Gast-Kommentar von Stefan Jürgens zur Verbindung von Ehelosigkeit und Amt

Zölibatspflicht ist eine strukturelle Sünde der Kirche

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Bei der nächsten Synodalversammlung ab Donnerstag in Frankfurt wird auch darüber gesprochen, was den Priester von heute ausmacht. Gehört der Zölibat dazu? Stefan Jürgens, selber Priester und Pfarrer in Ahaus, hat in seinem Gast-Kommentar eine sehr deutliche Meinung.

Der Zölibat muss fallen. Was der Glaubenssinn des Volkes Gottes seit Jahrzehnten fordert, was menschliche Vernunft und seelsorgliche Verantwortung gebieten, ist durch den Missbrauchsskandal noch einmal verschärft worden: Die kirchenrechtliche Verbindung zwischen Ehelosigkeit und Weiheamt gehört in die Mottenkiste der Kirchengeschichte. Sie hat unsägliches Leid verursacht und ist eine strukturelle Sünde der Kirche.

Biblisch, historisch und theologisch ist dazu bereits alles gesagt. Tatsächlich gibt es nur wenige Priester, deren Ehelosigkeit spirituell fruchtbar ist; die meisten beginnen ihren Dienst mit hohen Idealen, die sie wenig später einsam in Frage stellen.

Kollateralschäden des Pflichtzölibats

Der Autor
Stefan Jürgens ist Pfarrer in St. Mariä Himmelfahrt Ahaus und Alstätte-Ottenstein sowie von Wüllen-Wessum St. Andreas und Martinus.

Wegen des Zölibats ist der Pries­terberuf nicht attraktiv, geben hervorragende Seelsorger ihr Amt auf, werden Kollegen komisch und krank. Wegen des Zölibats kommt es zu Pas­tora­len Großräumen und zur Vernachlässigung der Eucharis­tie. Durch den Zölibat ist eine männerbündische, frauenfeindliche und selbstverliebte Hierarchie entstanden, die unter sich bleiben will. Der sexuelle Missbrauch schließlich gehört zu den Kollateralschäden des Pflichtzölibats, weil unreife Männer im klerikalen und homophilen Milieu des Priesterseminars unterkommen, statt sich ihren eigenen Untiefen zu stellen.

Nimmt man diejenigen Pries­ter hinzu, deren Übergriffe zwar nicht justiziabel waren, die in der Öffentlichkeit aber „verbrannt“ sind, so muss man feststellen: Da ist ein tiefer Sumpf, den Papst und Bischöfe offensichtlich in Kauf nehmen.

Weltkirche - eine billige Ausrede

Warum? Haben sie Angst vor einer Kirchenspaltung? Stecken sie vielleicht selbst in Seilschaften fest und fürchten die Fallhöhe? Oder sind sie einfach naiv? Der ständige Verweis auf die Weltkirche, derentwegen „man nichts machen kann“, ist eine billige Ausrede.

Unsere Bischöfe sollen die Kirche leiten, gemeinsam mit dem Papst. Die meisten, so scheint mir, treten dabei zwar auf, bringen aber nur wenig voran. Hervorragend bezahlte Abwarter, Alles-beim-Alten-Lasser, Kopf-in-den-Sand-Stecker, Beschwichtiger und Frommsülzer. Dieses Nichtstun ist nicht nur verantwortungslos, sondern desaströs.

„Warum habt ihr solche Angst?“, fragt Jesus. „Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4,40). Gegen den postmodernen Individualismus und den damit verbundenen Relevanzverlust des Glaubens können wir nur wenig tun. Alle anderen Kirchenprobleme sind hausgemacht. Die meisten hängen mit dem Pflichtzölibat zusammen.

Wer den Klerikalismus überwinden will, muss den Zölibat abschaffen.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.