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Kölner Stadt-Anzeiger: Erzbischof wollte FAZ-Redakteur Daniel Deckers als Fürsprecher gewinnen

Zeitung: Belege zeigen, wie Woelki Opfer und Medien steuern wollte

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Laut einem Zeitungsbericht gibt es Belege dafür, dass der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und seine PR-Berater den damaligen Missbrauchsbeirat gesteuert und versucht haben, den renommierten "FAZ"-Journalisten Daniel Deckers als "Fürsprecher" zu gewinnen. Anlass der Aktionen war laut dem heutigen Bericht des "Kölner Stadt-Anzeigers" (KStA) die Entscheidung Woelkis, das erste vom Erzbistum Köln bei der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) in Auftrag gegebene Missbrauchs-Gutachten im Oktober 2020 wegen juristischer Risiken nicht zu veröffentlichen.

Schon sechs Wochen zuvor hat demnach die PR-Agentur "Ewald & Rössing" im Auftrag des Erzbistums mögliche Szenarien zur Beeinflussung und Lenkung der öffentlichen Meinung durchgespielt. Dazu habe auch gehört, potenzielle Gegner in den Medien einzubinden, sofern dadurch "eine ausgewogenere Reaktion erwartet werden kann",  wie es laut Kölner Stadt-Anzeiger in dem Konzept heißt.

Deckers bestätigt Anruf und Ansinnen Woelkis

Dazu habe Woelki persönlich bei Daniel Deckers von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" angerufen und ihm exklusive Informationen und Dokumente angeboten. Auf Anfrage des KStA habe Deckers dies bestätigt. Dabei habe es laut dem PR-Konzept darum gehen sollen, einen "einflussreichen und glaubwürdigen" Journalisten als "Fürsprecher (Befürworter)" in einem überregionalen Leitmedium zu finden.

Gleichwohl habe Deckers abgesagt, weil er sich zum einen als Nicht-Jurist kein Urteil über die Triftigkeit der Einschätzungen zum WSW-Gutachten bilden könne. Zum anderen wolle er "seine Freiheit als Berichterstatter wahren", wie der KStA berichtet.

"Emotionen, Glaubhaftigkeit und Echtheit"

Schließlich sei der damalige Betroffenenbeirat des Erzbistums in den Blick der PR-Berater geraten. Die Zeitung zitiert: "Jede Entscheidung, die ausdrücklich das Vertrauen der Betroffenen genießt oder im Einvernehmen getroffen wurde, ist automatisch besonders glaubwürdig."

Entscheidend sei eine Sitzung des Beirats am 29. Oktonber 2020, dem Tag vor der ursprünglich geplanten Veröffentlichung des WSW-Gutachtens, zu der es nach Woelkis Willen jedoch nicht kommen sollte. Diese Sitzung solle, wie der KStA die Berater zitiert, so vorbereitet werden, dass möglichst ein einstimmiges Votum für ein neues Gutachten dabei herauskomme. Dazu sollten Woelki und sein Generalvikar Markus Hofmann auf "Emotionen, Glaubhaftigkeit und Echtheit" setzen. Der KStA zitiert die Berater: "Für die Fehler von WSW muss echte Wut gezeigt werden."

"Joker" in der Hinterhand

Die Zeitung berichtet von der Empfehlung der Berater, einen "Joker" in der Hinterhand zu haben: Einsicht in weitere Dokumente oder die Auszahlung der "möglicherweise zurückerlangten Honorare von WSW mittelbar" an die Betroffenen. Dazu könne auch der Einsatz für eine Beschleunigung des Prozesses zur Zahlung von Anerkennungsleistungen an die Betroffenen gehören.

Das Gremium stimmte damals tatsächlich der Nicht-Veröffentlichung des WSW-Gutachtens "enttäuscht und wütend" zu. Man habe dem Kardinal geraten, "die Zusammenarbeit mit WSW sofort zu beenden und Schadensersatz zu fordern". Zwei Mitglieder des Beirats hingegen traten aus Protest zurück und warfen wie auch der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller dem Erzbistum vor, den Betroffenenbeirat instrumentalisiert zu haben.

2,8 Millionen Euro für Beratung

Das Erzbistum Köln informierte im Dezember 2021 darüber, dass Woelki rund 2,8 Millionen Euro für Gutachter, Medienanwälte und Kommunikationsberater ausgegeben hat. An Missbrauchsopfer sei zur Anerkennung ihres Leid seit 2010 knapp 1,5 Millionen Euro gezahlt worden. Die Agentur "Ewald & Rössing" habe 820.000 Euro erhalten, berichtet der KStA.

Das Geld wurde jeweils dem „BB-Fonds“ im Erzbistum Köln entnommen. Er ist ein rechtlich unselbstständiges Sondervermögen des Erzbischöflichen Stuhls neben dem Bistumshaushalt. Die Abkürzung BB steht für „Bedürfnisse des Bistums“. 

Vatikan entlastet Woelki

Die Verwendung der Gelder hat der Vatikan nach einer Überprüfung im Mai als korrekt bewertet. „Nach eingehendem Studium“ sei festgestellt worden, dass bei der Verwendung von 2,8 Millionen Euro aus dem sogenannten BB-Fonds keine Gremien des Erzbistums hätten beteiligt werden müssen, heißt es in einem vom Präfekten der römischen Bischofskongregation, Kardinal Marc Ouellet.

Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller sprach von einer „abstrusen Rechtsauffassung“ der römischen Behörde, die „vollkommen künstlich“ zwischen bischöflichem Sondervermögen und Diözesanvermögen unterscheide.

UPDATE 05.08.2022, 12:45 Uhr: Hintergründe zur Finanzierung | mn

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