Caritas Geldern macht auf Wohnungsnot aufmerksam

Wohnraum fehlt auch auf dem Land

Nora Grofe-Baier steht vor dem Wohnbarometer auf dem Gelderner Marktplatz und soll auf die Frage antworten, wie sie den Wohnungsmarkt in der nieder­rheinischen Stadt einschätzt. „Schwierig“, meint sie und wirft einen Ball in die dafür vorgesehene Säule. Dieser Einschätzung haben sich schon viele Besucher des Caritas-Standes angeschlossen.

Oft liest die 34-jährige Sozialpädagogin in den „Sozialen Medien“, dass Menschen große Probleme haben, eine entsprechend große und bezahlbare Wohnung zu finden. Sie selbst ist mit ihrer Familie von Düsseldorf in ein Haus nach Aldekerk gezogen, weil sie sich das leisten konnten.

Wohnung vermittelt Sicherheit

Die 82-jährige Regis Maria Bludau aus Geldern hat nach dem Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena ebenfalls den Stand besucht. Sie ist in einer achtköpfigen Familie groß geworden und weiß, wie wichtig ein Zuhause ist. Gerade im Alter, sagt sie, brauche man eigene vier Wände. Das vermittele doch Sicherheit. Am Morgen hat sie noch in einer regionalen Tageszeitung gelesen, dass Frauen immer häufiger von Obdachlosigkeit bedroht seien. Das ist für sie eine furchtbare Vorstellung. Umso besser, dass es die Aktion auf dem Marktplatz gebe.

Das Thema Wohnungssuche gehöre zu den Megathemen unserer Zeit, sagt Tobias Kleinebrahm, Pressesprecher des Caritasverbandes Geldern-Kevelaer. Und betreffe nicht nur die Menschen in der Großstadt, sondern immer mehr auch die Einwohner auf dem Land.

Suche ist oft aussichtslos

Und: Von dem Problem seien nicht nur sozial benachteiligte Gruppen in der Gesellschaft betroffen. „Selbst Menschen mit mittleren Einkommen müssen immer mehr ihres Haushaltsbudgets fürs Wohnen ausgeben“, erläutert er. Gerade für Familien mit vielen Kindern sei es schwieriger geworden, geeigneten, bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Fast jeden bewege heute das Thema bezahlbarer Wohnraum, erläutert Caritas-Mitarbeiter Ernst Heien, nachdem er mehrere Gespräche mit Passanten auf dem Markt geführt hat. Wenn es einen nicht selbst berühre, kenne man jemanden in der Familie oder im Freundeskreis, der auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung ist.

Abstimmung an der Meinungssäule

„Allein bei uns in der Sozialberatung treffen wir pro Woche zwei bis drei Klienten, die seit Monaten – manchmal sogar seit Jahren – keine passende Wohnung mehr finden“, sagte Caritas-Mitarbeiter Thomas Bartels. Für Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen, die aus der Haft entlassen wurden, sei die Wohnungssuche manchmal aussichtslos.

Nesrin Omar lebt seit vier Jahren in Walbeck (Geldern). Sie hat nach ihrer Flucht aus Syrien lange nach einer Wohnung gesucht. Erst als sie einen Job hatte und die Wohnung finanzieren konnte, hatte sie bei der Suche Erfolg. Die 40-Jährige arbeitet im städtischen Jugendamt. Gerade nach den furchtbaren Ereignissen in ihrer Heimat und ihrer Flucht ist es ihr wichtig, auch in Deutschland ein sicheres Zuhause zu haben.

Tipp für alle Wohnungssuchenden

Abhilfe zu schaffen, fällt schwer, auch wenn das Thema mittlerweile auf der politischen Agenda im Kreis Kleve angekommen. Kurzfristige Lösungen scheinen aber noch nicht in Sicht. „Auch auf politischer Ebene sind wir im Gespräch“, sagte Caritas-Vorstand Andreas Becker. „Natürlich kann die Politik auch nur begrenzten Einfluss auf den Wohnungsmarkt ausüben. Gerade deshalb versuchen wir, möglichst viele Akteure mit einzubeziehen, um Lösungen zu erarbeiten. Denn Wohnungsnot ist gesamtgesellschaftliches Problem, das haben wir heute im Gespräch mit den Bürger erneut erlebt.“

Anhand von Abstimmungssäulen konnten die Bürger beispielsweise ihre Meinung zur Situation auf dem Wohnungsmarkt abgeben. Den mit Abstand meisten Zuspruch erhielt dabei die Säule mit der Aufschrift „schwierig“. Eine Passantin aber hatte sogar einen Tipp für alle Wohnungssuchenden parat: „Schauen Sie sich auch in den umliegenden Dörfern um. Da findet man mit etwas Glück noch eine Wohnung, und die Infrastruktur dort ist auch noch besser, als viele denken.“