Was die „Stabsstelle Digitalisierung“ der Caritas Münster macht

WLAN im Altenheim? App für die Kita? – Caritas wird digital

Soweit er weiß, ist es die erste „Stabsstelle Digitalisierung“ bei einem lokalen Caritasverband in Deutschland. Nur die Arbeiterwohlfahrt in Potsdam habe ein ähnliches Konzept – „und natürlich einige Diözesan-Caritasverbände wie im Bistum Münster“, sagt Rüdiger Dreier. Zwei Jahre lang will der 40-Jährige beim Caritasverband für die Stadt Münster nach digitalen Zukunfts-Lösungen suchen – in Kindergärten, Altenheimen, bei den sozialen Diensten und in der Beratung.

Dreier ist kein IT-Spezialist. Er ist Sozialpädagoge, systemischer Familientherapeut und Mediator. Bis vor kurzem arbeitete er in der Caritas-Erziehungsberatung in einem Stadtteil von Münster. Nebenher engagiert er sich als „Papa-Blogger“: Auf der gemeinnützigen Plattform „www.elternleben.de“ verfasst er Fachartikel und arbeitet als Online-Berater. Apps, Smartphone und Tablet sind für den Vater zweier Kinder sein tägliches Werkzeug.

Die Homepage reicht nicht mehr aus 

Die neue Aufgabe sieht er darin, gemeinsam mit Führungskräften und Mitarbeitern auszuloten, wie die Digitalisierung in den unterschiedlichen Abteilungen des Stadtverbands umgesetzt werden kann. Es gehe um pädagogische Inhalte oder Themen der Altenpflege, in denen smarte  Lösungen Sinn machten. „Sie müssen ethisch passen und dem christlichen Menschenbild entsprechen“, sagt er. „Was analog gut funktioniert, soll analog bleiben.“





Das Smartphone ist auch beim Caritasverband Münster ein zentrales Arbeitsmittel. | Foto: Karin Weglage

So reicht nach Dreier die Homepage des Verbands als Informationsquelle längst nicht mehr aus. „Sie macht noch Sinn für Fachleute und Jugendämter, aber für Eltern ist sie ungeeignet.“ Warum? „Weil  sie wie ein Telefonbuch aufgebaut ist. Man muss sich zu viel durchklicken, um auf das gewünschte Angebot zu kommen.“ Eltern wollten schnelle Lösungen. 

Digitale Hilfe bei Elternfragen 

Ein Beispiel: „Was kann ich tun bei einem Schreikind?“ Antworten auf solche Elternfragen übten die Mitarbeiter der Erziehungsberatung gerade auf einem Blog. „Das ist noch ein Testballon“, sagt Dreier. Der Blog verlange kurze Texte, Info-Briefe, Angaben darüber, wer helfen kann. „Wichtig ist, dass wir von Eltern überhaupt digital gefunden werden.“ 

Dreier plant, alle Abteilungen der Caritas zu durchlaufen. Mit seiner halben Stelle ab Anfang Dezember steht er noch am Anfang. Eine seiner ersten Stationen ist das Kardinal-von-Galen-Stift zwischen Münsters Stadtteilen Gremmendorf und Angelmodde. In dem Altenwohnheim testen die Mitarbeiter zwei Monate lang ein digitales Pflegebett. „Es kann die Person wiegen und zeigt an, ob sie sich bewegt“, erklärt er. 

Das Pflegebett kann wiegen 

Wieviel ein Mensch wiegt, sei in der Altenarbeit wichtig, um rechtzeitig Maßnahmen zu treffen. Der Patient müsse dafür nicht mehr aus dem Bett geholt werden. Auch könne durch die Bewegungsanzeige ein Wundliegen vermieden werden. „Doch wieviel Kontrolle ist ethisch sinnvoll?“,  fragt er. 

Es gebe Bettmatten, die Atmung und Herzfrequenz messen könnten. „Was braucht  die Altenpflege wirklich? Was braucht der alte Mensch? Wie teuer ist so ein Bett? Wie anfällig ist es für Reparaturen? Was, wenn es einmal nicht funktionstüchtig ist?“ Das seien Fragen, die in der Einrichtung diskutiert würden. 

