Dombauhütte geht mit Spitzentechnologie auf Ursachenforschung

Xantener Dom hat ein Schimmel-Problem – Kunstschätze bedroht

Johannes Schubert ist in seinem Element. Der Leiter der Xantener Dombauhütte ist ein Technikfreak. Und er liebt es, „seinen Dom“ mit modernen technischen Mitteln zu erhalten. So hat Schubert beispielsweise die Restaurierung der wertvollen mittelalterlichen Kirchenfenster und die Instandsetzung der Strebepfeiler an der Außenwand des Chores mit neuartigen Verfahren bewerkstelligt.

Unter seiner Leitung wirdzurzeit ein neues Pilotprojekt installiert, das die Ursachen für den Schimmelpilzbefall erforscht. Denn Pilze gefährden die wertvolle sakrale Kunst und die Substanz des Gebäudes. „Bisher hatten wir zu wenige Parameter, um wirkungsvoll gegen die Pilze vorgehen zu können. Mit Hilfe des neuen Projektes können wir die klimatische Situation im Dom erforschen und die Sporen bestenfalls verhindern.“

50 Sensoren im Dom verteilt

Im September erreichte den Chef der Dombauhütte die Nachricht, dass die Bundesbeauftragte für Kultur wieder ein Förderprogramm auflegte. Schubert reagierte schnell. Für den Dombauverein stellte er einen Antrag, um sich die finanzielle Hilfe des Bundes zu sichern. „Die Altäre sind unterschiedlich betroffen“, beschreibt er die Situation. „Zum Teil haben sich auch Malereien gelöst und Farbschichten abgehoben.“ Staub, der sich mit der Feuchtigkeit verbindet, ist nach Schubert der beste Nährboden für das Gedeihen der Schimmelpilze.

50 Sensoren werden im Kirchenschiff des Domes die Bedingungen unterschiedlicher Parameter erforschen, unter denen der für die Kunstschätze so gefährliche Schimmelpilz entsteht. Doch diese Sensoren können viel mehr.

Innenklima im Dom verbessern

An zahlreichen Altären, die teilweise aus dem 15. Jahrhundert stammen, ist starker Pilzbefall entdeckt worden. | Foto: Armin Fischer
An zahlreichen Altären, die teilweise aus dem 15. Jahrhundert stammen, ist starker Pilzbefall entdeckt worden. | Foto: Armin Fischer

„Wir starten ein Messprojekt, das bereits vor vier Jahren auf den Weg gebracht wurde“, erläutert Schubert. Ursprünglich habe man das Projekt für den Xantener Dom entwickeln lassen, um Einsparpotienziale zu ermitteln, zum Beispiel im Energiebereich. „Wir wollten aber auch das Innenklima verbessern, um dem Schimmelpilz vorzubeugen“, sagt er. Gleichbleibendes Klima sei notwendig. Der ständige Wechsel von hohen und tiefen Temperaturen richte im Dom großen Schaden an.

Der Chef der Dombauhütte und sein Team suchten Methoden, um die Phänomene, die für die klimatischen Bedingungen in einem großen Baudenkmal verantwortlich sind, zu verstehen. Man könne die klimatischen Verhältnisse in einem gotischen Dom nicht mit denen in einem Einfamilienhaus vergleichen, sagt Schubert. Für ein solches Haus gibt es nach seiner Erfahrung aufgrund jahrelanger Messungen entsprechende Richtlinien über richtiges Heizen, Lüften und Wärmedämmung. Baudenkmäler habe man bei den Messungen lange Zeit außen vor gelassen. „Man kann nicht einfach mehr heizen und die Fenster öffnen wie zu Hause“, sagt Schubert. Das sei sogar gefährlich. Dann würden durch mehr Strömung und Luftbewegung die Sporen und die Feuchtigkeit besser in dem Kirchenraum transportiert.

Grenzüberschreitendes Projekt

Viele Partner sind an Bord: Mit der Xantener Dombauhütte und unterstützt von dem Institut ISAVE der Hochschule Düsseldorf misst das Unternehmen Smart Solutions Technology aus Rheinberg mittels moderner Mikrosensorik Parameter wie Temperatur, Feuchte, Luftströmung, Feinstaub, Vibration und Gase. Nach und nach werden die Sensoren installiert, die diese Messung zeitgleich vornehmen. Das von der Euregio Interreg geförderte grenzüberschreitende Projekt überwacht diese Daten auch in der gotischen Saalkirche im niederländischen Doetinchem.

Die Hochschule Düsseldorf simuliert die oben genannten Parameter. „Von unserer Seite liegt die technische Bedeutung des Projektes jedoch darin, dass erstmal eine hohe Anzahl an Sensoren mit einer engen Taktzeit umfangreiche Daten bezüglich des Domklimas liefern, welche wir durch unsere Simulationen partiell validieren können“, sagt Till Biedermann von der Hochschule.

Mikrobakterieller Befall nimmt zu

„Sobald das Modell zuverlässig läuft und hinreichend detailreich den Dom abbildet, können hier auch ohne weiteres Modifikationen wie zum Beispiel alternative Lüftungs- und Wärmekonzepte erarbeitet werden. Auch eine Simulation künftig stattfindender Großereignisse und Wetterlagen und deren Auswirkungen wären möglich.“

Auch für Andrea Pufke, oberste Denkmalschützerin im Rheinland, ist dieses Projekt ein Glücksfall. „Seit einigen Jahren nehmen die Meldungen über mikrobiellen Befall in Kirchenräumen enorm zu, vor allem Orgeln und Kirchenbänke, aber auch Kunstwerke wie Altäre, Skulpturen und Gemälde sind betroffen“, beschreibt die Landeskonservatorin des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) die Situation.

Ursachen sind vielschichtig

Die Gründe für den Anstieg des sogenannten Schimmelbefalls sind komplex und vielschichtig. Aus Erfahrung weiß Pufke, dass sich gleich mehrere Forschungsvorhaben und -Projekte in ganz Deutschland dieser Problematik widmen.

„Um die Prozesse besser zu verstehen, müssen die Gebäude bauphysikalisch und raumklimatisch sehr differenziert in den Blick genommen werden. Wir begrüßen es deshalb, dass der leider auch mit der Problematik konfrontierte Xantener Dom nun messtechnisch unter die Lupe genommen wird“, sagt sie. Die Denkmalpflege erhofft sich nach den Worten Pufkes durch den Einsatz der modernen Technik neue Erkenntnisse, die sich im Idealfall auch auf weitere Kirchbauten übertragen lassen.