Theologe Lutterbach über den Trend zur Inszenierung der Liebe

Woher kommt der Brauch der Liebes-Schlösser?

Seit Jahren gibt es unter Paaren den Brauch, als Zeichen ihrer unverbrüchlichen Liebe ein Metallschloss an eine Brücke zu hängen. Den Schlüssel werfen die Liebenden anschließend in den Fluss. In Köln ist die Hohenzollernbrücke über den Rhein mit Tausenden solcher Schlösser behängt. „Ein Student von mir hat ausgerechnet, dass sie das Gewicht von vier beladenen Lkw haben – inklusive Zug und Hänger“, sagt Hubertus Lutterbach. 

Er ist Professor für Christentums- und Kulturgeschichte an der Universität Duisburg-Essen. Lutterbach beschäftigt sich unter anderem mit modernen Liebesbräuchen und sucht nach ihren Ursprüngen in der Geschichte. Vor Zuhörern in der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle in Münster stellte er das Thema vor.

Liebensschwur an religiösen Orten

Die „Schlösser der Liebe“ sind inzwischen ein weltweites Phänomen und selbst in Australien zu finden. Interessant findet der Kultur-Theologe, dass sie vielfach an religiösen Orten installiert sind. „Die Hohenzollernbrücke führt direkt auf die Mittelachse des Kölner Doms zu“, macht der Kultur-Theologe an einem Foto deutlich. „Die Loschwitzer Brücke in Dresden ist am Ende des Zweiten Weltkriegs durch Christen vor der Sprengung bewahrt worden. Es sind sinnstiftende Orte, an denen die Menschen ihre Schlösser anbringen.“

Das Schloss sei folglich kein profaner Ein-Euro-Artikel, sondern werde bewusst als Zeichen eingesetzt, um die gemeinsame Liebe öffentlich zu machen. Oft stehen die Namen der Verliebten und das Datum des Treueschwurs auf darauf.

Die Mystik um die Liebes-Schlösser

Hubertus Lutterbach ist katholischer Theologe und Professor für Christentums- und Kulturgeschichte. | Foto: Karin Weglage
Hubertus Lutterbach ist katholischer Theologe und Professor für Christentums- und Kulturgeschichte. | Foto: Karin Weglage

Ohne dass es heutige Paare womöglich ahnten, sei der moderne Brauch verwurzelt in der christlich-mittelalterlichen Mystik und Literatur. „Das Schloss steht für die geistige Verbindung zweier Menschen, die sich die Liebe versprechen.“ Der Kultur-Theologe zitiert ein mittelhochdeutsches Minne-Gedicht, in dem das Symbol schon vor rund 900 Jahren gebräuchlich war. Darin heißt es sinngemäß: „... du bist beschlossen im Herzen ... verloren ist das Schlüsselchen“.

Der Ursprung der Liebes-Schlösser liegt vermutlich in Italien. Kadetten einer Sanitätsakademie sollen in Florenz ihre Spind-Schlüssel in den Fluss geworfen haben, um das Ende ihrer Dienstzeit zu feiern. Sofort hätten Liebespaare die Idee aufgegriffen, sagt Lutterbach, und auf der Milvischen Brücke in Rom ihre Schlüssel in den Tiber geworfen.

Skepsis gegenüber Institutionen

Mit den Schlössern in Herz- oder Kastenform verfolgten heutige Paare mehr oder wenig bewusst drei zeitgeistige Trends, die seit den 1960er Jahren eine gewichtige Rolle spielen: den Trend zur Individualisierung, die Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit und die Skepsis gegenüber Institutionen – etwa der Kirche.

Versprach man sich einst die Liebe in der Kirche, vollziehe das Paar dies nun selbst – ohne institutionellen Segen. Das Aufhängen der Schlösser sei eine Form der „öffentlichen Selbst­inszenierung“, verbunden mit dem Wunsch, dass andere es mitbekommen.

Hochzeit im U-Boot

Die preiswerten Liebesschlösser sind laut Lutterbach vor allem etwas für Normalverbraucher. Unter Reichen oder Prominenten etablieren sich neuerdings teure Event-Hochzeiten.

Man heiratet etwa in einer schwedischen Eiskirche mit Eis-Altar und erlebt die Hochzeitsnacht im Eishotel. Oder vermählt sich in einem Unterseeboot, wobei der Kapitän den Ritus vollzieht. Auch eine Hochzeit im Flugzeug ist möglich, wobei der Pilot mit 15 und mehr Parabelflügen den Brautleuten das Gefühl der Schwerelosigkeit vermittelt.

Slackline-Profis heirateten 2017 in luftiger Höhe über einer tiefen Schlucht. Auch Wildnis-Hochzeiten in einem Camp um ein Wasserloch, zu dem nachts die Elefanten kommen, werden im Programm mancher Veranstalter angeboten.

Heirat mit dem Flug-Kapitän

Solchen Hochzeiten sei gemeinsam, dass die Brautleute nicht mehr mit Verwandten, Freunden und Bekannten feiern, sondern mit Flug- oder U-Boot-Kapitänen, Fotografen und Service-Personal. Ein Pfarrer sei nicht mehr vonnöten.

Die Hochzeit wird schriftlich, filmisch und fotografisch dokumentiert, sodass sie später  Freunde und die Familie nacherleben können. Event-Feiern seien höchst individuell und doch mit der uralten Sehnsucht verbunden, die Liebe fürs Leben gefunden zu haben, sagt Lutterbach.