kreises

In guter Erinnerung geblieben sind ihm die Seminare und das Doktoranden-Kolloquium von Johann Baptist Metz, dem er drei Jahre angehörte. Kerstiens war 1968 sein erster Doktorand. Sein Thema: „Die Hoffnungsstruktur des Glaubens.“

Ferdinand Kerstiens.
Pfarrer Ferdinand Kerstiens aus Marl war der erste Doktorand von Johann Baptist Metz. Hier zeigt er seine Doktorarbeit und das Metz-Buch „Memoria Passionis“. | Foto: Johannes Bernard

Es war die Zeit des Aufbruchs in der Kirche und die Zeit der 68er Bewegung, die das Tradierte in Frage stellte. „Uns einte das Anliegen, in dieser Umbruchszeit verantwortliche Theologie zu entwickeln. Der Spruch ‚Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren‘ – das galt ja nicht nur für die Universität.“

Aufbrüche in der 68er-Bewegung

Kerstiens, der in jenen Jahren in der Studentenseelsorge mitwirkte und dann nach seiner Promotion Studentenpfarrer wurde, war sofort von der Theologie von Metz angetan, der 1963 als Professor für Fundamentaltheologie nach Münster kam. „Seine Sprache und seine Wortwahl waren anders als das, was wir bisher kannten“, sagt Kerstiens. „Metz begeisterte die Studentengemeinde.

Die Vorlesungssäle waren überfüllt, wenn Metz sprach.“ Theologie der Befreiung, Theologie der Revolution – allein diese Begriffe sorgten unter den Studenten und Dozenten für hitzige Diskussionen. Als Metz in dieser Zeit seine neue „Politische Theologie“ entwickelte, brodelte es auch im Doktorandenkreis, wo es hieß: „Wie bringen wir dem politischen Theologen Metz politisches Handeln bei?“

Hitzige Debatten unter Theologen

Kerstiens beteiligte sich in den 1970er Jahren an der Gründung der „Initiative Kirche von unten“, die die „Katholikentage von unten“ organisierte, da manche Themen und Referenten, wie Kerstiens sagt, bei den offiziellen Katholikentagen nicht erwünscht waren. Später beteiligte sich der Marler Pfarrer an der Gründung der Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“. Seit mehreren Jahrzehnten engagiert sich Kerstiens auch in  der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. „Das war meine Konkretisierung dessen, was ich während meiner Dissertation gelernt hatte, auch wenn mein Einsatz nicht immer unserem Baptist Metz gefiel.“

Kerstiens freut sich schon auf das Wiedersehen mit seinem Doktorvater bei der Festakademie im Franz-Hitze-Haus in Münster. 300 Gäste werden erwartet. Ein persönliches Zeitdokument als Geschenk hat der Marler, der immer kirchenpolitisch Handelnde, dabei. Was es sein wird, verrät er aber noch nicht.

Festakt zum 90. Geburtstag von Johann Baptist Metz in Münster
Am 15. September veranstaltet die Akademie Franz Hitze Haus in Münster einen Festakt mit dem Titel „Gott in Zeit – Die Gottesfrage als Grundfrage der politischen Theologie für die Gegenwart“ zu Ehren von Johann Baptist Metz, der am 5. August 90 Jahre alt wurde. – Eine ausführliche Würdigung von Johann Baptist Metz in der aktuellen Printausgabe von „Kirche+Leben“, die hier bestellt werden kann.