Nach 60 Jahren verlässt der Steyler Ordenspriester die Bühne

Zauberpater Hermann Bickel geht in den Ruhestand

Seit mehr als 30 Jahren begeistert Hermann Bickel die Erstkommunionkinder in Schapen bei Rheine mit seiner Zauberkunst. Und nicht nur sie: In unzähligen Fernsehauftritten verzauberte der Steyler Pater Moderatoren wie Frank Elstner, Hape Kerkeling oder Jörg Pilawa und deren Zuschauer gleichermaßen.

Mittlerweile ist sein markanter Spruch „Himmel-Hummel-Schimmel-Schummel - dreimal schwarzer Pater“ nicht mehr ganz so oft zu hören. Jetzt, mit bald 81 Jahren im April, will Pater Hermann Bickel ganz aufhören: „Es sind gemischte Gefühle. Zum einen freue ich mich, dass die Schlepperei mit den Zaubersachen aufhört.“ Das war zum Schluss ein wahrer Akt, denn zu dem Zauber-Zubehör gehörten mehrere Koffer, Decken und ein Klapptisch. Längere Fahrten setzten der Gesundheit des 80-Jährigen zu: „Zum anderen ist es natürlich immer schade, wenn man nach einem solchen erfolgreichen Bühnenleben zurücktritt. Ich möchte es aber lieber selbst entscheiden, bevor der Arzt sagt, es geht nicht mehr. Oder man mich mit dem Lasso von der Bühne zerren muss“, sagt Bickel ganz nüchtern durchs Telefon an seinem Altersruhesitz im Missionshaus St. Wendel im Saarland.

Schmerz als Auslöser

So schmerzhaft der Abschied von seinem großen Hobby sein mag, so schließt sich doch der Kreis, denn Schmerz war ein Grund, warum Bickel überhaupt mit dem Zaubern anfing. Geboren am 27. April 1938 in Rheine-Mesum, trat er 1957 nach dem Abitur in das Ordens-Noviziat der Steyler Missionare bei Bonn ein. 1960 erkrankte der damals 22-jährige Student schwer: „Ich litt an Darmbluten und konnte nachts nicht schlafen. Da brachte mir ein Mitschüler ein Buch mit Zaubertricks. Das habe ich fömlich verschlungen, und von da an ging es mir besser.“

Pater Bickel.
Die Anfänge. | Foto: Kirche+Leben Archiv

1965, noch vor der Priesterweihe am 18. Dezember, wurde er in den „Magischen Zirkel Deutschlands“ aufgenommen, quasi dem Berufsverband von Zauberkünstlern, Illusionisten und Unterhaltern. Was die Ordens-Oberen dazu sagten? Erstmal nicht viel, denn für Pater Bickel war klar: „ Für mich war es nie der Weg, Glauben durch Zauberei zu verkünden.“

Vorbild Heinz Erhardt

Dabei gebe es durchaus Parallelen: „Im Deutschen ist der Begriff Magie eher negativ behaftet. Man denke nur an die schwarze Magie. Ich mache bunte Magie – als Freudensspender“, sagte der Ordenspriester einmal in einem Interview. Sich selbst sieht er in erster Linie als Priester und Missionar, in zweiter Linie als Unterhaltungskünstler oder Sprachzauberer. Heinz Erhardt war sein großes Vorbild: „1957 fragte uns der Novizenmeister nach unseren Lieblingsheiligen. Ich nannte den „heiligen Heinz Erhardt“. „Heilig?“, fragte er stirnrunzelnd zurück und ich sagte: „Leider noch nicht.“ Ich habe dann den heiligen Don Bosco und Franz Sales aufgezählt, und er meinte: „Die sind alle beide sehr lustig.“ Da sagte ich: „Ja, mit denen kann ich was anfangen.“

„Schimmel-Pater“: Den Spitznamen hatte Bickel weg, seitdem er in den 70er Jahren von einem Arzt eine eher ungewöhnliche Gesundheitskur verschrieben bekam: Der empfahl ihm, verschimmeltes Brot zu verzehren, denn das sei Penicillin in Reinkultur: „Geholfen hat es mir nicht, aber der Name ist geblieben!“

Abbruch der Promotion

Seine Promotion musste Bickel aus gesundheitlichen Gründen abbrechen, aber er stellte sich seinem Orden zur Verfügung, auch wenn er nicht im Ausland als Missionar tätig sein konnte: „Das war eigentlich immer mein großer Traum  gewesen, ins Ausland, zum Beispiel Afrika oder Asien zu gehen, und dort Gottes frohe Botschaft zu verkünden.“
Loslassen können von seinem Traum, dabei hat ihm sein magisches Hobby geholfen. So wurde Bickel eben ein „Missio-Narr“, wie eine Zeitung einmal titelte. „Soweit sind die Begriffe  gar nicht auseinander – in beiden geht es um die Freude, die frohe Botschaft“, findet Pater Bickel.

