Mit ökologischen und kulturellen Projekten soll ein Ort der Lebensfreude entstehen

Zentralfriedhof in Münster ist Paradies für zwei Bienenvölker

Da raucht etwas. Im hinteren Teil des Zentralfriedhofs – dort, wo die evangelischen Gemeinden im Westen von Münster ihre Gräber haben. Hinter grünen Palisaden steigen Schwaden auf. Es riecht etwas verbrannt. „Genau dafür ist der Smoker gedacht“, sagt Clemens Schymocha und zeigt das Handgerät, mit dem er den Rauch in der Luft verteilt. „Die Bienen denken, dass es brennt und ziehen sich in ihren Stock zurück.“ Dort fressen sich die Insekten voll und bleiben träge in ihren Waben, bis die Gefahr vorbei ist, erklärt er.

Es besteht also kein Grund zur Sorge, gestochen zu werden. Trotzdem hat sich der Hobby-Imker vorsichtshalber den Hut mit Gesichtsschleier aufgesetzt, bevor er die zwei Bienenstöcke direkt hinter dem Zaun kontrolliert. „Über den Rauch hat sich bislang kein Besucher beschwert“, sagt er. „Bei dem regen Treiben auf dem Friedhof fällt das kaum auf.“ Auf den Wegen zwischen den Gräbern ist immer etwas los. Viele Gesichter sind ihm mittlerweile bekannt. Wie das des älteren Herren, der oft lange auf einer nahen Bank sitzt und Zigarre raucht. „Wenn er auch meinen Qualm nicht riecht, seinen Dunst rieche ich sofort.“

Es summt über den Gräbern

Seit einem Jahr haben die zwei Bienenvölker des Zahnarztes ihre Heimat auf dem gut 100 Quadratmeter großen Areal des Friedhofs gefunden. Über Freunde hatte Schymocha von der Möglichkeit dazu erfahren. Seitdem surrt es dort kräftig, gerade an sonnigen Tagen. Und das Surren geht weit über die direkt angrenzenden Gräber hinaus. Der Imker kennt die Flugrouten der etwa 30 000 Bienen gut. „Immer dort hin, wo es gerade blüht.“ Zu den Ahornbäumen der zentralen Allee, zu den Frühblühern auf den Wiesen, zum üppigen Blumenschmuck auf den Gräbern.

Familienausflug auf den Zentralfriedhof in Münster
Familienausflug auf den Zentralfriedhof: Clemens Schymocha mit Sohn Aron und Pudel Carlo auf dem Weg zu seinen Bienen. | Foto: Michael Bönte

Das macht den Honig besonders: „Die Vielfalt des Nektars, den die Bienen sammeln und verarbeiten.“ Etwa 50 Kilogramm hat Schymocha im Frühjahr und im Spätsommer ernten können. In den kommenden Jahren wird das mehr werden. Das ständig wechselnde Angebot in der Bepflanzung der Gräber will genutzt werden. Der Imker plant, weitere Völker anzusiedeln. Dann soll der Honig auch verkauft werden.

Ein kleines Paradies

Schymocha ist sicher, dass das auch künftig niemanden beim Gang über den Friedhof stören wird. „Das verteilt sich schnell.“ Denn die Bienen legen auf ihrer Suche nach Blüten auch mal mehrere Kilometer zurück. Wenngleich sie das nicht müssten. Denn die Voraussetzungen direkt vor ihrer Haustür sind ideal. „Besser als irgendwo anders.“ Während in Kleingärten und in der Landwirtschaft gedüngt wird und Pestizide genutzt werden, ist das auf dem Friedhof nicht gestattet. „Für Bienen ist das Blütenmeer zwischen den Grabsteinen damit ein kleines Paradies.“ Und zu trinken gibt es auch genug. Der benachbarte Aasee gehört fest zu ihren Flugrouten.

Die Idee der Bienenzucht passt zum zentral gelegenen Friedhof im Westen von Münster. Mit vielen Projekten wird dort versucht, den Ort der Trauer und des Abschieds auch zu einem Ort der Lebensfreude zu machen. Führungen und Kulturveranstaltungen werden angeboten. Dabei hat auch der ökologische Ansatz seinen Platz. Mit dem Naturschutzbund arbeitet man schon lange zusammen. Nistkästen wurden aufgehängt. Es gibt einen „Vogelstimmen-Rundgang“.

Familienausflug auf den Friedhof

Für Leben sorgt auch der Imker mit seiner Familie. Nicht selten kommt er mit seinen Kindern und Hund Carlo. „Am liebsten aber allein“, verrät Schymocha. Abends, nach einem lebhaften Tag in der Zahnarztpraxis und daheim. Dann findet er zwischen den Bienen auf dem Zentralfriedhof die Möglichkeit zum Ausspannen. „Ich erlebe dann hier die reinste Idylle.“ Er sagt, dass er den Friedhof dabei so genießen kann, „wie ihn auch viele andere Besucher einfach nur genießen“. Ohne Verpflichtung, ohne Druck oder dunkle Gedanken. Sondern als einen Ort, an dem sich die Schönheit des Lebens offenbart. Und zu dieser Atmosphäre gehört jetzt auch das Summen seiner Bienen.