Sommerserie "Geheimnisvolle Orte im Bistum" - Teil 2

Wo "Schwienetüns" zuhause ist

Das ist eine Menge Sandstein, der hier in dem satten Grün der münsterländischen Parklandschaft leuchtet. Im Haus Havixbeck ist viel von dem Rohstoff aus den benachbarten Baumbergen verbaut: im Herrenhaus mit herrschaftlicher Freitreppe, in den ehemaligen Stallungen, in Speichern und Gesindehäusern. U-förmig angeordnet öffnet sich das Anwesen nach Süden. Ein Torhaus, eine Gräfte, ein Brücke, davor die landwirtschaftlichen Gebäude – so kennt man es von den Freiherren, die in vergangenen Zeiten in Westfalen ihr Zuhause hatten.

Auch Kapellen gehörten immer dazu. Der westfälische Landadel war im Glauben fest verwurzelt. Die Familie von Twickel sowieso, die die Wasserburg seit 1601 ihr Eigen nennt. Weihbischöfe gingen aus der Familie hervor, Priester, Ordensfrauen und Domkapitulare. Einer von ihnen war der 2013 verstorbene Weihbischof Max Georg Freiherr von Twickel, Weihbischof im Bistum Münster und Bischöflicher Offizial in Vechta – ein Onkel des heutigen Barons in Havixbeck.

Anwesen mit drei Kapellen

Vielleicht gehören aufgrund dieser reichen Glaubensgeschichte gleich drei Kapellen zum Anwesen: die Marienkapelle im benachbarten Dorf Havixbeck, die Feldkapelle direkt hinter der Toreinfahrt und die Hauskapelle im nördlichen Gebäudeflügel. Die ist dem heiligen Antonius geweiht. Nicht dem von Padua, wie Heimatforscher Friedhelm Brockhausen betont: "Natürlich dem Schwienetüns." Jenem heiligen Abt Antonius, Patron der Pestopfer und Schweine, der besonders bei der Landbevölkerung große Verehrung findet. "Mit dem konnte der Landadel mehr anfangen!"

Ländlich-rustikal ist es aber nicht, was sich hinter der Holztür der Kapelle verbirgt. Eher überraschend: Barockes erstrahlt im Licht der großen Fenster. Das ist untypisch, gerade für die Epoche, in der die Kapelle entstand – 1881 war die Zeit der Neugotik. So war die Kapelle zu Beginn auch ausgestattet. Was sich aber in den 1960er Jahren ändern sollte. Auf dem Gelände von Haus Lüttinghof bei Polsum war die barocke Kapelle von den Hohlräumen des Bergbaus bedroht. Das Inventar wurde nach Havixbeck gebracht und ersetzte den neugotischen Vorgänger.

Nicht alles barock

"Heute käme keiner auf eine solche Idee", sagt Brockhausen. Als Vorsitzender des Heimatvereins Havixbeck hat er sich in die Geschichte des Adelssitzes eingearbeitet. "Aber damals galt das Neugotische nicht als besonders schick – barock hingegen war angesagt und wertvoll." So musste der eine Hochalter dem anderen weichen, wenngleich die Kapelle erst kurz zuvor renoviert worden war. Im Jahr 1952, extra für die Primiz des Neupriesters Max Georg Freiherr von Twickel, dem späteren Weihbischof.

Doch auch heute ist nicht alles barock. Die Kapelle mit Durchgang zum Herrenhaus gleicht vielmehr einer Sammlung von Heiligenfiguren aus einzelnen Epochen und Stilrichtungen. Auffällig häufig: der Schwienetüns, meist aus Eichenholz geschnitzt mit westfälisch, herbem Gesichtsausdruck. Bei allen Ornamenten und glänzenden Verzierungen – ein wenig rustikal ist es geblieben.

Kreuzweg mit Geschichte

Besonderheiten und Geschichten kennt Brockhausen viele. Eine hat es ihm besonders angetan: Die des Kreuzwegs aus Sandstein, entstanden in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. "Den hat der damalige Hausherr während der Herrschaft der Wiedertäufer in Münster wahrscheinlich verstecken wollen", sagt Brockhausen. "Wir gehen davon aus, dass er sie deshalb umgekehrt in die Wände der Burg eingemauert hat." Mit dem Ergebnis, dass die einzelnen Darstellungen erst bei Umbauten nach und nach wieder auftauchten.

Zuletzt geschah das bei Sanierungsarbeiten im Jahr 1990. Komplett ist der Kreuzweg aber bis heute noch nicht. "Zehn Stationen haben wir bislang", erklärt er. "Wir gehen aber von über 20 aus, weil damals die Zahl der Stationen noch nicht festgelegt war."

Auch wenn es der Blick durch die Kapelle vermuten lässt – sie ist kein Museum. Einmal im Monat, immer am ersten Montag, wird hier um acht Uhr die Frühmesse gefeiert. "Regelmäßig und öffentlich, sonst würde sie den Status einer Kapelle verlieren", erklärt Brockhausen. Die Familie des Barons kommt, die Mitarbeiter und einige Nachbarn. "Eine kleine Gemeinde, die eng beieinander sitzt", sagt er. Das muss sie, viel Platz ist in den drei Bänken nicht. Die sind übrigens weder barock, noch neugotisch. Die sind wieder rustikal – aus Eichenholz.