SPIRITUALITÄT

Chronisch spät dran

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Besonders in Deutschland fahren Züge häufig nicht nach Plan. Was sich aus diesen oft ärgerlichen Situationen lernen lässt, erklärt Aaron Dörstel. 

„Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“, so Joseph Beuys 1984 im „Spiegel“. Knapp über 40 Jahre später bleiben jene Mysterien zeitlos: Wann der Zug kommt, weiß niemand. Irgendwie, irgendwo, irgendwann – Nena war 1984 vielleicht schon zeitloser. Am Gleis wird gewartet und gehofft, Menschen fallen einander in die Arme oder winken ein letztes Mal. Und über allem entschuldigt sich eine Stimme für die Unannehmlichkeiten.

Ich fahre gerne Bahn. Ich mag sogar Bahnhöfe, an denen niemand bleiben will und trotzdem alles passiert. Leider gilt Letzteres auch für die Fahrt selbst, denn an schlechten Tagen ähnelt Bahnfahren einem Survival-Horror-Game: Das Ziel steht fest, der Weg dorthin ändert sich fortlaufend, der DB-Navigator widerspricht der automatisierten Lautsprecherdurchsage. Der Endboss heißt: „Anschluss voraussichtlich nicht erreichbar“. Man entwickelt Überlebenstaktiken: nie ohne Umstiegspuffer buchen, nie übermütig werden, nur weil die ersten zwei Stationen planmäßig lagen.

Pünktliche Schweiz

Der Autor:
Aaron Dörstel arbeitet seit 2025 als Referent für Hochschulpastoral im Bistum Aachen und wirkt auf Instagram beim Sinnfluencing-Projekt @icheinsam.wirgemeinsam mit.

In der Schweiz gilt ein Zug schon nach drei Minuten als verspätet; trotzdem waren dort 2025 rund 94 Prozent pünktlich. In Deutschland kamen 2025 circa 60 Prozent der Fernzüge pünktlich an, trotz – oder vielleicht auch wegen – eines quantitativen cum tempores von bis zu sechs Minuten. Ausgefallene Züge zählt die DB-Statistik übrigens nicht mit – die schlechte Zahl ist also die geschönte.

Über das Chaos lässt sich so lange lachen, bis aus Verspätung „zu spät“ wird: für die Prüfung, das Bewerbungsgespräch, für jemanden, der nicht länger warten kann. Wer ein Auto hat, Geld für ein Taxi oder direkt den Flieger nimmt, weicht aus. Wer auf Bus und Bahn angewiesen ist, hat Pech. Die Verspätung kennt zwar keine Wagenklasse, aber die Möglichkeiten, ihr zu entkommen, sind ungleich verteilt.

Im Regionalexpress sitzen Studierende neben Pendler:innen und Menschen, die ihre Habe in zwei Taschen tragen. Die Bahn zwingt uns wenigstens zeitweise, einander auszuhalten. Kirchen können das auch. Vielleicht zeigen sich die Mysterien in der Hand, die einen Kinderwagen aus dem Zug hebt. In hundert Menschen, die dieselbe Durchsage hören und begreifen, dass sie ihren Anschluss neu suchen müssen. Hoffnung heute auf Gleis 7, Verzweiflung am Bahnsteig direkt gegenüber.

„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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