Auftritt Pater Bickel 2012
Auftritt beim Klosterfest St. Augustin 2012. | Foto: Steyler Medien

Für seine Auftritte, teilweise bis zu 140 mal im Jahr, erhielt er Spenden, die vielen Projekten der Steyler zugute kamen. Der Orden erhält keine Kirchensteuermittel: „Das haben die Oberen wohlwollend gesehen. Der Schimmel-Pater verbreitet Freude, er macht uns als Steyler-Missionare bekannt und bekommt auch noch Geld dafür“, fasst Bickel mit einem Lachen zusammen. Die letzten Jahre unterstützte Bickel vor allem das Projekt von Mitbruder Heinz Kulüke auf den Philippinen, der bis 2018 Generalsuperior der Steyler Missionare war.

Unterstützung für die Philippinen

Kulüke gründete mit einem philippinischen Mitbruder die Nichtregierungsorganisation „JPIC-IDC“ („Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung), die sich für Bildungsangebote für die Ärmsten der Armen auf den Mülldeponien von Cebu einsetzt.
Eine weitere, prägende Zeit war für Pater Bickel ab 1977 sein Einsatz am Arnold-Janssen-Gymnasium in Neuenkirchen bei Rheine. Nirgendwo verbrachte er mehr Zeit als hier. Schon als Schüler hatte er hier die Schulbank gedrückt. Als Religionslehrer kehrte er gerne zurück: „Das war mir immer ein Anliegen, jungen Menschen einen Lebenssinn im Glauben aufzuweisen, durch wissenschaftlich begründete Auseinandersetzung mit Lebensfragen.“ Auch Weihbischof Christoph Hegge gehörte zu seinen Schülern.

Einziger Steyler Pater im Schuldienst

Ab 1994 bis 2002 war er der letzte und einzige Steyler Pater im Schuldienst. Nach seiner Pensionierung half er bis zum endgültigen Weggang der Steyler Missionare aus St. Arnold 2008 in der Seelsorge aus: „Ich habe sicherlich eine Schrankwand voller Schulgottesdienste hinterlassen.“ Das gute Verhältnis zum Kollegium und zur Schülerschaft trägt ihn bis heute: „Es rufen immer mal wieder ehemalige Schüler an, wir duzen uns dann, oder ich bekomme Briefe“, berichtet Bickel. Bestimmt 50 Kinder aus dem Kollegium habe er getauft.

Schule als Gemeinde

Im Nachhinein sagt er: „Die Schulgemeinschaft in St. Arnold – das war meine Gemeinde.“ Nach Ostern feiert er eine Trauung in Sögel, nicht unweit der Heimat seiner Mutter: „Das ist auch noch ein Hobby von mir, Heimatgeschichte.“ In emsländischen Surwold bei Papenburg und in Rheine verbrachte er als Kriegswaise mit seinen Geschwistern und seiner Mutter einige Jahre, bevor sie erneut heiratete.
Bickel hat der Kontakt zu seiner Heimat, wie er das Münsterland nennt, nie verloren, seine Halbschwester lebt noch hier. Nach wie vor erfreut sich Hermann Bickel an plattdeutschen Dönkes und Gedichten.

Pater Bickels letzten Auftritte:
29. April: Erstkommunionkinder, Schapen und Lünne
10. Juni: Pfingstival Kloster Bardel, Emsland
15.+16. Juni: Klosterfest St. Augustin, Rheinland

Überhaupt, die Sprache: Sprüche und Wortverdreher waren die Essenz vieler seiner Shows: „Ich kann über die Kirche witzeln, weil ich selber einer davon bin. Ich kann auch Witze über Lehrer machen, weil ich selber einer war. Als Priester habe ich die Frohe Botschaft weiterzutragen, das ist mein Lebenselixier.“

Als Konzilstheologe enttäuscht

Bei allem Optimismus, der ihn sein Leben lang begleitet hat: „Ich bin Konzilstheologe, wie ich immer sage. Mit dieser Hoffnung bin ich in meine Aufgabe als Priester gegangen. Davon hat sich vieles nicht erfüllt.“ Die aktuelle, selbstverschuldete Krise macht ihn überaus traurig. Sie sei nicht von außen, sondern von Verbrechern aus dem Inneren der Kirche entstanden: „Ob wir uns davon lösen können, wage ich zu bezweifeln.“
Ein Bild, das ihm hilft, damit umzugehen: „Mit Lob auf der einen Schulter und Leid auf der anderen gehe ich zum Herrgott und das werfe ich ihm vor die Füße.“ So fühle er sich wieder federleicht.