WLAN in allen Altenheimen? 

Anderes Beispiel: „Ein Berliner Start-up-Unternehmen bietet eine Sturz-App an“, erklärt Dreier. Dazu müsse eine Person mit dem Handy beim Gehen gefilmt werden. „Die App sagt dann voraus, wie hoch die Gefahr ist, dass sie stürzen wird.“ Mitarbeiter fragten sich angesichts solcher Apps zuweilen: „Ist das eine Arbeitserleichterung? Macht das meinen Beruf unattraktiv oder gar kaputt?“, sagt Dreier. 

Ein Angebot findet Dreier wichtig: „Wir müssen überall in den Altenheimen WLAN haben. Omas und Opas kommunizieren heute mit den Enkeln via Smartphone.“ WLAN, also der Anschluss an das digitale Netz, ermögliche die Teilnahme der Bewohner am Leben. Bei Neubauten sei es Standard, doch die älteren Einrichtungen hätten diesen Service in der Regel nicht. Es müsse nachgerüstet werden.

Experimente mit Messaging-Diensten

Das Kardinal-von-Galen-Stift jedenfalls plane dies. Zudem sei der Einsatz von Reality-Brillen, die demenziell erkrankten Menschen Bilder aus ihrer Kindheit vorspielen können, eine weitere Idee. „Manches probieren wir in einer Einrichtung aus und überlegen dann: Ist das auch auf andere Einrichtungen übertragbar? Von 100 Ideen klappen vielleicht 20. Manches wird nach der Testphase wieder eingestampft“, erläutert Dreier. 

Ein weiteres Experimentier-Feld ist die Sozialpädagogische Familienhilfe, deren Mitarbeiterinnen Familien in Belastungs-Situationen bei der Erziehungs- und Hausarbeit unterstützen. Alle hätten Handys, da sie ständig unterwegs seien. Da könne eine bessere Vernetzung sinnvoll sein. „Doch wir dürfen aus Datenschutzgründen Messaging-Dienste wie WhatsApp nicht nutzen. Sie sind nicht sicher.“ Infrage kämen nur datenschutzkonforme Dienste wie Hoocer, Treema oder Sims-me, die aber eine weniger große Verbreitung hätten. „Die testen wir.“

App soll Kommunikation in der Kita erleichtern

Drei Monate lang sollen zudem Erzieherinnen und Erzieher in einer Kita mit der datenschutzsicheren „Care-App“ experimentieren. Statt Eltern über Zettel und Telefonate zu informieren, sollen sie die App nutzen: „Etwa: ‚Morgen gehen wir in den Wald. Bitte denken Sie an Gummistiefel für Ihr Kind.‘ Und auch Eltern können schnell schreiben, dass ihr Kind krank ist und nicht kommt“, so Dreier.  

Eine Online-Beratung zu 15 sozialen Themen – etwa Sucht und Erziehung – biete die Caritas deutschlandweit seit über zehn Jahren an. Wenn der Ratsuchende seine Postleitzahl eingibt, kann er mit einer Caritasstelle in seiner Nähe Kontakt aufnehmen. Die Fragen sei nun: „Wie bewerben wir das besser? Wie werden die Texte besser?“ 

Digitale Strategie bis 2025

Auch für die Erziehungsberatung eröffneten sich Möglichkeiten. Etwa wenn bei „hochstrittigen Paaren“  ein vom Gericht angeordneter begleiteter Umgang von Mutter, Vater und Kind notwendig ist. Bisher müsse immer ein Begleiter bei den Gesprächen dabei sein, wenn etwa ein Vater sein Kind nach fünf Jahren wiedersehen darf. „Doch was, wenn er in München lebt, das Kind aber in Münster?“ Hier sei eine Lösung über Video zwischen zwei Beratungsstellen möglich.

Am Ende der zwei Jahre soll eine digitale Strategie für den Stadtcaritasverband vorliegen. Bis 2025. „Länger nicht, im Bereich der Digitalisierung verändert sich alles ständig“, sagt Dreier.